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([email protected]: Gudrun Haas und Thomas H. Kaspar, München März 2010)

Die Entschleunigung war zunächst ein Schock. Auf der einen Seite die schnelldrehenden Web-Welt mit Checklisten, Next steps und To dos - auf der anderen ein Kommunikations-Konzept, das auf Selbsterkenntnis, Persönlichkeitsbildung und Empathie setzt. Erst ganz am Ende stehen hier konkrete Konfliktlösungsstrategien. Ich habe mit der Trainerin Gudrun Haas über das Seminar und Gewaltfreie Kommunikation gesprochen.

Wie würdest Du Gewaltfreie Kommunikation in wenigen Worten beschreiben?

Gudrun Haas: Die Gewaltfreien Kommunikation ist eine einfache Methode mit vier Prinzipien, um mit sich und anderen umzugehen, somit konfliktfähig zu werden und persönlich zu wachsen (Siehe Erklärung am Ende). Durch diese Stärkung der Persönlichkeit entsteht Verbundenheit und Kooperationsbereitschaft. Die Qualität der Beziehung mit Lösungen, die von allen getragen werden, steht im Vordergrund.

Die Gewaltfreie Kommunikation zeigt einen konkreten Weg auf, mit der Sprache bewusst und verantwortlich umzugehen und schrittweise mit einer „neuen“ Sprache vertraut zu werden, die von Offenheit und Verständnis geprägt ist.

Die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg zeichnet sich durch eine Haltung der Kooperation und gegenseitigen Wertschätzung aus, durch die Bejahung von Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Die „Reise“ beginnt bei uns selbst – Ziel ist ein von allen getragenes Konfliktmanagement und Kooperationsbereitschaft.


Der Gründer der GFK, der amerikanische Psychologe Marshall Rosenberg, hat in vielen Kriegen und Rassenkonflikten mit großem Erfolg vermittelt. Was bringt so eine Methode im Alltag von wohlhabenden Europäern?

Marshall Rosenberg war nicht nur in Kriegen und Rassenkonflikten erfolgreich, sondern hat die Methode ebenso in unzähligen Schulen, Unternehmen, Institutionen, zwischen Paaren, Kollegen und in Gruppen eingesetzt. Er hat festgestellt, dass alle Menschen über Grenzen und Kulturen hinweg die grundlegende Fähigkeit zu Kooperation und Mitgefühl haben und Freude dabei haben, wenn Sie von Herzen geben und empfangen.

Ich habe vorhin schon gesagt, dass im Vordergrund die Qualität der Beziehung steht mit Lösungen, die von allen getragen werden. Die Lösungen sind selbstredend andere, die wir wohlhabenden Europäerinnen und Europäer für unsere Konflikte haben als die Mensch in einer Kriegssituation oder in Rassenkonflikten. Wir haben durch unseren kulturellen Hintergrund, unsere Erziehung und unsere Erfahrungen andere Konflikte und Themen, die uns innerlich beschäftigen und gleichzeitig brauchen alle Menschen über Grenzen und Kulturen hinweg das gleiche – alle wollen Verständnis, Sicherheit, Anerkennung, Liebe, Abenteuer, Kreativität usw. Durch die Gewaltfreie Kommunikation können wir darüber Bewusstheit erlangen, alte Muster entdecken und Feindbilder durchschauen lernen, um zu einem menschlichen Umgang und zu innerer und äußerer Kooperationsbereitschaft zu kommen



Die persönliche Kommunikation unterscheidet sich deutlich vom zeitlich versetzen schriftlichen Austausch, wie er etwa in Foren oder als Kommentar unter Artikeln stattfindet. Bringt hier die GFK überhaupt etwas?

Du sprichst dabei an, dass ich von der persönlichen Kommunikation her gewohnt bin, dass mir mein Gegenüber unmittelbar verbal oder nonverbal mitteilt, welche Reaktion sie oder er auf das hat, was sie oder er gerade erlebt, oder? Im schriftlichen Kontakt kann ich die Reaktionen meines Gegenübers nur ahnen, und diese Vermutungen in den schriftlichen Kontakt einzubauen, ist erstmal ungewöhnlich. Dabei ist es im schriftlichen Kontakt besonders elementar, deutlich und konkret auszudrücken, welche Absichten und welche Fragen ich an die andere Person habe. Um mich deutlich und konkret auszudrücken, muss ich mir natürlich selber klar und bewusst sein, was oft erst einen Selbstempathischen Prozess voraussetzt, den unter Umständen mein schriftliches Gegenüber gar nicht mitbekommen muss.

