Begeisternde Beiträge auf Arte und in der SZ am letzten Wochenende: Pflanzen können riechen, vielleicht sogar hören, auf Umweltveränderungen oder Bedrohungen durch Parasiten reagieren. Es ist tatsächlich beeindruckend, was die Wissenschaft heute alles feststellen kann. Am selben Abend in einer Diskussionsrunde zum Buch „Mensch, was nun? Wie wir der ökologischen Krise begegnen – können“ (www.mensch-was-nun.de ): wenn doch viele Menschen diese Informationen wahrgenommen hätten, das könnte doch etwas verändern.

Könnte es das? Wissen wir nicht schon viel Faszinierendes über die Pflanzen- und Tierwelt, über Interaktionen, über Kreisläufe und Fähigkeiten in unseren ökologischen Systemen? Hat das aber jemals irgendeine menschliche Verhaltensänderung im Raubzug gegen die eigenen Lebensgrundlagen bewirkt? Sind wir ehrlich: nein!

Dieses ständige Hoffen auf weltumwälzende Erkenntnisse der Wissenschaften ist naiv und blind. Revolutionär waren bisher nur Fortschritte, die das Leben der Menschen einfacher, bequemer und schneller gemacht haben. Dadurch hatte Forschung direkt (man denke nur an Atomversuche auf irgendwelchen Atollen) und indirekt einen erheblichen Anteil an der Vernichtung von Land und Arten. Aber Forschungsergebnisse für die Vernunft? Für eine Umkehr im umweltschädlichen Verhalten? Gegenwärtig ist gilt es ja weiter als vernünftig, mitzumachen im Streben nach Wachstum, Reichtum und Karriere.

Wir, als Konsumenten von Waren und Botschaften, haben wiederum auch unseren Anteil daran, dass dieser Prozess der Umweltvernichtung anhält. Warum können wir nicht einfach Pflanzen, Tiere, Land und Leute mit unseren Sinnen wahrnehmen und genießen? Sie sehen, hören, riechen – und so sein lassen wie sie sind! Wozu braucht es – anderes Beispiel – erst noch Filmberichte über die letzten wenigen verbliebenen indigenen Völker? Das zerstört durch die Berührung mit der Zivilisation allenfalls deren Lebensstrukturen, bringt uns aber außer kurzer konsumistischer Faszination gar nichts (… danach schalten wir um auf die Tagesthemen). Ähnlich die erwähnte Forschung zu den pflanzlichen Fähigkeiten.

Wo bleibt die Intuition, das Gefühl dafür, dass etwas schön und bewundernswert ist? Diese „emotionale Ergriffenheit“ kann erst neue Werte und Einstellungen schaffen, wodurch ein anderer Umgang untereinander und mit der Umwelt möglich wäre. Und diese emotionale Ergriffenheit schafft dadurch auch Moral.

Ähnlich schlau nämlich ist die Erkenntnis, die heute im Wissenschaftsteil der SZ publiziert wurde: „Religion ist keine notwendige Voraussetzung für Moral“. Puh, da atmet man erst mal durch. Also sind Atheisten doch keine verkommenen Asozialen. Gut, dass die Forschung das herausgebracht hat. - Religion ist doch auch im Grunde ein menschliches Konstrukt zur Sinnerschaffung, zur Erstellung von Regeln, die das Zusammenleben erleichtern sollen. Nötig ist sie dafür nicht. Den Sinn kann und muss man sich letztlich selbst immer wieder suchen und erfinden, und Moral, Werte und Einstellungen lassen sich anders finden, siehe oben!

Vielleicht aber wird die Wissenschaft in hundert Jahren nach langen Untersuchungen feststellen: „Klimawandel, ausgegangenes Öl, Artensterben, Erosion und Wasserknappheit haben es gezeigt: schmerzhafte Einschnitte sind notwendig für entscheidende Änderungen der menschlichen Lebensweise vor allem in den Industrieländern“.

Andreas Meißner – Psychiater und Psychotherapeut

www.mensch-was-nun.de