Da geht nach 12 Jahren Dürre eine Fläche Australiens groß wie Deutschland und Frankreich zusammen in Fluten unter, da liegen Feuer- und Wasserkatastrophen in Russland und Pakistan erst wenige Monate hinter uns, da wählt die Welt seit 2000 das schlechteste der damals vom Weltklimarat entworfenen Klimaszenarien, da wird von einem enormen Anstieg der Naturkatastrophen für 2010 berichtet, da will Griechenland sich durch einen Grenzzaun gegenüber der Türkei vor Wirtschafts- und Klimaflüchtlingen schützen, doch eine Diskussion über ein konsequenteres Vorgehen gegen die Ursachen des Klimawandels findet nicht statt. Im Gegenteil: nach dem letzten Klimagipfel, der von Politik und Medien trotz fehlender konkreter Vereinbarungen in eigentümlicher Allianz als Erfolg gefeiert wurde, wendet sich das öffentliche Interesse wieder scheinbar aktuelleren Themen zu.

Natürlich liegt dies auch an den schon vielfach beklagten mentalen Hemmnissen, sich mit dem unerfreulichen Umweltthema tiefergehend zu beschäftigen. So sind die Folgen unserer Planetenplünderung hier noch kaum spürbar, Fluten und Flüchtlinge sind weit weg, gegen keinen bösen Diktator kann als Schuldigen für das ökologische Dilemma demonstriert werden, und zudem erfordern Alltagsprobleme wie Sorgen um den Arbeitsplatz fast die gesamte Aufmerksamkeit des Einzelnen. All das lässt sich auch unter dem Begriff der Verdrängung erfassen. Weiter herrscht auch die Hoffnung vor, dass schon noch Lösungen für die Umweltprobleme gefunden würden. Psychologisch gesehen verstellt hier eine Kontrollillusion den Blick auf die zunehmend komplexe und kaum mehr beherrschbare Realität.

Was jedoch eine angemessene Wahrnehmung der Situation und damit auch ein entschiedenes Handeln erschwert, sind zwei Faktoren, die sich für Lebewesen in zahlreichen anderen Situationen eigentlich als hilfreich bewährt haben. Das ist zum einen der Totstellreflex, der sich – auch bei Tieren – im Angesicht einer unausweichlichen Bedrohung einstellt. Ein Alarmsignal des Nervensystems führt hier zu merkwürdiger Lähmung, die evolutionär sinnvoll war, um nicht bemerkt zu werden und dadurch noch eine Überlebenschance zu haben. Im Angesicht der ökologischen Krise wirkt sich eine solche angstgetönte Handlungsblockade nun aber fatal aus, da diesmal die Gefahr längerfristig gegeben ist, nicht aus einem Raubtier besteht und somit nicht vorüberziehen wird.

Hier ist zumindest – trotz kontraproduktiver Antwort – eine Wahrnehmung der Gefahren grundsätzlich gegeben ist, im Gegensatz zum Phänomen der „shifting baselines“. Gemeint ist damit die schleichende Veränderung der eigenen Wahrnehmung parallel zu sich in der Umwelt verändernden Situationen. Umgehungsstraßen, Gewerbegebiete und neue Bahnhöfe, erst Gegenstand heftiger Proteste, werden schließlich doch gebaut, und damit dann wiederum ganz normal. Man gewöhnt sich daran und integriert sie in die eigenen Alltagsabläufe, fährt mit dem Auto auf den neuen Strecken und kauft gerne vor Ort in den Einkaufszentren mit den großen Parkplätzen ein. Der Sozialpsychologe Harald Welzer bemerkt dazu, dass chronisch unterschätzt werde, wie sehr die Routinen des Alltags, die gewohnten Abläufe, das Weiterbestehen von Institutionen, Medien und Versorgung dazu beitragen, dass man glaubt, eigentlich würde gar nichts geschehen. Busse fahren weiter, Flugzeuge fliegen, die Supermärkte sind voll, und fließende Benzinhähne scheinen weiter garantiert. All das bezeugt Normalität ohne dass deren latentes Schwinden bemerkt würde.

So wird nicht registriert, dass die Umweltkrise durchaus auch hierzulande bereits Folgen hat, von Schäden durch Abgase und Lärm bis hin zu durch den Klimawandel früher einsetzende und insgesamt zunehmende Allergien. Anführen ließen sich auch eine vermehrte Stressbelastung mit dadurch verursachten gesundheitlichen Störungen bei Wohnen fernab von Grünanlagen und ein deutlicher Anstieg von Krebserkrankungen seit dem zweiten Weltkrieg auch durch seitdem in großem Maße freigesetzte Chemikalien. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Auch an Berichte über ökologische Katastrophen kann man sich gewöhnen – so sie nicht Angst und zu deren Bewältigung Verdrängung und den Totstellreflex auslösen.

Beide beschriebenen Verhaltensweisen sind längst bekannt, wirken sich in der Umwelt- und Klimakrise nun aber entgegengesetzt ihrer eigentlichen evolutionären Anpassungsfunktion aus, so dass die sich vollziehenden Veränderungen nicht angemessen wahrgenommen und bewältigt werden. Vielleicht sind sie aber auch Ausdruck einer düsteren Vorahnung, dass es für die heutige, menschheitshistorisch gesehen einmalige, extrem komplizierte und globale Problemkonstellation vielleicht gar keine Möglichkeiten geben könnte, größere Katastrophen, wie sie schon im Gange sind und sich etlichen Prognosen zufolge noch häufen werden, zu verhindern.

Andreas Meißner
Autor des Buches "Mensch, was nun?"
www.mensch-was-nun.de

(Dies ist ein Beitrag für die SZ, leider nicht gedruckt, da trotz positiver Meinung eines Feuilleton-Mitarbeiters dazu der Feuilleton-Chef ihn für zu wenig pointiert mit zu wenig Neuem hielt)