[image]

Yunus und Rigo sind seit 1. Mai inhaftiert
Ich bin zum 4. Mal im Gerichtssaal dabei und passe diesmal auch hinein ...


Eine Frau, deren Gesicht ich vom Sehen her kenne, sagt mir vor dem Saal, dass die Zuschauer dort hinten in den Gerichtssaal gelassen werden. Es ist wieder ein anderer als der angegebene Saal.


Doch zuerts enmal muss man ins Gericht hinein kommen ...
Als wir in einer dichten Schlange am 1.Einlasser des Gerichtes warteten, der die Papiere prüft, kam ich mit einem Mann, der direkt neben mir stand, ins Gespräch. Ich konnte es mir nicht verkneifen, zu sagen, dass ich mich hier fühle wie kurz vor Weihnachten in der DDR, wenn es mal Apfelsinen gab und dass ich ja gespannt bin, was mich hier heute erwartet. Ich will zu einem Prozess, in dem es um zwei Jugendliche geht, die seit 1. Mai inhaftiert sind.

Ja, wir wollten beide zu Yunus und Rigo und der Mann konnte mir sagen, dass wir heute in einem andere Saal sind und obwohl ich bemüht bin, wertfrei wahrnehmen zu wollen, schoss mir sofort durch den Kopf, dass ja die Dame, die ich in der Justizsenatsverwaltung angeschrieben habe, wegen des zu kleinen Verhandlungsraumes doch an der richtigen Stelle etwas gesagt haben könnte, ich naive Alte. Ich suche die Mitmenschlichkeit in Justitias Weiten; da arbeiten doch Menschen, die muss doch da sein ...

Vor dem Nebeneingang zum Verhandlungssaal stehen viele Jugendliche! Direkt neben ihnen eine Tür, hinter der Menschen stehen. In deren Mitte sehe ich eine mir Bekannte und gehe zu den dort Wartenden. Eng aneinander stehen auf dem Treppenabsatz – es ist das Treppenhaus – nun 25 Menschen, die alle in den Saal wollen und vor/ hinter der Tür, im großen Flur, stehen noch ein Mal ebenso viele, denke ich. Ein Mensch sagt, dass die Klasse der Schule angemeldet ist und ich frage mich, wie groß denn dieser Raum sein wird.

Wir, die wir direkt vor der Saaltür stehen, werden in den Saal gelassen und passen alle auf die beiden langen, äußerst unbequemen Bänke.

Nach dem Benennen der – tja, wie heißen sie fachsprachlich? – der für den Prozess wichtigen Leute – liest zuerst Verteidigerin Frau Zecher einen Antrag (hab ich in Erinnerung) vor.
Im Anschluss daran liest die Mutter von Rigo einen Antrag auf Haftentlassung zum Weihnachtsfest vor und schließt mit dem Wort "hochachtungsvoll" (meine Erinnerung).
Sie schildert in ihrem Vorgelesenen die Beziehung zu den Geschwistern, die Einbindung in Familie und Schulgemeinschaft und andere Gruppen und ich bin zutiefst gerührt; ich will hier nicht losheulen, aber mir ist zum Heulen und ich bewundere diese Frau!

Jetzt kommt die Beobachtung, die mir wieder Hoffnung macht. Als Rigos Mutter den fünf in der Mitte Sitzenden, der den Prozess leitenden Richterin und den neben ihr Sitzenden gibt, sehe ich in den Gesichtern jeweils einen Anflug eines Lächelns!

Wie gut, dass ich diesen Moment erleben kann!

Danach Beratung des Gerichtes; wir müssen wieder ins Treppenhaus und dort warten. Ich weiß nicht, weshalb wir nicht auf den Plätzen sitzen bleiben können – für mich unverständlich – und es wird noch ein Mal (oder war es sogar zwei Mal?) – geschehen?

Nachdem wir wieder in den Saal gelassen werden, werden drei Zeugen der Polizei einzeln vernommen. Sie haben die Wohnung des einen Zeugen, der am letzten Verhandlungstag die Aussage verweigerte (wenn ich mich richtig erinnere), nach für die Tat verdächtigem Material durchsuchen sollen.

