Die EU, das größte Friedensprojekt nach zwei unseligen Weltkriegen bröckelt, in der Türkei wird gerade die Demokratie abgeschafft, Syrien, die Wiege eines toleranten Miteinanders, liegt in Schutt und Asche, an der Spitze der mächtigsten Nation sitzt ein narzisstischer Psychopath und in Nordkorea zündelt ein großes Kleinkind mit Atomwaffen. Schon morgen kann Chaos ausbrechen, das alles, was uns lieb und teuer ist, in einen vernichtenden Strudel reißt. Was sollen wir da mit Ostern? Schokoeier suchen?

Den Morgenkaffee in der Hand sitze ich da und schaue aus dem Fenster. Diese unbändige Lebenskraft, die gerade aus der Erde und aus allen Zweigen sprießt, im Haselbusch vögeln zwei Meisen und schwingen sich dann pfeifend in den blauen Himmel... Ein absurder Kontrast zur bedrohlichen Lage unserer Menschenwelt.

Unsere Menschenwelt … all diese wahnwitzigen Absurditäten verblassen plötzlich hinter der Kraft der wiedererwachenden Natur. Mach dir keine Sorgen, raunt sie. Ich komme wieder, egal, was ihr anstellt. Ja, denke ich, selbst wenn hier eine Atombombe niederginge oder viele und kein Stein auf dem anderen bliebe – es bräuchte wohl nur wenige Jahre, bis die Natur sich den Raum zurückgeholt hätte, wilder und kraftvoller denn je. Wie im Gebiet von Tschernobyl, aus dem der Mensch sich quasi hinausgebombt hat, zugunsten aller anderen Lebewesen.

Die Natur ist es, die wir ans Kreuz genagelt haben, wieder und wieder, jeden Tag aufs neue. Und was macht sie? Die gemarterte Schöpfung ersteht wieder auf, wie wenn nie etwas gewesen wäre. Vergibt sie ihren garstigen Kindern? Jedenfalls deutet nichts darauf hin, dass sie ihrem renitentesten Zögling plötzlich das Lebensrecht abspricht.

Die Freude über die Gewissheit, dass wir die Natur nicht kaputtkriegen werden, deutet wenigstens eins an: Wir Menschen mögen die unvernünftigen Kleinkinder der Evolution sein, aber wir sind ihre Kinder – eng verwoben mit dem ganzen Geflecht des Lebens. Die unzerstörbare Kraft der Natur strömt auch durch uns. Das ist eine Dimension größer als die einzelnen Gestalten, die morgens mit dem Auto zur Arbeit fahren oder schlaue Sätze in die Computertastatur hacken. Unser individuelles Leben ist ein kurzes Aufblitzen im großen Strom des Lebens, kleine Kreise in größeren Kreisen in größeren Kreisen in größeren …

Es wird Zeit, in größeren Kreisen zu denken. Und das kleine Individuum macht die tröstliche Erfahrung: man kann sie auch fühlen. Dann breitet sich plötzlich ein stilles Lächeln auf dem Gesicht aus. Selbst das Bedürfnis, den wüstesten Idioten dieser Welt den Stinkefinger zu zeigen, ist verblasst. Man geht für einen Moment auf in der Gewissheit, dass alle Idioten der Welt dem Wunder der Schöpfung doch nichts anhaben können. Das das Leben weitergeht und uns immer wieder dazu einlädt.

Und aus tiefem Herzen erwidere ich den Gruß der anderen Osterausflügler: „Frohe Ostern!“