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29. Juni 2016

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Ich hatte gerade die letzten 20 Meter nach einer 85 Kilometer langen Sandpistenfahrt im Hochgebirge vor mir und war in gutem, keineswegs erschöpften oder ausgelaugtem Zustand. Es war eine leicht abschüssige, trockene Asphaltstrecke, auf der ich mit dem Anbremsen startete. Fast gleichzeitig ein kräftiger Stoß und sofort begann bei 20 – 25 km/h ein Abflug über den Lenker. Überschlag würde sich besser anhören – tatsächlich aber war die Sache viel nüchterner und ernüchternder. Das Hinterteil hob sich mit Macht; es gab keinerlei Zeit für irgendwelche eigene Aktionen, um einen bösen Sturz zu verhindern oder abzumildern.Ich stürzte mit dünner Kleidung auf Helm und Gesicht – spürte auch einen heftigen, dumpfen Schlag in die Oberschenkel. Gesicht, Hände, Ellenbogen und Beine waren größerflächig aufgescheuert und blutig, alles schmutzige Verletzungen. Da der Ort des Geschehens belebt war, kamen hilfsbereite Menschen rasch hinzu und erkundigten sich ruhig nach meinem Zustand. Immerhin: Ich konnte erkennen, dass ich trotz des heftigen Schocks klar im Kopf geblieben war. Ich hatte immerhin keine klaffenden Wunden und keine Knochenbrüche erlitten; auch Zähne waren keine beschädigt. Dennoch blieb ich gut 5 Minuten still am Boden sitzen, um mich langsam vor kommenden Aktionen neu zu organisieren. Die Anwesenheit der ruhigen Mitmenschen half mir dabei.

Ich wollte keinen Krankenwagen, schon gar kein Krankenhaus und auch keinen ärztlichen Beistand, obwohl ich äußerlich übel zugerichtet war, starke Schmerzen hatte und diese vielen verschmutzten Wunden. Auch konnte ich nur mit Mühe aufstehen und gehen, denn in den Oberschenkeln hatte es mit Sicherheit tief liegende Blutergüsse gegeben. Die Muskeln auf der Vorderseite waren sehr beeinträchtigt. Doch es gelang mir, aus dem nahe gelegenen Fluss, der ein gutes Forellengewässer ist, eine Schüssel Wasser zu holen und alle Wunden auszuwaschen. Eine mutige Norwegerin reinigte und desinfizierte mir die Wunden an Kinn, unter der Nase, auf der Nase und unter einem Auge. Sie wagte sich auf meine Bitte an die Aufgabe, mir einen kleinen spitzen Stein aus dem Oberlippenbereich mit einer Pinzette zu entfernen, der sich dort ins Fleisch gebohrt hatte und wie ein Splitter tief darin steckte.

Ewa eine halbe Stunde blieb ich in der Beobachtung dieser lieben Menschen. Dann war ich sicher, dass ich deren Zuwendung nicht mehr benötigte und konnte mich dankbar von ihnen verabschieden. Das Ganze war gegen 17.30 Uhr geschehen. Jetzt musste ich dafür sorgen, dass möglichst viele Schürfwunden möglichst vor dem Zubettgehen trocken wurden. Wo dies nicht gelang, ging es nicht ohne Wundabdeckung. Hochprozentiger Alkohol sorgte dabei für schmerzhafte, aber wirksame Desinfektion vorab.

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Die erste Nacht war grausam. Vor Schmerzen konnte ich kaum schlafen. Doch ich war dankbar für den insgesamt relativ glimpflichen Ausgang dieses üblen Unfalls. Den Heilungsverlauf will ich nicht ausführlich beschreiben, nur so viel: Es hatte sich nichts entzündet. Ich blieb ohne Komplikationen und habe in Norwegen das Radfahren zwei Tage nach dem Sturz vorsichtig wieder aufgenommen. Nach fünf Tagen konnte ich meine erste Tour machen – wenn auch mein Äußeres sicher kein schöner Anblick war. Ein demoliertes Gesicht und aufgerissene Kleidung, die aber als einzige wirklich passte, hielten mich nicht vom Training ab. Im Benutzen organisiert sich der Organismus erheblich schneller und besser – davon bin ich fest überzeugt. Schonung war insofern nach zwei Tagen nicht mehr angesagt.

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fünf Tage nach dem Sturz – erste Flächen sind gut verkrustet und benötigen keine Abdeckung mehr.

Vor meiner Heimfahrt, 12 Tage nach dem Unfall, machte ich erfolgreich eine herrliche Tour über 101 Kilometer mit 950 Höhenmetern bergauf – mit dem beschädigten Fahrrad, an dem nur noch drei Gänge nutzbar waren. Aber auch diese Einschränkung motivierte mich mehr als dass sie mich abschreckte.

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Wunden heilen viel schneller, wenn man sich nicht auf sie konzentriert, sondern (natürlich einfühlsam und rücksichtsvoll mit sich selbst) das tut, was man ohnehin tun will. Die schönen Eindrücke lenkten mich hervorragend ab und waren beste Medizin...

Beinahe eine Woche lang war ich felsenfest davon überzeugt, dass mich selbst keine Schuld am Unfall traf, sondern dass es an der Technik dieses Rades mit ungefederter Vorderradgabel mit einer ‚giftig‘ zupackenden Scheibenbremse gelegen hatte. Ich war in ein Schlagloch geraten und ging von einem blockierenden Vorderrad als Sturzursache aus. Mein vorne gefedertes Birdy als Zweitrad absolvierte das gleiche Schlagloch unter fast gleichen Bedingungen ohne ähnliche Probleme.

