Hermann Scheer ist tot.

Mich zumindest – und viele andere Menschen auch – hat diese Nachricht vorletzte Woche zutiefst erschüttert. Er war ein Vulkan an Energie im Einsatz für erneuerbare Energien, vor allem für Sonnenenergie, ohne dabei völlig abzuheben und blindlings jedes Projekt zu unterstützen. So äußerte er sich äußerst kritisch zu Desert Tec in der nordafrikanischen Wüste.

Vor eineinhalb Jahren habe ich ihn noch live erlebt bei einer Diskussion bei der Münchner Rückversicherung. Beeindruckend, mit welcher rundum überzeugenden Argumentation er hier für die ökologische Wende kämpfte. Ich sah ihn wieder gegen Ende des Films „Let’s make money“, der kürzlich im Fernsehen gebracht wurde (zur Globalisierung, sehr sehenswert!). Er konnte schon sehr rechthaberisch sein, aber er wusste wirklich vieles besser.

Da kämpft jemand jahrzehntelang für ein wichtiges Menschheitsprojekt, muss noch in den letzten Jahren wieder etliche Rückschritte erleben, und tritt dann so plötzlich ab. Fragen nach dem Sinn tauchen auf. Natürlich, die Bücher und Filme von ihm bleiben. Aber er hinterlässt eine große Lücke. Und sein Tod zeigt wieder einmal, dass auch nach viel Engagement, Wichtigkeit und Bedeutung nur eines kommt: NICHTS.

Für mich relativiert dies vieles. Zum einen lohnt sich jeder Einsatz für eine lebenswerte Zukunft, alleine schon um dem eigenen Leben einen Sinn zu verleihen, der davon jedenfalls eher ableitbar ist als von sonstiger zumeist umweltschädlicher Tätigkeit. Zum anderen jedoch ist alles relativ: ob ich jetzt viel erreiche oder wenig, die große Linie der Evolution und Menschheitsgeschichte geht weiter, und es fällt schwer, dies zuzulassen und innerlich etwas loszulassen. Dabei könnte dies den Frust verringern, so wenig tun zu können.

Claude Chabrol, der französische Filmemacher, leider kürzlich ebenso verstorben, meinte zu seinen Filmen: „Man kann die Gesellschaft nur auf zwei Weisen angehen, entweder revolutionär und radikal, oder, wie ich das mache, durch Versuche, nicht die Welt zu verändern, sondern zu zeigen, warum sie sich nicht ändert“.

Das aber auszuhalten ist schwer. Dementsprechend meinte der Schriftsteller Jonathan Franzen kürzlich in einem Interview: „Finden Sie etwa nicht, dass es um die Welt immer schlechter steht? Denken Sie an den Kontinent aus schwimmenden Müll im Pazifik, an die Menge Kohle, die China verbrennt, an den immer verschwenderischen amerikanischen Lebensstil, an den Kollaps der Fischbestände, an die Verdoppelung der Bevölkerung in der Subsahara in den nächsten zwanzig Jahren.

Ich fühle Traurigkeit und Angst, eine angstvolle Traurigkeit. Sobald die Unterhaltung mit Freunden auf etwas Nichttriviales kommt, sprechen wir von dieser Traurigkeit. Und dennoch muss man irgendwie weitermachen und mit der eigenen Unfähigkeit zurechtkommen, den Gang der Dinge nicht beeinflussen zu können, und mit der Notwendigkeit, es dennoch zu versuchen.“ - „Wie tun Sie das?“ - „Was ich gut kann, ist Romane schreiben, das muss ich tun. Einerseits um ein einigermaßen glückliches Leben zu führen in den paar Jahren, die ich habe, andererseits weil ich so die meisten Menschen erreiche und ihnen Freude geben kann. Die Probleme, mit denen wir kämpfen, kann ich so immerhin ansprechen“.

Keine Chance haben, aber sie nützen; angstvolle Traurigkeit aushalten und mit anderen diskutieren; das tun, was man selbst am besten kann: das kann das Rezept sein „für die paar Jahre“, die wir haben. Vielleicht ist die verflixte Endlichkeit dann weniger dramatisch. Loslassen von allzu großen und überfordernden Zielen kann erleichternd sein, und am Ende auch das Loslassen vom Dasein an sich! Eigentlich beruhigend, dass weder wir noch diese heutige fragliche Kultur ewig existieren müssen (und werden).

Andreas Meißner
Autor des Buches "Mensch was nun? Wie wir der ökologischen Krise begegnen - können"
www.mensch-was-nun.de

P.S.: Hätte den Blog gerne schon vor einer Woche veröffentlicht, aber ich kam so lange nicht mehr zu utopia.de rein, da hier das scharfe "ß" im Namen plötzlich nach Jahren Probleme machte.