Es ging ihnen, wie mir, was die Erinnerung anbelangt. Allerdings bin ich der Ansicht, dass ich es mir leisten kann, deutlich zu zeigen, dass meine Erinnerung, bereits 7 Stunden nach Beendigung des Prozesses, schwer getrübt ist und das, obwohl ich beinahe acht DIN A4 Seiten voll beschrieben vom heutigen Prozess mitgebracht habe.

Das ist ein völlig normales menschliches Phänomen ...

Mir ist von dem Prozess besonders in Erinnerung geblieben, dass ich aus dem Mund des Staatsanwaltes bereits zum zweiten Mal hörte, dass er hier nicht der Zeuge sei!
Mit ist weiterhin sehr gut in Erinnerung, dass Verteidigerin Frau Zecher am Ende der Veranstaltung mit energischer Stimme etwas von der leitenden Richterin forderte, zu erledigen.
Da haben mir die Hände gezuckt; ich wollte klatschen; ich bin nämlich ein Mensch voller Gefühle!
Das mit dem Applaudieren macht man überall so, wenn Menschen emotional etwas sehr nahe geht – weshalb eigentlich nicht im Gerichtssaal?

Alle, die anwesend waren, haben intensiv lange Zeit mitgearbeitet – das hätte allein schon Applaus verdient!

Mir ist in Erinnerung, dass die Schöffin heute zum ersten Mal Fragen laut fragte (einschränkend will ich daran erinnern, dass ich erst zum 4. Mal dabei war, vielleicht haben ja die beiden Schöffen an den vorangegangenen 11 Prozesstagen davor viel mehr gesagt?)
Mir ist in Erinnerung, dass die von den Zuhörern aus gesehen rechts neben der die Verhandlung führenden Richterin sitzende Person heute auch zum ersten Mal seit ich dabei bin Fragen stellte.
Mir ist aufgefallen, dass die Hausdurchsuchung im September stattfand – Yunus und Rigo seit dem 1. Mai inhaftiert sind, weil am 1. Mai ein Moli geworfen wurde – hm, wo soll sich der Gericht von damals in dem Kanister festgehalten haben, Fingerabdrücke falle mir noch als Möglichkeit ein, aber nach so Langer zeit – oh, ich möchte keine Richterin sein müssen ...

Ja, und ich hab natürlich immer wieder etliche Fragen.
„Was tun wir (V)Erwachsenen den vier am Prozess direkt beteiligten jungen Menschen an?
Was könnten wir anders machen, damit alle vier direkt Betroffenen nicht mehr leiden müssen? Wann können wir wo andere Wege finden? Wo können wir uns treffen, um andere Wege zu suchen und zu finden? Wer ist dazu bereit, andere Wege zu suchen und dran zu bleiben, bis wir sie gefunden haben?

Es gibt in Brasilien seit vielen Jahren restorative Circles.
Dadurch gibt es Heilung der an Straftaten Beteiligten und deren Umfelder.

Die jungen Männer um die es an den letzten beiden Prozesstagen hauptsächlich ging, zumindest einer von ihnen, ist es gewohnt, mit der Polizei umzugehen, hab ich in Erinnerung, heute gehört zu haben, weil er mehrmals auffällig war ...
Ja, ich denke, dass auch die, die die Tat begangen haben und es nicht sagen, leiden, obwohl sie es vielleicht schaffen, das zwischenzeitlich zur Seite zu schieben ...

Alle Menschen sind als gefühlvolle Babys geboren worden und das ist irgendwo in ihnen, da bin ich mir sicher.

Um 12 Uhr werden wir „entlassen“. Am 15.12.2009 wird der Prozess fortgeführt. Vor Verhandlungsbeginn wird das Gericht über die Anträge beraten ...

Ich bin nach Hause gefahren und war nur noch in der Lage, mich hinzulegen und meinen Tränen freien Lauf zu lassen und ich bin eigentlich eine Unbeteiligte ...

Wie mögen sich Yunus und Rigo, die drei sie Verteidigenden, die Richtenden, der Staatsanwalt, der Sachverständige und die Freunde und Verwandten erst fühlen?