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Auf dem Street-Art-Entwurf ist das "e" im Wo-Ort-Worte zu einer Schlange geworden ...



Nun zu meinem Prozesserleben:





7:45 Uhr gehe ich los, denn um 9 Uhr ist Prozessbeginn, in der Turmstraße, in Saal 817 habe ich auf der Website gelesen.

Im Gerichtsgebäude angekommen frage ich und mir wird gesagt, dass das mit Raum 817 stimmt. Ich steige also die Treppen hoch und komme mit den im Treppenhaus, vor dem Eingang für Zuschauer sitzenden 4 Menschen ins Gespräch. Zuerst erzähle ich, dass ich als Mediatorin eben sehr am Prozess interessiert bin, denn ich denke, dass wir endlich Mediation in Gerichtssälen etablieren müssen, um eine heile Gesellschaft wachsen zu lassen .

Ich erzähle den 4 Menschen, dass ja heute der 14. Prozesstag ist und ich sehr gespannt bin, was heute wieder für eine Überraschung auf mich wartet.

Ich erzähle, dass ich auch Schöffin bin und von dem Prozess in der Zeitung gelesen habe.

Sie staunen und sie sagen, dass heute der 1. Prozesstag ist.

„Wie bitte!“, frage ich? „Ich weiß ganz genau, dass ich zum 14.Prozesstag komme!“

Sie fragen, zu welchem Prozess ich denn will und ich nenne die Namen Yunus und Rigo und sie sagen, dass es hier nicht um diese Beiden geht.



Ich bin sprachlos: „Mir wurde doch unten bestätigt, dass wir heute wieder hier, im Saal 817 sind!“

Es kommt ein älterer Herr, der am letzten Prozesstag auch im Gerichtssaal war und ich frage ihn, ob er weiß, wo heute prozessiert wird.

„Nein.“ Ich sage ihm, dass ich eben erfahren habe, dass hier eine andere Verhandlung stattfindet ...

Wir gehen die Treppen hinunter, um zu fragen. Ein netter Justizangestellter hilft mir, weil ich mit meiner Brille die Aushänge nicht lesen kann. Ich weiß die Familiennamen der beiden Angeklagten nicht, also findet er nichts heraus, schickt mich zurück in ein Auskunftszimmer.



Der Dame dort erkläre ich, wohin ich möchte; sie sagt, sie kann mir da nicht helfen.

In dem Moment kommt eine junge Frau, mit der ich an beiden Prozesstagen im Saal saß; sie hat inzwischen herausgefunden, wo heute prozessiert wird und wir gehen vor den Saal.

Etliche Menschen, vielleicht ca. 30, warten bereits vor der Tür und wir reden miteinander.

Irgendwann werden wir in den Saal gelassen und es ist, wie an beiden vorangegangenen Tagen - es wollen zu viele „Zuschauer“ hinein ...

Ich darf mit in den Saal, aber nach mir müssen etliche Leute draußen bleiben ...

2 von Denen, die drin waren, müssen wieder raus, damit zwei andere rein können.



Der Raum ist so überheizt, dass ich beide Jacken sofort ausziehe und vor mir auf den Fußboden legen muss, weil ich auf meinem Schoß das Papier für Notizen habe - eine andere Möglichkeit, die saubere Garderobe der "Zuschauer" unterzubringen gibt es nicht ...

Der Richterin ist es irgendwann zu warm und sie bittet darum, ein Fenster zu öffnen.

„Das ist aber sehr laut; das Fenster geht zur Straße", sagt eine Frau von den 5 Menschen im Saal, auf deren Rücken das Wort „JUSTIZ“ in großen Lettern prangt.



Auf die Idee, die Heizung herunter zu drehen, kommt außer mir kein Mensch und ich trau mich nicht das zu sagen, weil ich erlebt habe, dass sobald in den „Zuschauerreihen“ ein Wort gesagt wird, die Menschen mit „JUSTIZ“ auf dem Rücken hochspringen und Ruhe einfordern ...



Sie sitzen während der gesamten Prozesszeit zu FÜNFT vor und neben den „Zuschauern“.



Als eine Plastikflasche knistert und ein junger Mann einen Schluck trinkt, springt die Justizangestellte, die direkt vor mir sitzt, auf und sagt laut: „Verlassen Sie den Saal, hier drin wird nicht getrunken!“



Es war heiß und stickig – ich hatte den Vorteil des Mentholbonbons, mit knisterfreiem Papier umwickelt, der förderte meinen Speichelfluss, ohne zu knistern ...