Dieses ‚fast‘ brachte mich nach und nach ins tiefere Nachdenken über die Ursache dieses alles andere als harmlosen ‚Abfluges‘ über den Lenker mit Sturz auf Kopf und Gesicht und mit Aufprall der Oberschenkel auf Lenker, Gangschaltung und Steuerrohr. Warum konnte das so passieren, was auch weit schlimmer hätte ausgehen können?

Zur Klärung musste ich mich mit grundsätzlichen Fragen der Fahrradphysik befassen – einem Vielfahrer mit langjähriger Erfahrung sind solche Fragen nicht unbekannt, weil er ja auf diese Weise das eigene Fahrverhalten genauer begreift und es auf diese Weise optimieren kann, wenn er denn will. Das war also mal wieder dran für mich. Was genau war da im Detail abgelaufen? Wie wurde der Sturz möglich und schließlich unvermeidbar?

Dazu gehören Betrachtungen über Schwerkräfte, Schwerpunkte, Drehpunkte und dergleichen. Immerhin hatte ich das Rad doch problemlos durch schnelle Abfahrten mit Serpentinen manövriert gehabt. Für einen ‚Überschlag‘ muss der Schwerpunkt von Fahrer und Rad über den Auflagepunkt des Vorderrades auf der Fahrbahn geraten. Im normalen Fahrbetrieb geschieht das grundsätzlich nicht.

Doch wie ist das beim Bremsen? Solange man sich mit den Armen von hinten gegen den Lenker abstützt, so dass der Körper nicht nach vorne gerissen werden kann, gerät der Schwerpunkt nicht in den kritischen Bereich bzw. darüber hinaus. Das Vorderrad mag blockieren; doch dann rutscht es nur auf der Fahrbahn entlang. Das aber war bei mir nicht so geschehen. Also mussten die Bedingungen bei mir anders gewesen sein. Da ich mich genauestens an den Ablauf erinnern kann – welch ein Glück für mich – konnte ich den eigenen Fehler schließlich ausmachen:

Auf dem letzten Streckenstück fuhr ich im Stehen in den Pedalen. Der Schwerpunkt liegt dabei erhöht und näher am Vorderrad-Auflagepunkt. Außerdem zeigen die Arme dabei mehr nach oben als dass sie sich stark von hinten abstützen könnten. Der ungefederte Stoß im unerwarteten Schlagloch bewirkte eine kurze, aber starke Verzögerung – die leicht angezogenen Bremsen brauchten dabei gar nicht zu blockieren.

Bei mir wurde der Körper durch die Massenträgheit etwas schneller als das plötzlich verzögerte Fahrrad. Er wurde also nach vorne gezogen und geriet in den Lenker. Dieser wurde nach vorne gerissen – dabei geriet der Gesamtschwerpunkt über den Auflagepunkt des Vorderrades hinaus. Jetzt wurde der Auflagepunkt zum Drehpunkt für den Gesamtkörper Mensch/Fahrrad. Das Hinterrad hob ab, rasant ging es für mich kopfüber Richtung Fahrbahnoberfläche. Der Rest ist bekannt…

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(diese in trockenem Zustand fast unsichtbare Fahrbahnvertiefung war mir zum Verhängnis geworden)

Es war also letztlich ein primitiver Fahrfehler eines um die 120.000 Kilometer Fahrraderfahrenen gewesen. Nicht gut fürs eigene Ego, aber lehrreich für die eigene Zukunft und für andere, die sich solches Ungemach erfolgreich vom Leib halten wollen.Dieser Artikel ist insoweit ein Unfallvorbeugender – nicht mehr für mich, aber eventuell für andere. Dazu jedenfalls ist er gedacht.

In jeder Bremssituation fest im Sattel bleiben und die gestreckten Arme von hinten in den Lenker stützen – dann gerät der Körper auch bei unerwarteten Stößen oder beim Blockieren der Vorderbremse niemals in den kritischen Schwerpunktbereich, in dem ein Abflug über den Lenker möglich wird. Ohne Helm ist das lebensgefährlich. Da meiner tief genug in der Stirn gesessen hatte und damit nicht nach hinten wegrutschen konnte, war wenigstens der Oberkopf vor dumpfem Aufprall geschützt, der ein Schädel-Hirn-Trauma unter den gewesenen Bedingungen mit Ausgang bis hin zu tödlichen Verletzungen mit sich bringen kann. Glück gehabt bei dem eigenen, ‚dummen‘ Verhalten! Auch nach 120.000 Fahrradkilometern auf diesem Gebiet noch längst nicht ausgelernt…!

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Die Fahrrad-‚Wunden‘ zeugen deutlich von den Kräften an ungewöhnlichen Stellen eines Fahrrades bei einem Sturz. Doch alles ist nicht so erheblich: Klingel und rechter Schaltgriff müssen erneuert werden. Die restlichen Kratzer sind oberflächlich genug, dass sie mit schwarzem Mattlack wieder fast unsichtbar werden:
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Helm und Windjacke sind ersetzbar; bis ich gutes neues Material habe, werden sie aber in Gebrauch bleiben.