Der Weg in eine ökologische Zukunft



Die meisten, die länger in der ökologischen Bewegung aktiv waren, sind sicher in der einen oder anderen Weise schon mal auf die Gayahypothese gestoßen. Diese Sichtweise, die die Erde ganzheitlich als lebenden Organismus begreift, ist sicher häufig mit viel esoterischem Ballast beschwert unterwegs, überrasschender Weise liefert aber gerade die moderne Genforschung, die Genomic, die Forschung, die sich auf das gesamte Genom im Kontext der biologischen und ökologischen materiellen Welt bezieht, nun eine neue naturwissenschaftliche Begründung für die Gayahypothese.



Inzwischen wird in der weiterentwickelten Genforschung in progressiven Kreisen, die ökologischen und sozialen Fragen gegenüber offen sind, schon lange nicht mehr ein genetisch monokausaler Ansatz verfolgt.

Erstens wird nicht mehr das einzelne Gen, sondern das gesamt Genom betrachtet. Insofern wird hier meist bewußt der Begriff Genomic verwandt. Und zweitens wird dieses Genom in seinen Wechselwirkungen mit Umweltfaktoren und gesellschaftlichen Strukturen untersucht.



Am weitesten entwickelt ist eine solche kritische Genomic im Bereich der Public Health Genomic. So führt z.B. Prof. Angela Brand (Angela Brand: <a href="http://angela-brand.eu/" target="_blank">http://angela-brand.eu/</a>), die in Deutschland auf diesem Gebiet führende Wissenschaftlerin, aus: "Ein Großteil der Krankheiten wird durch mehrere Gene gleichzeitig verursacht und kann in Verbindung mit Umweltfaktoren und individuellen Lebensgewohnheiten ausgelöst werden. [...] Wenn wir eine vernünftige Vorsorge machen wollen, müssen wir das individuelle genomische Profil jedes Einzelnen kennen. [...] Schon heute werden routinemäßig Neugeborene auf Stoffwechselstörungen hin getestet. Ebenso gut könnte man mit Hilfe der Gendiagnostik-Technologie Säuglinge auch auf andere Erkrankungen testen." (Auf die Gene kommt es an: <a href="http://www.fh-bielefeld.de/article/print/6888/-1/192?NavCatID=285" target="_blank">http://www.fh-bielefeld.de/article/print/6888/-1/192?NavCatID=285</a>).

Dabei tritt Angela Brand klar für Freiwilligkeit ein. Grundsätzlich muß das Recht auf Nichtwissen aber gegüber der sozialen Verantwortung bzgl. der Gemeinschaft abgewogen werden. Ein Handeln nach Vogel-Strauss-Manier ist unverantwortlich gegenüber der genetischen Gruppe anderer Gleichbetroffener und gegenüber der Gesellschaft, die die Kosten für diese Selbstvernachlässdigung tragen muß. Das heißt dem Recht steht eine moralische Pflicht gegenüber.

Auch für das Gesundheitshandeln gilt dabei aber, ähnlich dem ökologischen Handeln, dass auf Freiwilligkeit setzende Anreizsysteme und Bewußtseinsveränderungen nicht nur unserem freiheitlichem Gesellschaftsmodell entsprechen, sondern auch viel effizienter sind, um Änderungen im individuellen Handeln zu erreichen, als Zwangsmaßnahmen.

Es gilt an das Eigeninteresse der Menschen zu apellieren. In Zukunft wird z.B. wohl eine genomische Nahrungsberatung alltäglich werden. Das gleiche Essen ist halt nicht für alle gleich gesund. Angehörige unterschiedlicher genomischer Gruppen, müssen auf Grund ihrer differierenden Risikoprofile auch differenziert beraten werden. Die Gleichmacherei, die heute noch in der Lebensmittelberatung und im Gesundheitsekor insgesamt üblich ist, geht an der realen genomischen Individualität der Menschen und ihren daraus resultierenden unterschiedlichen Bedürfnissen vorbei. Erkenne Dein Genom, kenne Dich selbst, damit Du dir Gutes tun kannst, dass wird das zukünftige Motto genomischer Beratung sein.



Die Public Health Genomic ist in der EU heute die Avantgarde. Die Public Health Genomic steckt den Rahmen aber letztendlich selbst noch nicht weit genug. Zwar wird vom Public Health Genomics European Network (PHGEN: <a href="http://www.phgen.eu" target="_blank">http://www.phgen.eu</a>) gefordert die Public Health Genomic vergleichbar dem Gendermainstreaming in allen Politikbereichen der EU zu verankern (Project: Public Health Genetics (PHGEN), Grant Agreement N° 2005313, Final Report, For: 1/2006-3/2009, June 2009), aber der Blick bleibt allein auf die Gesundheit und das menschliche Genom fokussiert. Einzig im Bundesverband Deutscher Genologen (BDG: <a href="http://www.genologen.de/" target="_blank">http://www.genologen.de/</a>) gibt es einige wenige Aktive die weiter denken.



