Ja, es ist so – Sendungen wie Extra3, die Heute-Show und die Anstalt laufen auf meiner Beliebtheitsskala den handelsüblichen Nachrichtenmedien inzwischen den Rang ab. Und das liegt nicht in erster Linie am Unterhaltungswert. Der psychosanierende Faktor ist einfach enorm. Früher nannte man das letzte friedliche Mittel, mit Unzumutbarkeiten klarzukommen, Galgenhumor.
Aber ein weiterer Faktor gewinnt an Gewichtigkeit: Der effektive Nachrichtenwert. Und der offensive Nachdruck, mit dem die Macher dieser Sendungen ihrem Publikum vorführen, was in diesem Land tatsächlich so läuft.
Bisher hat bei mir der Konsum dieser Sendungen, trotz der Reflexe ungläubigen Erstaunens auch immer ein Gefühl von Beruhigung zurückgelassen, oder soll ich sagen Sedierung? Wow, dass bei uns solche Dinge im Fernsehen gesagt, ja regelrecht hinausposaunt werden können, noch dazu von den Öffentlich Rechtlichen, das spricht für eine robuste Demokratie.
So dachte ich bis zur letzten Heute-Show. Schon der von Sendung zu Sendung frenetischer werdende Einstiegsapplaus lässt Rückschlüsse auf den wachsenden innerpsychischen Druck zu. Für eine Regierung wohl die denkbar angenehmste Form, seine Bürger Dampf ablassen zu sehen.
Als dann die "Enthüllung" des neuesten, weitreichenden Gesetzes zur künftigen Totalüberwachung euphorisch bejubelt wurde, wurde es mir doch seltsam. Moment mal, hatten die anderen dasselbe gehört und verstanden wie ich!?
Ich bin Leuten wie Oliver Welke und Max Uthoff herzlich dankbar für ihren aufklärerischen Einsatz und wahrscheinlich kriegt man nur auf diese satirische Weise einigermaßen Publikum dafür. Dieses Publikum kriegt nun wirklich nach Strich und Faden serviert, was die Staatsvertreter mit ihm so treiben – und lacht sich darüber halbtot.
Wie demontiere ich eine Demokratie in Zeiten der modernen Medienwelt? Falls da doch der Staat irgendwelche Strippen zieht, scheint die Taktik voll aufzugehen. Neil Postman wusste schon vor 40 Jahren, wo die Reise hingeht, als er sein medien- und gesellschaftskritisches Buch "Wir amüsieren uns zu Tode" schrieb. Die von ihm beklagte Infantilisierung der Gesellschaft ist ja nun definitiv in der Chefetage der Weltpolitik angekommen.
Und wir Hansel, die wir meinen, noch was zu merken, können wir irgendwas tun zur Rettung der Demokratie?
Vielleicht ja doch, ganz einfach und unspektakulär im Alltag. Fingerzeige dafür gibt das brandaktuelle Buch des renommierten amerikanischen Historikers Timothy Snyder "Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand".
[image]

Und immer noch gibt es ja den basisdemokratischen Aspekt der schönen neuen Medienwelt. Ob der in dieser Runde der sozialen Evolution einen entscheidenden Vorteil im Ringen zwischen Demokratie und Autokratie bietet, muss sich noch erweisen. Sicher ist: Auf die Zivilgesellschaft kommt es an – auf dich und auf mich. Geben wir uns die Hand drauf. Vielleicht muss dieses Netz mal stärker sein, als uns einzelnen das lieb ist. Aber gemeinsam können wir vielleicht auch stärker sein, als wir uns das je zugetraut hätten.


P.S. Und an Welke, Ehring, Uthoff, von Wagner & Co – bitte macht weiter, Auftraggeber hin oder her. Bezahlt werdet ihr ja von mir.

P.P.S. Ein weiteres aktuelles Highlight in der Demontage unserer Demokratie:
"Die schnelle Grundgesetzänderung ist ein Tiefpunkt der politischen Kultur" – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/27015036 ©2017