Deine Frage spricht meiner Meinung nach auch noch einen anderen Aspekt der Gewaltfreien Kommunikation an, nämlich: Sie anzuwenden setzt nicht voraus, dass die Leute, mit denen wir kommunizieren, die Gewaltfreie Kommunikation kennen oder selbst motiviert sind, uns kooperativ zu begegnen. Wenn wir den Prinzipien der Gewaltfreien Kommunikation treu bleiben mit der einzigen Absicht, wertschätzend zu geben und zu erhalten und wir alles tun, was wir können, andere wissen zu lassen, was unsere einzige Motivation ist, werden sie uns in diesem Prozess folgen und vielleicht können wir beiderseits wertschätzend aufeinander reagieren. Das gelingt manchmal nicht gleich und doch haben wir die Erfahrung gemacht, dass Wertschätzung und Kooperationswillen unvermeidlich auftauchen, wenn wir in den Prinzipien und in dem Prozess der Gewaltfreien Kommunikation bleiben.


Gerade Online-Redakteure und Community Manager haben keine Sekunde Ruhe vor dem Leser, müssen ständig kommunizieren, ob sie nun wollen oder nicht. Wie können Web-Arbeiter von der GFK profitieren?

Im Seminar zerlegen wir die Konflikte beispielhaft und erforschen Lösungen. So formuliert klingt die Sprache vielleicht etwas abgehoben, aber es lenkt den Blick sehr klar auf die Prozesse, die in diesem Moment ablaufen. Die Beobachtung, was gerade passiert ist, was es in mir auslöst und welche Bedürfnisse berührt sind. Und am Ende steht eine klare Bitte, die hilft den Konflikt zu überwinden. Mit etwas Übung kann jeder das in seine Alltagssprache übersetzen und Alltag werden lassen.

Ein Beispiel:
Ein Online-Redakteur im Producerraum nach einem Absturz: „Kevin, wo hattest Du Deine Aufmerksamkeit? Das muss schneller gehen, wenn’s pressiert!“

Mögliche aufrichtige Antwort des Producers (Kevin, Student): „Wenn Du sagst, ‚das muss schneller gehen, wenn’s pressiert!’ bin ich irritiert, weil ich gerne Klarheit hätte, wo genau ich hier dazu lernen kann. Bist Du bereit, mir genaueres zu diesem Absturz zu erklären? Hast Du jetzt die Zeit dafür?“


Noch ein Beispiel:
Leitender Redakteur zur Mitarbeiterin: „Hier geht es nicht um Kinkerlitzchen, hier geht es um harte Fakten!“

Mögliche empathische Antwort: „Wenn Sie die harten Fakten erwähnen, wäre es Ihnen wohler, wenn Sie die Sicherheit hätten, dass die Zielvorgaben für dieses Projekt allen im Bewusstsein sind?“


Noch ein Beispiel:
Ein verwarnter User meldet sich nicht mehr auf eine Mail der Community Managerin oder beginnt ein anderes Thema:

Mögliche empathische Reaktion von User C oder des Moderators: „Bist Du frustriert, weil Du Respekt für Deine Anliegen brauchst?“


In unserem Seminar bei CHIP Online mit Community-Managern, Online-Redakteuren und Projekt-Managern waren zur Mittagspause noch viele ratlos, was das bringen soll. Nach dem Nachmittag mit vielen Praxis-Übungen waren die Reaktionen durchweg positiv. Wie erklärst Du Dir diesen extremen Stimmungswandel?

Ich habe es sehr genossen, diesen Prozess mitzuerleben. Mit der Gewaltfreien Kommunikation lassen wir uns auf einen Prozess ein, der mit einem ersten Schritt beginnt und nicht nach einem halben Tag endet, sondern sich langsam entwickelt. Das braucht seine Zeit. Entwicklungsschritte in diesem „learning by doing“ sind das Erleben von Gefühlen und Bedürfnissen und die Erfahrung, wie die Berücksichtigung von Bedürfnissen entspannt und „heilt“ und wie das Leben durch das Stellen von Bitten schöner werden kann.


Kann man allein lernen oder muss man in eine Gruppe gehen?


Meiner Meinung nach kann jemand zwar alleine die Theorie lernen, sich Wissen aneignen und als Vorbereitung für die Gruppe das Grundlagenwerk „Gewaltfreie Kommunikation“ aus dem Junfermann Verlag lesen. Fortschritt und (Selbst-)Entwicklung finden beim Üben mit anderen statt.

Meine besondere Liebe gilt den Übungs- und Supervisionsgruppen – dort ist der Ort, wo ich selber die Gewaltfreie Kommunikation verinnerlicht habe. Dort gibt es den geschützten Rahmen, wo die TeilnehmerInnen erste Schritte tun können und ungewohnte Redewendungen das erste Mal aussprechen können. Im deutschsprachigen Raum gibt es an vielen verschiedenen Orten geschlossene und offene Übungsgruppen - in München unter www.gewaltfrei-muenchen.de. Gerade die offenen Übungsgruppen bieten die Gelegenheit, sich leicht und unkompliziert einer Gruppe anzuschließen.


