Jedes Quantum freie Zeit, in dem man nicht mit den Zähnen klappern musste, verbrachte ich draußen. Schon vor einigen Jahren haben wir vor dem (ehemaligen) Schweinestall einen soliden überdachten Freisitz gebaut, unser „Draußenwohnzimmer“. Kaum eine Baumaßnahme hat im Verhältnis von Aufwand zum Gewinn an Lebensqualität einen solchen Wirkungsgrad erzielt. Über viele Monate ist es unser Lieblingsplatz, umgeben von Beeten mit Kräutern, Bohnen, Tomaten und hummelumsummten Blumen. Dieses Jahr kam noch eine einfache Draußenküche mit einem Gaskocher dazu. Jetzt muss ich nicht mal mehr zum Kochen in die dagegen als gruftig-dumpf empfundene Wohnung. In der Abendsonne oder auch bei einsetzendem Regen inmitten der florierenden Gartenfülle die frisch gepflückten Genüsse in ein köstliches Mahl zu verwandeln, das gemeinsam mit netten Menschen genossen wird, macht den Alltag zu einem sinnlichen Fest des Lebens.
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Sinnlich wurde ich reich beschenkt dieses Jahr. In keinem Jahr zuvor hörte ich so viele Nachtigallen ihre ergreifenden Melodien schmettern – schließlich sogar in unserem Garten. Auch die Pflanzen sprachen mit besonderer Intensität. Da reckt sich mir auf dem Weg zum Draußenwohnzimmer das aufblühende Seifenkraut entgegen, das hier wie so vieles wild mal hier und mal da aufwächst. Mal dran schnuppern – wow, was für ein Duft! Von einem „Unkraut“, das man so oft einfach an Weg- und Wiesenrändern wachsen sieht. Auch die kraftstrotzende Echinacea, die mir dieses Jahr über den Kopf wuchs und ein Bouquet an prächtigen Blüten dem Himmel und ihren fliegenden Gästen entgegenstreckte, überraschte mich mit einem ungeheuer tiefen samtig-feurigen Duft. Der zart-blumige Hauch der sanftgelben Nachtkerzenblüten, die sich nur für eine Nacht öffnen und verströmen, verwandelte ab der Dämmerung den Garten in ein Lichtermeer von magischem Zauber.

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Verblüfft war ich, dass in keinem meiner Pflanzenbücher diese Duftqualitäten erwähnt werden. Eine doch so auffallende und eindrückliche Eigenschaft. Liegt es daran, dass man sie nicht wissenschaftlich beschreiben kann? Visuelle und akustische Phänomene lassen sich digital bannen – Düfte nicht. Sie sind die poetische Sprache der Natur, die ohne Umwege über den Verstand direkt zum Herzen spricht. Jedem, den ich einlud, die Nase in diese oder jene Blüte zu stecken, zauberte sie ein Leuchten in die Augen, begleitet von einem hingebungsvollen Seufzen...

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September, es wird kälter. Naht das Ende des paradiesischen Draußenseins? Dauerregen bei 15 Grad, jetzt empfinden wir es doch als kuscheliger, das Frühstück im warmen Haus einzunehmen. Danach werden meine Glieder schwer, die Stimmung trübt sich ein, die Lebensgeister schielen nach dem Sofa. Heroisch proben ein paar Zellen den Aufstand: Wie wäre es wohl, trotzdem raus zu gehen...? Probeweise stelle ich mich vor die Haustür, unters schützende Vordach. Nach kaum einer Minute haben die Frische der Luft und der Spirit der Natur meine Lebensgeister geweckt. In Vorfreude auf neue sinnliche Entdeckungen springe ich in die Regenklamotten und wandere in den Wald. Begleitet vom würzigen Duft nach Erde und Blättern, umfangen von Bäumen, Moosen, Kräutern und Pilzen, die die himmlischen Tropfen lustvoll auffangen und aufsaugen. Die Dumpfheit weicht der übersprudelnden Lebensfreude, Teil dieses phantastischen Kosmos zu sein.

