Entrüstet starren wir auf die Ölpest im Golf von Mexiko, wo seit 20. April täglich bis zu 3 Millionen Liter Rohöl ins Meer fließen. Dabei vergessen wir ganz, bis in welche Tiefen hier gebohrt wurde. Die jetzt explodierte Bohrinsel Deep Horizon war im August 2009 unter 1259 Metern Wasser und 9426 Metern Fels auf Öl gestoßen – „das ist, als würde man vom Gipfel des Mount Everest aus einen Kilometer unter den Meeresspiegel bohren“ (Süddeutsche Zeitung, 03.05.10). 1960 wurde noch in zehn Metern Tiefe gebohrt, auch 1976 waren es „erst“ 300 Meter gewesen.

Da fragt man sich natürlich schon, wo unserer Sucht nach Rohstoffen und dem Drang, hierfür (und in anderen Bereichen auch) alles Machbare auch zu machen, Grenzen gesetzt sind. Sind die hier nun mit der Bohrinselexplosion erreicht? Sicher nicht, in anderen Gegenden der Welt wird weiter fleißig gesucht und gebohrt. Und damit nicht genug: um nun der Klimaveränderung Herr zu werden, die ja nicht zuletzt von der Verbrennung dieser klebrigen Flüssigkeit verursacht wurde, soll nun noch intensiver als bisher schon ins Wettergeschehen eingegriffen werden. „Geoengineering“ ist hier das Stichwort. Denn: laut den Forschern könne man sich ja nicht auf politische Entscheidungen zur Bekämpfung des Klimawandels verlassen, also müsse man, auch wenn man es nicht wolle, ins Klima eingreifen, denn: „in schlimmen Zeiten muss auch schlimme Dinge tun“, sagt der Atmosphärenforscher Caldeira.

Da sollen Schwefelverbindungen in die Stratosphäre in 20 Kilometer Höhe geblasen werden, um hierdurch das Sonnenlicht zu reflektieren, oder Billionen kleiner Linsen im Weltall installiert werden, um die Sonneneinstrahlung zu reduzieren, oder gar Millionen von vier Millimeter großen Ballons in der Stratosphäre ausgesetzt werden, die gefüllt mit Wasserstoff und überzogen mit einer reflektierenden Aluminiumhülle Sonnenlicht zurückwerfen würden. Aber man könnte ja auch über den Ozeanen mittels Spezialschiffen neue Wolken erzeugen zur Lichtreflektion, oder Millionen von windmühlenartigen Staubsaugern aufstellen, die mit Membranen und Filtern CO2 aus der Luft absaugen.

Von Demut und Bescheidenheit, gar einer Veränderung unseres tödlichen Lebensstils, ist hierbei nichts zu spüren. Es siegt weiter die (häufig männlich geprägte) Technologie- und Machbarkeitsgläubigkeit, als wenn nicht die Vergangenheit schon zu oft gezeigt hätte, wie sehr technischer Fortschritt oft mehr Probleme schafft als sie löst (siehe oben). Die alte Indianerweisheit – „erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann – , kürzlich just vom STERN wieder einmal zitiert (der mir durch Nachhaltigkeitsorientierung bisher noch kaum aufgefallen ist), ist zeitlos gültig.

Kürzlich habe ich für meinen Blogbeitrag hier heftige Kritik ernten müssen, dass es doch gut wäre, wenn der Crash, wenn er schon nicht vermeidbar ist, dann wenigstens bald kommen sollte, nicht zuletzt um endlich umsteuern zu müssen (Öko-Psycho-Blog [6]). Ich weiß, dieser Gedanke löst Entsetzen und Unbehagen aus. Da bin ich dann schon an einem Leserbrief in der SZ hängen geblieben zur Ölkatastrophe: „Wie viel Energie steht einem Menschen zu? Die Autos werden größer, die Wohnungen haben mehr Fläche. Sparen? Fehlanzeige. Je höher die Bildung und das Einkommen, umso höher der Energiehunger. Wenn aber durch den Ölaustritt kein Fisch mehr auf dem Teller liegt [was so natürlich nicht passieren wird, Anmerkung von mir], merkt jeder: Geld kann man nicht essen. Die Natur schlägt zurück, bis der Letzte das Licht ausmacht. Also weiter so.“

Unserer Machbarkeit sind enge Grenzen gesetzt, und damit leider auch der Machbarkeit eines bewusst gesteuerten Umschwungs zur Nachhaltigkeit. Mit dieser Erkenntnis zu leben ist nicht leicht, aber möglich – doch das ist ein anderes Thema.

Dr. Andreas Meißner, Psychiater und Psychotherapeut
Autor des Buches „Mensch, was nun? Wie wir der ökologischen Krise begegnen – können“
Siehe auch: www.mensch-was-nun.de