In der Meeresbiologie ist es längst üblich nicht mehr das Genom einzelner Organismen zu analysieren, sondern das Metagenom des ganzen ökologischen Systems. Im gewissen Sinn wird damit das System im genomischen Sinn als übergeordneter Organismus betrachtet. Und ähnlich, wie die Public Health Genomic das Metagenom der Menschheit schützt, muß die Ökologie zukünftig den Schutz des Metagenoms ökologischer Systeme sicher stellen. Der einzelne Organismus ist einzeln nicht lebensfähig. Verschmutzungen, die Einbringung von Schadstoffen, führt nicht nur zur Schädigung einzelner Organismen, sie kann letztendlich zum Totalzusammenbruch des systemischen Metagenoms führen. Genau dies ist zur Zeit auf Grund der Erderwärmung bereits in Teilgebieten der Weltmeere zu beobachten, in denen ganze ökologische Systeme wegbrechen. Um dem entgegen zu steuern, bedarf es dringend, der diffferenzierten Erforschung des Metagenoms.

Die systemischen ökologischen Zusammenhänge können nur begriffen werden, unter Berücksichtigung einer differenzierten Kenntniss des Metagenoms ökologischer Systeme und der genomischen Wechselwirkung mit der Umwelt. Ökologisch verantwortungsvolles Handeln ist in diesem Sinn nichts anderes als eine Art 'Public Health Genomic' bezogen auf die Erde als genomisches Gesamtsystem. Es geht darum die Risikofaktoren des Metagenoms der Erde zu erkennen um insbesondere in Hochrisikobereichen ökologische Belastungen vorsorgend zu minimieren. Das Metagenom der Erde kann dabei durchaus als Genom eines ganzheitlichen Organismus begriffen werden.

Letztendlich realisiert sich damit im Metagenom der Erde die Gayahypothese ganz unesoterisch naturwissenschaftlich materiell.



Genau so, wie für den in gesellschaftlicher Verantwortung handelnden Menschen, für die gesundheitliche Sorge um sich selbst, zuküftig gelten wird -"Erkenne Dich selbst, kenne Dein Genom!" - um so frühzeitig Risikofaktoren bewußt zu minimieren, wird auch für ökologische Systeme zukünftig gelten müssen - "Erkenne das System, kenne das Metagenom!" - um so die komplexen Risiken gesellschaftlichen Handelns für ökologische Kreisläufe frühzeitig minimieren zu können. Von der Public Health Genomic läßt sich viel positives für eine Öko Genomic lernen.



Es gibt viele berechtigte Kritiken an der Genetik, insbesondere an der aktiven Manipulation des Genoms. Ich selbst halte die Freisetzung genmanipulierter Pflanzen auf Grund des niedrigen Wissenstandes über Folgewirkungen im Metagenom der Erde zu diesem Zeitpunkt für unverantwortlich. Das Wissen, das uns die Genomic erschließt, ist aber für eine ökologische Wende hin zu einer modernen nachhaltigen Gesellschaft und Wirtschaft unverzichtbar und sollte nicht nur nicht abgelehnt, sondern bewußt kritisch rezipiert werden.

Außerdem erscheint es sinnvoll, die Kräfte innerhalb der Forschung am Genom und am Metagenom, die ökologischen Fragen gegenüber aufgeschlossen sind, zu stärken und nicht, sie aus unseren Debatten auszuchließen.



Die Public Health Genomic in der Form, in der sie von Prof. Angela Brand und auf der Ebene der EU zumindest teilweise im Public Health Genomics European Network (PHGEN) vetreten wird, kann hier als beispielhafter Ansatz dienen. Weiterführend im deutschen Sprachraum ist nur der Ansatz des Bundesverbandes Deutscher Genologen (BDG: <a href="http://www.genologen.de/" target="_blank">http://www.genologen.de/</a>), ein Verband der aber noch in der Gründungsphase ist.



Es geht darum das Metagenom der Erde zu erkennen, um vorsorgend Sorge zu tragen zur Absicherung gegen die Risiken, die die Erde als ganzheitlichen 'Organismus' bedrohen. In diesem Sinn plädiere ich für die Übernahme des Konzeptes der Public Health Genomic auf den irdischen Organismus hin zur Entwicklung einer Öko Genomic.



Diesen Punkt möchte ich hier im Forum zur Diskussion stellen. Kritik ist immer gut, solange sie sachlich bleibt. Ich hoffe die Tolleranz ist hier groß genug um sich auch auf diese etwas ungewohnte Sicht auf die Genomic einzulassen und darüber zu diskutieren. Ich finde es traurig, wenn an aderer Stelle in diesen Foren nur unsachliche polemische Töne zu diesem Konzepten zu finden sind.



Zum Schluß noch ein kurzer Hinweis auf den Text einer lieben Kollegin im Magazin Ökosmos zum gleichen Thema mit etwas anderem Schwerpunkt. Ein Text der aber eine sinvolle Ergänzung darstellt. Aus Sorge für die Umwelt - GenomiCare: <a href="http://www.oekosmos.de/artikel/details/fuer-eine-ganzheitliche-oekologische-genomik/" target="_blank">http://www.oekosmos.de/artikel/details/fuer-eine-ganzheitliche-oekologische-genomik/</a>.