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7 Monate U-Haft

Die Pannen der Maikrawall-Ermittler

06. Januar 2010 21.09 Uhr, Anne Losensky

Prozess um den angeblichen Brandflaschenwurf zweier Schüler: Der Ermittlungsleiter über die Pannen.





Wir sehen zwei Berliner Jungen, Rigo (17) und Yunus (20). Vor dem 1. Mai 2009 war ihre Welt in Ordnung: Waldorf-Schüler auf bestem Weg zum Abitur, liebe Eltern, große Ideale. Aber sie waren dumm genug, sich in die Hölle der Kreuzberger Mai-Krawalle zu begeben. Sie gerieten in die Mühlen von Polizei und Justiz – fast hätte sie das zerstört …

Verhaftet in der Krawallnacht. Vorwurf: Wurf eines Molotow-Cocktails, ein Frau stand lichterloh in Flammen, Anklage wegen versuchten Mordes. Erst nach sieben Monaten kamen sie frei: Nicht auszuschließen, dass sie verwechselt worden seien, so die Richter (B.Z. berichtete: Sind sie die Opfer eines Justiz-Irrtums?).

Gestern ging der Prozess vorm Landgericht weiter. Ermittlungsführer Mario G. (38) vom Staatsschutz sollte beantworten, wie es so weit kommen konnte, dass zwei Jungs, halbe Kinder noch, so lange unschuldig hinter Gitter kamen.

► Warum Rigos T-Shirt nie auf Brandbeschleuniger untersucht wurde? „Ist im allgemeinen Tohuwabohu untergegangen. Wir sind keine Mordkommission, wo sich fünf Mann um einen Sachverhalt kümmern, ich hatte fünf bis sechs Verfahren wegen versuchten Mordes vom 1. Mai gleichzeitig zu bearbeiten. Ich lag mit Sicherheit nicht auf der faulen Haut!“

► Warum Fotos der wahren, mutmaßlichen Täter erst Wochen später als Lichtbilder vorlagen? „Auf der Dienststelle haben wir leider nicht die technischen Möglichkeiten dafür."

► Warum ihm das mit den Gummihandschuhen nicht aufgefallen sei? Laut Strafanzeige in Rigos Hosentasche gefunden worden, ein Polizeibeamter gab aber zu, sie hätten tatsächlich nur in Rigos Nähe auf dem Boden gelegen? „Ziemlich krasser Widerspruch, war mir nicht präsent.“

► Warum entlastende Beweise nicht vorrangig bearbeitet wurde, wo beide Jungs doch in Haft saßen? „Absoluten Vorrang hatten auch andere Sachen, zum Beispiel eine Phantombild-Fahndung. Zwischen 50 anderen Verfahren ist es nicht möglich, so ein Verfahren richtig zu bearbeiten. Das wussten Vorgesetzte und Staatsanwaltschaft.“





Mein Senf dazu: Seltsam, was bei uns als Arbeitsplatz gilt und ich meine damit unter anderem auch die 4 Stühle im Gerichtssaal, die von 4 jungen und gesunden Menschen besessen werden, auf deren Pullover JUSTIZ steht, die die Aufgabe haben uns, die wir Zuschauer oder Zuhörer genannt werden, zu bewachen!!!

Ich bin nur in einem Gerichtssaal und dieses eine Gericht alleine hat der Nummerierung nach mehr als 800 Räume ...

Gut, in manchen Räumen sitzen vielleicht keine Menschen, die bewacht werden müssen, sondern Tippfixen, wie wir sie früher genannt haben - ich weiß es nicht ...

Ah, sind die Toiletten eigentlich auch nummeriert? Nein, ich erinnere mich nicht daran ...

Von dem Mann, der Mitglied des Staaasschutzes ist, hörte ich mehrmals, dass er das nicht mehr genau sagen kann, was die fragende Richterin wissen will.

Ich muss sagen, ich verstehe die Menschen nicht, die sich darüber empören! Ich schätze seine Ehrlichkeit! Nachdem 8 Monate vergangen sind, wäre es verlogen, zu sagen, dass er etwas noch genau weiß, denke ich.

Er hat ja seit dem 1. Mai nicht irgendwo herumgesessen und sich nur auf dieses eine Ereignis konzentriert; er hat tgl. mit etlichen Menschen Kontakt gehabt, sprach von hohen Stapeln auf seinem schreibtisch. Jeder kluge Mensch weiß, wie schnell Menschen etwas verdrehen oder verwechseln ...

Wie die ganze Sache damals ablief, darüber brauche ich nicht mehr zu sagen, als die BZ berichtete. Mehr könnt ihr bei www.Yunus und Rigo nachlesen.



Was ich allerdings noch erzählen will ist Folgendes: Nach 1 1/2 Stunden Mittagspause geht es weiter. Die Anwälte, also die VerteidigerInnen von Yunus und Rigo, haben eine Leinwand besorgt, damit die Zuhörer die Videos vom 1. Mai auch ansehen können und einen Projektor.

Sie sagen das und beantragen das - aha, die haben um alles zu bitten, lerne ich!

Die Richterin sagt, dass sie diesen Antrag schon ein Mal abgelehnt hat!
In Augenscheinnahme durch die Öffentlichkeit ist nicht vorgesehen!

Der Anwalt bitte das Gericht, nochmal zu beraten.

Das heißt für uns; wieder aufstehen und ins Treppenhaus gehen und dort in Zugluft und Gestank stehend zu warten ...



"Die Würde des Menschen ..."

Wo hab ich diesen Mist bloß her; diese Idee von Würde; was ist das und wer ist der Mensch?

Wir werden nach ca. 10 Minuten wieder hereingelassen, müssen wieder vor den Bänken stehen bleiben, bis die Richterin uns erlaubt, uns hinzusetzen! Dann kommt der Satz: "Die Anordnung der Vorsitzenden wird bestätigt!"

Die Verfahrensbeteiligten werden nach vorne gebeten und hören und sehen sich 1 1/2 Stunden lang stehend Videos an; während wir uns fast zu Tode langweilen.

Die Verfahrensbeteiligten, 9 erwachsene Menschen, drängeln sich also um einen Laptop-Bildschirm, direkt vor der Richterin ...

Wir hören die Geräusche und irgendwann gibt es bei uns Dialoge und meine Bewacherin, die ich heute nur für mich hab, die sagt: "Ruhe hier! Was ist denn hier los?"
Ich antworte leise: "Tja, Menschen eben, lebendige Menschen!"
Sie antwortet mir: "Ja, und was für Menschen!"
Ich: "Kann halt nicht Jeder hier stillschweigend rumsitzen!"

Wie ihr seht, ich bin noch in Freiheit ...

Der Satz von der Missachtung des Gerichtes kam auch noch!
Dann kam noch von einem der Anwälte die Kritik, dass ja viele Videos gesichtet wurden, die weitab vom Geschehen gedreht wurden; das hat ja die Aufklärung massiv hinausgezögert und da kommt einem schon die Idee, dass bewiesen werden sollte, DASS Yunus und Rigo die Täter sind!

Der Staatsanwalt sagte auch noch einen Satz: "Ich plädiere an der dafür vorgesehenen Stelle!"
Schade, dass ich den Ton nicht mitliefern kann ...

Es gibt in etlichen Zeitungen Berichte und auf www.Yunus und Rigo ...