Als unsere Achse wieder flott und wir auf der Zielgeraden Richtung Hamburg waren, fiel uns ein monströser Stein vom Herzen. Doch je näher wir gen Heimat kamen, desto mulmiger wurde unser Gefühl. Irgendwie war es komisch zu merken, zu spüren und zu sehen, dass unsere Reise nun wirklich endet und wir vier wieder in einer festen Behausung leben werden. Dass wir wieder all die bekannten Gesichter um uns haben werden, dass das große Entdecken passee sein wird. Schluss mit Wasser schleppen, mit Loch im Wald graben, Schluss mit Handwäsche. Schluss mit dem wilden und freien Leben. Stattdessen Zivilisation und Großstadtalttag.

Schöner alter Hof

Also fuhren wir auf den letzten Metern sehr langsam. Wir legten bei Osnabrück und Bremen einen Zwischenstopp ein. In Osnabrück trafen wir Freunde, die wir auf der Reise kennen gelernt hatten, und bei Bremen einen Bekannten, der gemeinsam mit seiner Freundin einen alten Hof gekauft hat und sich dort gerade einrichtet. Das fanden wir spannend, denn noch waren wir ja auf der Suche nach einem Zuhause. Die beiden haben reichlich Land, zwei Scheunen und ein wunderbares altes Wohnhaus, das sie frisch aufgemöbelt haben. Wir waren schwer begeistert von der Immobilie. Das Leben, so abgeschieden und so sehr auf Landwirtschaft fixiert, wäre aber nichts für uns, was nicht heißt, dass wir nicht ins Grüne wollen.

Anschließend, das war irgendwann Mitte/Ende März, waren wir noch ein paar Tage in der Lüneburger Heide, in der Region Schneverdingen, wo wir uns genauer umsehen wollten um uns dort eventuell anzusiedeln. Aber wirklich warm wurden wir auch mit dieser Ecke nicht. Ähnlich erging uns das zuvor im Freiburger Raum und in der Eifel.

Reif für die Insel?

Unsere allerletzte Reisewoche war sozusagen unser Joker. In dieser Woche wollten wir uns auf Fehmarn umsehen. Wir kennen die Insel ganz gut und haben ein paar Bekannte dort. Zudem meldete die Inselschule großes Interesse an Coco, die ja Mathelehrerin ist – also vereinbarten wir einen Termin.

Fehmarn, von Hamburg rund 150 Kilometer entfernt, bietet ein paar Dinge, die wir suchen: Natur, Ruhe, Wassersportmöglichkeiten und weite Strände, relativ gute Infrastruktur, ne Schule und auch sonst halbwegs gute Arbeitsmöglichkeiten. Ferner eine akzeptable Verkehrsanbindung nach Kiel, Lübeck oder Hamburg, per Autobahn und Zug. Hinzu kommt, dass auf Fehmarn recht viele junge Familien leben. Keine schlechten Voraussetzungen für einen Neuanfang. Nachdem Coco dann auch noch begeistert aus dem Gespräch mit der Schulleiterin kam, war unsere Entscheidung schon fast klar.

Sollten wir unseren Traumplatz tatsächlich in der letzten Woche unserer einjährigen Reise finden? Nur ein paar Kilometer von Hamburg entfernt? Sind wir reif für die Insel?

Wir waren echt hin und her gerissen und haben lange überlegt. Letztendlich haben wir dann aber beschlossen, erst Mal in Hamburg zu bleiben und die Reise zu verdauen und keinen Schnellschuss zu machen, den wir dann evtl. bereuen werden. Wir sind uns relativ sicher, dass uns nichts davon läuft. Im Gegenteil: So lassen wir Spielraum für weitere Optionen.

