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15. 1. 2018

Jeder erfahrene Radfahrer/Vielfahrer könnte mir hier nicht ganz zu Unrecht sagen: " Wozu benötigst du überhaupt einen Zusatzantrieb an deinem Rad?" Vor noch relativ kurzer Zeit hätte ich ihm in jeder Beziehung Recht gegeben - habe ich doch schon einmal nach knapp 10.000 km ein hochstabiles, hochgebirgstaugliches MTB mit Elektroantrieb wieder aufgegeben. Ein wesentlicher Grund dafür war auch das hohe 'Leergewicht' von 27,5 kg gewesen. Und meine Kondition war damals wirklich so gut, dass ich gerne auf dieses Gewicht für einen Elektroantrieb verzichtete.

Die Zeiten hatten sich zuletzt jedoch geändert. Mein Gewicht hatte ordentlich zugelegt und trotz viel Bewegung kam ich davon einfach nicht los. Für mein Birdy war ich einfach zu schwer geworden; die Konstruktion litt spürbar unter meinen vielen Pfunden.
Auch ein für mehr Gewicht zugelassenes Kompaktrad vermochte mich nicht so richtig zufrieden zu stellen, weil mein Organismus nicht mehr die Leistung brachte, die ich von früher her gewohnt war. Kann man denn mit 66 Jahren nicht einfach akzeptieren, nun eben älter und weniger leistungsfähig zu sein als früher? Im Grunde kann ich das voll bejahen, doch es gab dazu eine mir viel peinlichere Begleiterscheinung: Ich verspürte wieder häufiger den Impuls, das Auto anstatt das Rad für so manche Fahrt zu nehmen. Das versetzte mich in Alarmstimmung, denn ich wollte nicht zurück in die massenmotorisierte Lärm-, Gestank- und Stau-Mobilität.

Was also müsste ich anders organisieren, damit es auch mit meinem höheren Gewicht und meiner gesunkenen körperlichen Leistungsfähigkeit noch ausreichend Spaß machen würde, beim Fahrrad als DEM Verkehrsmittel für meine Fortbewegung außerhalb von üblichen Fußwegen zu bleiben wie in den vergangenen 10 Jahren ?

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(bei der ersten Tour an der Nordseeküste September 2017)

Es folgte ein genaueres Hineinhorchen in mich selbst und meine Erwartungen. Dabei wurde mir bewusst, dass ich ja bereits früher hohe Ansprüche an Zuverlässigkeit und Sicherheit meiner Räder gestellt hatte - ebenso an deren Vielseitigkeit:
1. Meine Räder sollten hochgebirgstauglich sein (bis auf mein Brompton für kürzere Strecken)
2. Sie sollten stabil und dennoch nicht zu schwer sein.
3. Ich wollte damit Einkäufe transportieren und auch auf Tour Gepäck mitnehmen können.
4. Ich wollte stets über eine helle Beleuchtung mit guter Fahrbahnausleuchtung verfügen.
5. Ganz wesentlich war mir ein guter Pannenschutz der Reifen, denn unterwegs zu reparieren ist öde.
6. Nach Gewichtszunahme bis zu 110 kg wurde zusätzlich ein Systemgewicht von 130 kg notwendig.
Fast alle meine bisherigen Räder waren demnach bereits nahe dem Versuch, eine Art Eier legender Wollmilchsau für meine nicht motorisierte Alltags-Mobilität zu nutzen.

Wer konditionell nachlässt, der will auch eher ein leichtes als ein schweres Rad haben. Außerdem würde er sich ab und zu in schwachen Momenten gerne einmal zusätzlich 'anschieben' lassen.
Mit diesen Hintergedanken träumte ich den Traum, ein 14 kg leichtes Elektrorad zu bekommen, das ich bei Bedarf auch noch in einigen Jahren problemlos über Treppenstufen tragen können würde. Auch sollte der ausgeschaltete Motor nicht stören, wenn ich das Rad ohne Zusatzantrieb nutze, was mehr der Regelfall als die Ausnahme sein sollte.
Das Anspruchsniveau an mein neues Rad war also noch höher als zuvor geworden.