Dass Menschen trinken müssen, damit nicht nur die Hirndurchblutung funktioniert, das hat sich noch nicht überall herumgesprochen ...



Zuerst inormiert die Richterin darüber, dass eine Verteidigerin ausfällt, weil deren Mutter im Sterben liegt und der neue Strafverteidiger wird mit Namen genannt.



Nachdem wir die Zeugenaussage vom letzten Prozesstag vorgelesen bekommen hatten und die Argumente des einen Verteidigers gehört hatten, der nächste Zeuge belehrt wurde und er schweigen wollte, weil bei ihm ein anderes Verfahren wegen Mordes und Waffenbesitzes anhängig ist, kommt es dazu, dass sich das Gericht zur Beratung zurückzieht und wir „Zuschauer“ müssen alle raus aus dem Gerichtssaal und vor der Tür warten.



Das heißt, schnell alle Schreibutensilien in die Taschen werfen, die Jacken anziehen und rausdrängeln ...



Nach ca. 15Minuten(?) werden wir wieder in den Saal gerufen.

Vor mir sagt einer der Männer mit „JUSTIZ“ auf dem Rücken: „Sie müssen draußen bleiben, der Saal ist voll!“



„Wie bitte? Ich war eben auch drin!“



„Tja, müssen sich wohl andre reingedrängelt haben!“



Ich sitze mit ein paar andern Menschen draußen und bin stinkwütend!

„Das ist doch nicht das erste Mal, dass der Raum nicht reicht; ich versteh das nicht! Wir müssen was unternehmen.“



“Wir haben schon versucht, das zu ändern; passiert gar nichts!“



„Wie bitte? Ich glaub, ich schreib mal an ich weiß noch nicht wen.“



Schon kommen alle wieder aus dem Gerichtssaal.

„Oh, hab ich mich ja umsonst aufgeregt.“



Irgendwann werden wir wieder in den Saal gerufen. Das selbe Gedrängel – vor mir ist wieder Schluss. OHA! Ich mag es nicht, mich mit Menschen durch eine Tür zu drängeln und nur wer drängelt, sitzt während des Prozesses im Saal.




Ich überlege, was wichtig ist und beschließe, hier zu fragen, was meint ihr, ist wichtig?

Ich werde nur noch kommen, wenn ich weiß, dass ich in den Prozesssaal kann.



Mein Anliegen ist es, in Justitias Weiten ein Umdenken anzustoßen; deshalb hab ich inmitten von JuristInnen die Ausbildung zur Mediatorin gemacht. Anfang des Jahres bin ich zur Schöffin im Jugendgericht gewählt worden.

Gerade heute hab ich dort einen Termin abgesagt, um hierher kommen zu können.



Ich denke, es ist sehr wichtig, die „Nebensächlichkeiten“ im Prozessgeschehen im Netz berichtet zu wissen, und zwar aus der „Feder“ einer Schöffin und Mediatorin, die neutral im Prozess sitzt, weil sie weder Yunus noch Rigo, noch den Staatsanwalt, noch die Verteidigenden oder die Schöffen kennt.



Die von mir geschilderten „Nebensächlichkeiten“, die ja sehr viel über die Einstellung zum Mitmenschen und zur gesamten Welt generell aussagen, sagen viel.



Ich weiß nicht, wie viel ihr, die ihr hier lest und schreibt, über Mediation wisst.

In einer guten Mediation werden die Positionen, die viele Menschen ja nur allzu schnell bereit sind einzunehmen, hinterfragt. Ihre Interessen, die die Positionen erhalten, kommen ans Licht.

Hier, im Blog, wird über Interessen von Staatsanwalt und Richterin gemunkelt – wissen können wir nur was wirklich hinter ihren Positionen steckt, wenn wir mit ihnen ins Gespräch kommen.



Ich denke, dass das nur gelingen kann, wenn versucht wird, wertfrei zu berichten und ich weiß, wie schwer das ist – ich bin schließlich auch lebendig und voller Gefühle. Dennoch halte ich das für den einzigen Weg, auf dem Denken verändert werden kann und das ist schleunigst angesagt, wegen der Beiden, wegen Yunus und Rigo und wegen alker Menschen, die an Prozessen teilnehmen!



Herzliche Grüße allen, die sich engagieren.

Berthild Lorenz

Mutter, Mediatorin und Schöffin