Nein zu Olympia 2018 und Stuttgart 21: „Ist die Gesellschaft depressiv?“, fragt Gerhard Matzig heute in der SZ. Sie ist es nicht – zumindest nicht so, wie er es beschreibt. Denn er selbst bemerkt Revolte, Bürgerbegehren und Widerspruchsgeist im Volk, was ja nicht gerade depressivem Verhalten entspricht. Eher schon scheint bei manchen Verantwortungsträgern unserer Gesellschaft Größenwahn und Geldgier vorzuherrschen, womit immer wieder neue Großprojekte in die Welt gebracht werden, um dann Immobiliengewinne (Stuttgart 21!) und Prestigebestätigung (Olympia 2018!) zu erzielen, was jeweils wenig gesellschaftlichen Nutzen erwarten lässt. Endlich also lässt sich eine viel zu lange depressiv und träge gewesene Gesellschaft nicht mehr mit absurden Ideen unter Druck setzen, sondern protestiert dagegen, selbst mit dem Risiko, als ewige Nein-Sager abgestempelt zu werden (schon fies: erst unsinnige Projekte starten, und dann über die schimpfen, die Nein dazu sagen, als wären diese verantwortungslos!).

Der von Matzig angestellte Vergleich mit den Olympiaplanungen für 1972 ist unfair. Er erwähnt nicht den damals völlig anderen gesellschaftlichen Kontext, etwa das noch durch die Nachkriegszeit geprägte Bedürfnis, der Welt friedliche Großprojekte aus Deutschland zu demonstrieren, die in Zeiten von Wirtschaftsaufschwung und Fast-Vollbeschäftigung noch kleineren finanziellen Nöte verglichen mit heute sowie die wohl noch geringere Geldgier von Banken, Immobilienhaien und anderen Verantwortlichen, wodurch noch idealistisches Anpacken möglich war. Die damalige Phase des Aufbruchs wird jetzt – zumindest gelegentlich – abgelöst von einem Inne-Halten und einer Reflexion darüber, was eigentlich wirklich nötig ist.

Depressiv ist die Gesellschaft allenfalls im Angesicht von Hartz IV, der zunehmenden Verschuldung europäischer Staaten, des nicht nachlassenden Arbeitsdruckes mit Überlastung und burnout, sowie des deutlicher spürbaren Bewusstseins für ein nahendes Ende des ungebremsten Ressourcen- und Umweltverbrauchs. Krankschreibungen und Frühberentungen aufgrund von Depressionen und anderer psychischer Störungen nehmen weiter zu – all dies ist wahrlich keine gute Voraussetzung, sich für aufwändige Großprojekte im Sinne überholter Wachstumsideen zu begeistern, während in den Schulen die Farbe von den Wänden abblättert, es in Turnhallen tropft, Armutsberichte geschrieben werden und seelische Nöte zunehmen. Da gäbe es viel notwendigere Projekte, zu denen man gerne aktiv (und nicht depressiv) Ja sagen würde!