Auf die Traumphase folgte eine ausführliche Recherche. Was würde der Markt hergeben? War überhaupt etwas auch nur entfernt Ähnliches machbar?
Die Pedelec-Szene hält in der Regel Räder von 25 kg im Durchschnitt bereit. Auf 300 oder gar 500 Watt Motorleistung wie inzwischen angeboten konnte ich gut ebenso verzichten wie auf solches Gewicht. Meine Suche konzentrierte sich also auf Spezialisten im Leichtbau. Fertiges gab es einiges auf dem Markt, aber die Vielseitigkeit, die ich für meinen Alltagsbedarf suchte, war nicht im Ansatz zu finden.
So stand bald fest, dass ich dieses Mal nicht daran vorbei kommen würde, ein durch und durch auf mich zugeschnittenes Rad zu bekommen.

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(mit dem MTB im Zug)

Was ist da nun entstanden?
Es ist ein 29-Zoll-Mountainbike
- mit Hardtail (keine Federung hinten),
- mit schlauchlosen Reifen und Dichtmilch als Pannenschutz,
- besonders leichten Laufrädern und Schaltungs-/Bremselementen,
- mit einem leichten Rennsattel,
- einem Sattelrohrmotor mit Akku in einer kleinen Satteltasche,
- ansonsten voll straßentauglich mit Schutzblechen, Seitenständer, Gepäckträger, Beleuchtung, Klingel und
Rückspiegel.
- Das 16-Watt-Led-Licht ist hell wie ein Autoscheinwerfer und wird aus dem Motorakku mit gespeist.
- Mein Gewichtstraum von 14 kg wurde dabei nur um 2 kg überschritten.

Trotz aller besonderen Ansprüche: Dieses Rad war nicht teurer als vor knapp 7 Jahren mein motorisiertes Elektro-Flyer-MTB von der Stange, den ich mir für das Fahren ohne Strom ebenfalls modifiziert hatte. Doch es wiegt 11,5 kg weniger und das macht einen gewaltigen Unterschied. Außerdem ist der Motor beim Fahren ohne Zusatzantrieb absolut nicht zu spüren, weil nicht wie beim Flyer gegen den Motorwiderstand getreten werden muss.

Da man ein solches Projekt nicht ohne kompetente Hilfe verwirklichen kann, sei hier auch meine technische 'Quelle' dankend erwähnt: Es ist die Offenburger Fahrradschmiede 'RaceExtract' von Jörg Scheiderbauer. Er hat sich auf den Vivax-Antrieb spezialisiert, den er inzwischen in verschiedene Fahrrad-Typen einbaut.
Dieser Antrieb nutzt einen Sattelrohrmotor, wodurch der Elektroantrieb von außen her praktisch nicht zu sehen ist. Der Akku ist in einer Satteltasche untergebracht. Mit der Steuerelektronik zusammen wiegt das elektrische System nicht mehr als 1,8 kg und liefert dennoch vollen Schub für eine ganze Stunde.
Hier wurde intelligent Gewicht gespart, denn nur wenige Fahrten sprengen die Kapazität des Akkus vom Bedarf des Fahrers her. Damit komme ich zu meinen Erfahrungen mit diesem Rad.

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(im ersten Auslieferungszustand vor etlichen Nachjustierungen)

Für jemanden, der es als das 'bessere Auto' nutzen können will, spielt vor allem die Alltagstauglichkeit eine Rolle. Das Rad muss für viele Zwecke brauchbar sein. Das sind Kurzstrecken in der Stadt bei Wind und Wetter, Fahrten mit Gepäcktransport, Wintertauglichkeit, Sicherheit, Zuverlässigkeit z. B. auch im Pannenschutz und nicht zuletzt gute Transportierbarkeit in öffentlichen Verkehrsmitteln für längere Touren ohne Nutzung eines Autos. Mein besonderer Wunsch war wie immer auch die Bergtauglichkeit bei langen Anstiegen.