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Die Kraft, die in dieser Alltagsnähe zur Natur wohnt, fand ich eindrucksvoll eingefangen in dem großartigen Dokumentarfilm „Weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt“ der gerade in den Kinos läuft, von einem jungen Paar aus Süddeutschland, das über drei Jahre lang ohne Flugzeug um die Welt reist. „Draußen sein“ und die Neugier auf andere Menschen, Kulturen und Naturräume ist für sie das Lebenselixier, das sie durch alle Ungewissheiten, Abenteuer und Strapazen hindurchträgt. Der Film weitet den Blick für die unglaubliche Fülle an Schönheit und Vielfalt unserer Welt und die Kraft der Begegnung von einander völlig fremden Menschen auf einer Ebene, wo die elementaren Dinge des Lebens zählen. Ein Mutmacher in dieser Zeit!

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Ein weiterer Schatz hat mich über die letzten Monate begleitet und viel zu meiner sich vertiefenden Lebensintensität beigetragen: Das neue Buch von Ursula und David Seghezzi – „Vom Zauber der Naturmystik und der Dringlichkeit, dem Leben zu dienen.“ Ich hatte die große Freude, dieses Buch gestalten zu dürfen und da die beiden Naturcoaches im Nachbardorf Beseland leben, genoss ich auch an mehreren Wochenenden mit ihnen in Jahreszeitenritualen in intensive Naturbegegnungen einzutauchen, die sie mit Fantasie, Humor und großer Einfühlung für die Qualität des Augenblicks gestalten und begleiten.

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Das Buch ist eine eindringliche Einladung, sich selbst als Teil der Natur wieder zu spüren, sich an die Hand nehmen und verwandeln zu lassen, um schließlich in Verbindung von inneren und äußeren Kräften zu tun, was wichtig ist – für einen selbst und die (Um-)Welt. Die beiden führen mit einer geschichtlichen Rundumschau über unsere kulturelle Entwicklung und mythologischen Wurzeln ins Thema ein, streifen nach und nach die überformenden zivilisatorischen Schichten unserer Weltsicht ab, durchwandern die Abenteuer der neuen wissenschaftlichen Entdeckungen und tauchen dann mitten ins Herz naturmystischen Erlebens ein. Wie man die Transformationskraft der Natur im eigenen Leben oder als Coach mit anderen nutzen kann, darüber sprechen die beiden im letzten Teil des Buches aus der Fülle ihrer langjährigen Erfahrung als Begleiter in Entwicklungsprozessen nach ihrem in eigener Praxis entwickelten Ansatz auf der Basis unserer mitteleuropäischen Kultur.

Am Ende wurde das Werk doppelt so dick wie ursprünglich geplant, wozu auch viele eingestreute persönliche Erfahrungsberichte sowohl von den Autoren selbst als auch von Seminarteilnehmern beigetragen haben.

Am Freitag, 13. Oktober 19 Uhr wird es eine Vernissage auf dem Hof des umainstituts von Ursula und David in Beseland Nr. 7 geben, auf der das Buch vorgestellt wird. Eine schöne Gelegenheit, die beiden spannenden Menschen kennenzulernen, die der Natur ihr Ohr und ihre Stimme geliehen haben, ebenso wie ihren wunderbaren und vielfältigen Garten, der einen schon beim Betreten verzaubert.

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Lass Trump & Co ihre bizarren Spiele treiben – der Zauber des Lebens und die Kraft zur nötigen Verwandlung liegen direkt vor unserer Haustür. Raus aus der lauen Komfortzone – rein ins pralle Lebenswunder! Die Nachtigall pfeift es aus der Birke: Die Veränderung hin zu dem was das Leben will, ist nicht mehr aufzuhalten, wenn wir mit jeder Zelle spüren, was gelebt werden will.