Lexikon: Gewaltfreie Kommunikation (Definition von Gudrun Haas)


Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg ist eine einfache Methode, die in vier Elementen beschreibt, mit sich und anderen umzugehen, somit konfliktfähig zu werden und persönlich zu wachsen. Es geht darum, eine Qualität der Beziehung herzustellen, die auf authentischer Selbstmitteilung und einfühlsamem Zuhören gegründet ist. Durch diese Stärkung der Persönlichkeit entsteht Verbundenheit und Kooperationsbereitschaft. Die Qualität der Beziehung mit Lösungen, die von allen getragen werden, steht im Vordergrund. Es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass alle Beteiligten sich konstruktiv und kooperativ verhalten wollen. Die vier Elemente werden gleichermaßen in allen drei Prozessen (authentische Selbstmitteilung, einfühlsames Zuhören, Selbstempathie) angewandt.


Die vier Elemente in der Gewaltfreien Kommunikation:

Die Methode trennt bewusst zwischen einer reinen Beobachtung und einer Beobachtung, die mit einer Bewertung vermischt ist. Als Beobachtung gilt, was alle Beteiligtne wahrnehmen können, also sehen, hören, riechen, schmecken, spüren. Ob eine klare Beobachtung benannt wurde, kann überprüft werden, indem alle Beteiligten die Beobachtung teilen.

Gefühle
entstehen einerseits aufgrund der Beobachtung (Auslöser der Gefühle), also wie etwas aufgenommen wird und andererseits aufgrund erfüllten oder unerfüllten Bedürfnisse (Ursache der Gefühle). Durch das Übernehmen der Verantwortung für Gefühle, kann die Ursache vom Auslöser getrennt werden: Nicht die Handlungen des anderen lassen Gefühle entstehen, sondern unsere erfüllten und unerfüllten Bedürfnisse. Es handelt sich um ein „echtes“ Gefühl, wenn die Formulierung beginnt mit: „Ich bin ...“.

"Pseudogefühle" sind Aussagen, in denen Gefühle rational erklärt oder Gefühle beschrieben werden. Es gibt einen Täter und/oder ein Opfer. Um zu den wirklichen Gefühl zu kommen, kann gefragt werden: "Wie fühle ich mich, wenn ich denke, (z. B.) dass ich ausgenutzt werde?" Hinweise auf Gefühle finden sich im körperlichen Befinden.

Bedürfnisse sind ein zentrales Element in der Gewaltfreien Kommunikation. Bedürfnisse sind allen Menschen gemeinsam und verbinden uns. Bewusstheit über die Bedürfnisse aller Beteiligten ist das Herzstück menschlichen Miteinanders.

Bedürfnisse erklären die Gefühle und verringern die Wahrscheinlichkeit, dass der andere sich für meine Gefühle verantwortlich oder schuldig fühlt. Bewusstheit über den Unterschied zwischen Wertvorstellungen und Bedürfnissen kann wertvoll sein, um Verbindung und Trennung zum anderen auf die Spur zu kommen. Bedürfnisse sind: abstrakt, positiv formuliert und unabhängig von Personen oder einem Verhalten einer Person. In den gegenwärtigen Bedürfnissen liegen die Wurzeln der Wahrnehmung, die Ursachen für Gefühle und der Impuls für eine Bitte.

Über Bitten:
o Die Bitte ruft auf positive Weise zu Handlungen auf.
o Bitten sind klar und eindeutig und beziehen sich auf die Erfüllung des unbefriedigten Bedürfnisses.
o Die Bitte ist auf die Gegenwart bezogen und nicht in die Zukunft gerichtet.
o Der Mensch, an den die Bitte gerichtet ist, hat immer die Wahl, die Bitte zu erfüllen oder nicht.

Hilfsfrage: "Ich frage mich, wie ich reagiere, wenn der andere auf meine Bitte „nein“ sagt? Aufgrund meiner Reaktion weiß ich, ob ich eine Bitte formuliert habe oder eine Forderung."

Die Bitte ist das Element in der Gewaltfreien Kommunikation, das die Beteiligten in der Kommunikation wie im Alltäglichen weiter bringt und das Leben bereichern soll. Das Element der Bitte ist u. a. der wesentliche Unterschied zu verschiedenen anderen Methoden der Konfliktlösung oder Kommunikationstheorien (z. B. Thomas Gordon oder Carl Rogers).

Die Gewaltfreien Kommunikation kennt drei Arten von Bitten: die Handlungsbitte – dem andren sagen, was er konkret tun kann, um mein Leben zu bereichern. Die zweite – die Beziehungsbitte – klärt den Kontakt zu meinem Gegenüber und die dritte – die Verständnisbitte – überprüft, ob und wie das Gesagte angekommen ist.


Literatur:


Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens. (ISBN-13: 978-3873874541)

Marshall Rosenberg: Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation. Ein Gespräch mit Gabriele Seils (ISBN-13: 978-3451054471)