Der Anblick ist skurril: Da kommt also so ein extralanges Superluxus-Wohnmobil angekurvt, eines, das an den Seiten ausgefahren werden kann, und das einem vorkommt, als wäre es unendlich. Wenn sich dann doch das Ende abzeichnet, hängt hinten auch noch was dran: ein Auto.Wer nicht gleich einen Kleinwagen im Schlepptau hat, hat zumindest einen Motorroller dabei. Man will ja mobil sein, wenn das Wohnmobil samt Vorzelt und Gartenzaun erst mal steht. Ganz fürchterlich sind die sogenannten Quads, grobstollige, vierrädrige und krachmachende Geländefahrzeuge, mit denen eigentlich nur Farmer durch die Prärie fräsen. Dachte ich jedenfalls, wurde auf unserer Reise aber eines besseren belehrt. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich diese Ungetüme bei 60-Plus-Jährigen Franzosen, die in Marokko überwintern, und damit zum Campingplatz-Klo knattern oder zum Bäcker.

Wir haben – natürlich – auch ein Beiboot dabei, wie man auf Caravan-Slang sagt. Unseres hat aber keinen stinkenden Motor, sondern wird per Muskelkraft angetrieben. Es hört auf den Namen „Chariot Captain XL“ (so viel Werbung muss sein, denn das Ding ist echt Qualität), ist ein Anhänger, den man hinter sein Fahrrad schnallt und so ganz bequem zwei Kinder, die Einkäufe oder was sonst auch immer transportieren kann.

Ganz gleich, was in den Anhänger geladen wird, das Ding erweitert den Freiheitsradius enorm. Da die Zeit, die ich radeln kann begrenzt ist, kommt es mir nur entgegen, beide Kinder, die zusammen an die 40 Kilo wiegen, sozusagen als Trainingsballast mitzunehmen. Ich kann euch sagen: mit dem Extragewicht wird eine zweistündige Rundfahrt fast schon zur Trainingseinheit für Olympia – vor allem wenn Berge dabei sind. Und wenn meine Frau mitfährt (ja, jetzt wird’s etwas angeberisch) wirft mich der Anhänger so weit zurück, dass wir zusammen entspannt unsere Runde drehen können, ohne, dass ich mich dabei in Grund und Boden langweile oder sie sich gehetzt fühlt. Sorry Baby – Du hast andere Qualitäten!

Einmal, im vergangenen Sommer, wollte ich es ernsthaft wissen. Wir waren in den Pyrenäen und in Sichtweite lag der sagenumwobene Col de Peyresourde, ein in den Berg gemeiselter Anstieg, den selbst die Tour-de-France-Profis fürchten. Jedenfalls habe ich Marlon in den Anhänger gepackt und ihm versprochen, dass er, wenn wir es bis zum Pass auf 1569 Meter Höhe schaffen, einen Crêpes spendiert bekommt. Wir also los, natürlich in der Mittagszeit, die Sonne knallte 35 Grad auf den Asphalt und der Pass war noch über 15 Kilometer und 900 Höhenmeter entfernt. Die durchschnittliche Steigung, wie ich später erfuhr, beträgt 6,1, die Maximalsteigung 9,3 Prozent. Und ich Idiot will da mit Anhänger hoch …

Egal. Nach den ersten fünf Kilometern hatte Marlon meine Halbliterflasche Wasser leer getrunken und war selig eingeschlafen. Jetzt bekam ich Durst – Pech. Wer den Pass vor Augen hat, glaubt Orgelklänge zu hören und denkt unweigerlich an Jesus, wie er sich mit dem Kreuz auf dem Rücken den Ölberg hinaufquält. Nicht wenigen Radlern wurde es hier dunkel vor Augen, etliche kollabierten. Den Gedanken an solche Szenen verdränge ich und hoffe, dass alsbald ein Bach aus der Bergwand sprudelt und ich meine Flasche auffüllen und meinen Durst stillen kann.

Immer wieder wird unser Gespann überholt und wir ernten mal anerkennende Blicke, mal fassungsloses Kopfschütteln. Nur einmal überholen wir einen anderen Radler. Einen sehr alten Mann, aus England, mit dem ich kurz rede, so gut dass die ausgehende Puste eben zulässt. Ein großer Triumph, für den Athleten in mir. Ich erspar euch die ganze Geschichte, nur so viel: Wir haben noch Wasser gefunden, wir haben es bis hinauf zum Col geschafft und Marlon hat sich seinen Crêpes schmecken lassen, während ich fast einschlief.

Was ich aber eigentlich sagen will ist: Die schweißtreibenden Anstrengungen lohnen sich und das Resultat ist auf allen Ebenen befriedigend. Wer per Muskelkraft sein Ziel erreicht, hat was geleistet. Es muss ja nicht gleich die Pyrenäen-Rampe sein. Aber statt nem stinkenden Kleinwagen oder nem Roller tuts das Rad in den meisten Fällen voll und ganz. Man ist schneller, gesünder und umweltfreundlicher unterwegs.

Mit Anhänger erweitern sich die Möglichkeiten des Radelns um Welten. Jetzt lassen sich enorme Lasten bewegen. Einmal hatte ich ne 11-Kilo-Flasche Gas, zwei Kinder und nen kompletten Einkauf im Anhänger, da waren wir allerdings im Flachland unterwegs. Oft habe ich literweise Wasser rangekarrt. Zig Male bin ich los und hab den Anhänger voll Holz gemacht. Einige Male habe ich mein ganzes Windsurfequipment in den Anhänger geschnallt und bin ans Meer geradelt. Aber es muss nicht unbedingt ein Anhänger sein. Sogenannte Lastenräder haben einen großen Korb und einen tiefliegenden Schwerpunkt und erlauben es mindestens genauso gut, Sprudelkisten oder was auch immer zu transportieren und das Auto zu ersetzen.

Ich kann allen nur dazu raten, was immer geht, mit dem Rad zu machen. In Radverbände wie etwa „Critical Mass“ einzutreten und sich dafür einzusetzen, dass mehr Radwege gebaut und weniger Auto-Industrie-Subventionen gezahlt werden. Dass die Geschäftswagen-Privilegien beschnitten und dafür Fahrräder steuerbegünstigt angeschafft werden können.