Rein in die Wohnung

So haben wir am 1. April, genau ein Jahr, nachdem wir Hamburg verlassen haben, die Türe zu unserer Wohnung aufgeschlossen, mit der Gewissheit, dass es erst Mal dort weiter geht, wo es vor der Reise aufhörte: Gleiche Umgebung, fast dieselben Vorzeichen. Nur wir haben uns verändert. Wie und wohin, das erklären wir im nächsten Blogeintrag ausführlich.

Ich hatte die ersten Wochen massiv Schwierigkeiten mit der Eingewöhnung. Damit in der Stadt zu sein, wieder ein gewöhnliches Leben zu führen, mit Waschmaschine, Fernsehen, Telefon und Internet, mit Stress, Stau und Sirenen. Mit all der Post, die sich im Laufe des Jahres ansammelte und beantwortet werden wollte. Damit, wieder Geld verdienen zu müssen, weil die Ausgaben jetzt wieder viel höher sind. Nach zwei Wochen war ich aber wieder voll da und habe die Reise seltsamerweise schon fast vergessen, was angesichts all der Aufgaben, die man nach einem Jahr hat, nicht schwer fällt. Doch dann und wann bin ich kopfmäßig mittendrin wieder irgendwo in Portugal oder sonst wo und stochere im Lagerfeuer rum und Blicke aufs Meer ...

Machen wir heute Feuer?

Den Kindern fiel die Umstellung leichter. Sie waren die ersten Tage einfach nur geflasht: so viele Spielsachen! So viel Platz! Sie wollten fast täglich in die Badewanne. Und sie ließen keine Chance aus, sich mit anderen Kids in der Nachbarschaft zu treffen. Sie vermissten, so schien es anfangs, das Busleben keineswegs. Doch nach und nach kamen dann die Fragen: Wann fahren wir weiter? Warum sind wir die ganze Zeit drinnen? Wann gehen wir raus? Machen wir heute Feuer? Inzwischen ist ihnen (glauben wir) aber klar, dass wir wieder sesshaft sind.

Coco kam ganz gut wieder rein in den Hamburger Alltag. Sie war froh, vor allem nach den kalten, dunklen und nassen Märztagen, die dann im Bus durchaus anstrengend sind (man denke nur an vier Paar nasse Klamotten die im Bus trocknen), wieder in einer Wohnung mit Badewanne, Wäscheständer und ausreichend Kleiderhaken zu sein.

Kaufen, kaufen, kaufen

Interessant war, dass unser Konsum in den ersten Tagen, die wir wieder in der Stadt waren, massiv stieg. Gab es da etwa was zu kompensieren? Oder ist es ganz normal, dass man in der städtischen Umgebung mehr kauft? Aber wie gesagt, dazu mehr im nächsten Eintrag.

Inzwischen hat sich unser Leben weitgehend normalisiert. Wir haben Kindergartenplätze für die Jungs klar gemacht. Sie gehen ab Mitte Mai gemeinsam in eine Kita mit einem wunderbaren Garten, aber eben nur für ein paar Stunden – den Rest des Tages verbringen sie mit uns. Coco wird nach den Sommerferien auch wieder an ihrer alten Schule arbeiten – reduziert auf 60 Prozent. Und ich bin dabei, an meinem Exposé zu arbeiten und hoffe auf einen guten Vertrag. Also drückt mir die Daumen!

Das Bloggen geht weiter

Den Blog, so haben wir entschieden, werden wir erst Mal weiterführen, wenn auch nicht mehr ganz so regelmäßig. Schließlich sind wir noch immer auf der Suche und werden uns im Laufe des Jahres noch einiges ansehen und ausprobieren – und darüber berichten. Es bleibt also spannend. Stay tuned!






Ach ja, noch was: ein paar Zeilen von Falco, die ganz gut zu unserer Situation passen …


One Year ago,
ein Jahr wie eine Ewigkeit …
… Du hast dich verändert,
wir haben uns verändert.
Das Leben ist Veränderung.


Jeanny Part 2 / Coming Home: http://goo.gl/5qZlbn