Transport mit der Bahn: Als Tourenfahrer wollte ich das Rad vor allem leicht mit dem Zug transportieren können. 16 kg lassen sich für mich noch leicht in einen Waggon bugsieren - auch unter Zeitdruck. Solch ein Leichtgewicht wirkt da eher durch seine Größe im Vergleich zu meinen Kompakträdern etwas sperrig. Doch das RaceExtract hat sich in Bahnhöfen, auf Treppen und in Waggons problemlos handeln lassen. Dieser Test wurde locker bestanden.

Fahren ohne Motor: Es wurde versprochen, den Zusatzantrieb im Normalbetrieb ohne Elektrounterstützung nicht zu spüren. Das kann ich voll bestätigen. Im Alltagsbetrieb fahre ich überwiegend in diesem Modus und merke von der Zusatztechnik absolut gar nichts. Mein MTB ist dann also einfach ein hochertiges Gefährt für alle Gelegenheiten. Es rollt erstklassig, Federung und Bremsen wie auch Schaltung sind Top und ohne Tadel.
Wie bei meinen anderen Rädern bin ich mit Rückspiegel für die nötige Verkehrsübersicht unterwegs. Auch verzichte nicht auf zwei helle Klingeln, mit denen ich bei Bedarf freundlich, aber deutlich auf mich aufmerksam machen kann. Trotz MTB will ich nicht verschmutzt von Fahrten zurückkommen. Daher geht es für mich auch nicht ohne Schutzbleche. Immer wieder habe ich auch etwas zu transportieren, deshalb ist ein Gepäckträger Pflicht. Nicht zuletzt will ich sehen und gesehen werden. Darum habe ich bei der Lichtanlage nicht gespart. Mein Lupine Hauptscheinwerfer ist tagüber im 'Sparbetrieb' dennoch unübersehbar; im Dunklen brint er mit bis zu 16 Watt Lichtleistung einen Lichtteppich auf die Fahrbahn, der jedem Autoscheinwerfer Ehre machen würde. Mir reicht der Eco-Betrieb mit 8 Watt aber bereits voll und ganz. Im Internet habe ich einen österreichischen Akkubauer gefunden, der einem 6 Ah-Akku für den Vivax-Antrieb eine Elektronik für die Versorgung der Lupine mit implementiert hat. Wieder einmal eine spürbare Gewichtsersparnis gegenüber der Standard-Konstellation.
Aus Erfahrung im Winterbetrieb kann ich sagen: Für Vielfahrer lohnt sich die Investition in eine solche Beleuchtung schon deshalb, weil sie bei geringem Gewicht dafür sorgt, dass den Radfahrer auch motorisierte Verkehrsteilnehmer sichtlich ernster nehmen.

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(hier beleuchtet das frisch montierte Licht den nachtdunklen , weihnachtlichen Wohnraum.)

Fahren mit Elektrounterstützung: Vor allem Wind kann auf längeren Fahrten die Zeitkalkulation ganz schön kaputt machen, wenn es unerwartet von vorne her bläst. Hier kann nun der Vivax-Zusatzantrieb zeigen, was in ihm steckt. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Pedelecs, bei denen man mit elektrischem Schub anfährt, darf hier erst während der Fahrt zugeschaltet werden. Die Elektrounterstützung setzt dann sanft ein und begleitet mich mit einem dezenten Sirren, während der deutliche Wind dann meist vollständig ausgeglichen wird. So kann ich mit diesem Rad alle Fahrten ohne Rücksicht auf den Wind zeitlich kalkulieren. Dabei gehe ich von 20 km pro Stunde im Dauerdurchschnitt aus. Muss es einmal etwas schneller gehen, dann liefert der E-Antrieb mir etwa 3-4 km/h zusätzlich.
Die Motorleistung ist etwas schwächer als beim Standard-Pedelec: Statt mit 250 Watt (oder mehr) wird hier mit 200 Watt unterstützt. Das reicht mir voll und ganz; manchmal wünschte ich mir auch eine Leistungsabstufung, die aber hier nicht vorgesehen ist.
Was die Akkugröße mit einem Leichtgewicht von 850 Gramm betrifft, so fürchtet man leicht, immer wieder einmal 'ohne' dazustehen. Doch selbst auf meiner längsten Ostfriesland-Tour mit 140 km Tagesetappe reichte die Akkuleistung aus. Wie ist das möglich? Wer um die Grenzen der Ressourcen weiß, der geht auch bewusst mit ihnen um und schaltet den Extraschub nur dann zu, wenn er auch wirklich nötig ist. Wie gesagt: Für eine Stunde Voll-Last ist (ohne Nachladen) Energie vorhenden. Das ermöglicht auch bei heftigem Gegenwind 20 km Strecke mit Voll-Unterstützung. Doch die meisten Wege liegen ja weit darunter und so komme ich gut mit dieser Art von Zusatz-Energie aus.
Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Ausschaltung des Motors über die Pedale. sie erfolgt erst nach einer Sekunde, innerhalb derer es noch eines deutlichen Gegendrucks gegen den Vorwärtsschub im Pedal bedarf. In unübersichtlichen Verkehrssituationen schalte ich den Motor deshalb über den Lenkerschalter aus.

Fahren mit Gepäck: Hier muss ich aufgrund meines hohen Eigengewichts von aktuell 103 kg Abstriche machen. Einerseits trägt der Sattelrohr-Gepäckträger nur bis 10 kg - für mehr müsste ich mir einen Rucksack anziehen. So sieht meine Alltagspraxis aus: Für kleine Last nehme ich einen Rucksack mit. Für Einkäufe nutze ich meine Ortlieb-Satteltaschen. Oberhalb von 6-7 kg Zuladung spüre ich auf unebenerr Piste jedoch deutlich Unruhe durch Schwingungen der Taschen auf dem Gepäckträger, das ich aber vielleicht noch in den Griff kriege, wenn ich die Befestigung schwingungsfrei hinbekomme.

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(Gepäckträger mit Tasche, Satteltasche mit Akku und Fahrradschloss)

Nachjustierungen: Nicht alles ließ sich gleich auf Anhieb lösen. Erst der dritte Gepäckträger brachte optisch und technisch ein brauchbares Ergebnis. Auch bei der Beleuchtung genügte mir erst die leistungsstarke Lupine für Tag- und Nachtbetrieb.
Beim Sattel, der hart und schmal ist, befürchtete ich völligen Schiffbruch, doch Herr Scheiderbauer empfahl mir das harte Renngerät aus eigener guter Erfahrung. Hier klappte es auf Anhieb und ich würde mir keinen weicheren Sattel mehr zulegen wollen. Ich hatte hiermit noch nie einen wunden Schritt nach langen Touren.
Meinen Funktacho werde ich noch durch einen drahtgebundenen ersetzen müssen. Der LED-Hauptscheinwerfer stört das Tacho-Signal, so dass es nicht mehr verarbeitet wird, wenn ich mit Licht fahre. Und das mache ich unterwegs aus Sicherheitsgründen immer.

Pannensicherheit: Ich hatte Bedenken, mich für einen schlauchlosen Leichtreifen zu entscheiden. Den Pannenschutz sollte dabei eine Kombination von Dichtmilch und einer dünnen Kevlar-Einlage im Reifen bilden. Bisher bin ich pannenfrei geblieben - auch im scherbenreichenen Großstadtverkehr.

Wintertauglichkeit: Ich hatte bereits Gelegenheit, im Schnee einkaufen zu fahren. Die Stollenreifen packen deutlich besser als glattere Tourenreifen. Trotz der großen Auflage der Breitreifen gab es kein Durchdrehen oder Wegrutschen. Ich gehe davon aus, dass ich 10-15 cm Schneehöhe problemlos werde bewältigen können.


Das motorisierte Leichtkonzept hat sich bewährt - auch bei mir, der aktuell alles andere als ein Leichtgewicht ist. Es geht also weiter mit 'Fahrrad statt Auto' - zu allen Jahreszeiten und auf allen fahrbaren Wegen (bei mir trotz MTB auch weiterhin ohne 'Offroad').

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(mit Tagfahrlicht: neben den speziellen LED dafür bleibt auch ein schmales Lichtband mit 1,3 Watt vom Hauptscheinwerfer.)