Am Singplatz traf sich die gewohnte Runde aus alten Damen. Wir begannen mit fröhlichen Kinderliedern und wurden zum Schluß hin melancholisch. "Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und breit, wo wir uns finden wohl unter Lindenzur Abendzeit. Da haben wir so manche Stund, gesessen da in froher Rund´. Und taten singen die Lieder klingen im Eichengrund. Daß wir uns hier in diesem Tal, noch treffen so viel hundertmal, Gott mag es schenken, Gott mag es lenken,es hat die Gnad´."Wie oft ich noch mit den Senioren im Altersheim singe, ist völlig offen. Jeder Tag kann der letzte sein. Erst hoffte ich, dass meine Mutter zu Weihnachten noch lebt. Und jetzt wird sie immer lebendiger. Ich werde also noch einige Male meinen Singkreis veranstalten. Eine alte Frau fehlte allerdings. Ob sie jetzt schon im Jenseits weilt? Wenn man regelmäßig das Altersheim besucht, wird einem die zeitliche Begrenztheit des Lebens immer wieder deutlich vor Augen geführt.

Die Zeit des Lebens ist begrenzt. Wir sollten unser Leben gut nutzen. Was ist ein gut genutzes Leben? Im Altersheim-Cafe gab es wieder leckeren Kuchen. Meine Mutter fütterte ich mit kleinen Apfel- und Mandarinenstücken, die ich von zuhause mitgebracht hatte.
Frau Trotzki war auch schon da. Sie hatte mein Buch gelesen. Jetzt konnte sie sich endlich meinen Namen merken. Er kam im Buch oft genug vor. Freudig rief sie schon von weitem "Niiiils". Ich konnte sie wieder damit begeistern, dass ich ihren vollständigen Namen und sogar ihr genaues Alter kenne. So tritt sie aus der Anonymität des Altersheimes heraus.
Viele der anderen Seniorinnen hatten mein Buch auch gelesen. Sie mochten das Buch sehr gerne, weil es humorvoll über das Altersheim berichtet. Eine Frau merkte leise an, dass sie wüßte, wer mit der bösen Oberaltenpflegerin gemeint ist. Die begegnete mir auch sofort auf dem Parkplatz. Sie war aber freundlich zu mir. Sie hatte das Buch vermutlich noch nicht gelesen.

Zum Abschluss spielte ich noch zwei christliche Lieder für die Katholikin im Zimmer meiner Mutter. "Gottes Liebe ist so wunderbar" kann sie jetzt schon mitsingen. Sie kann allgemein gut singen. Sie war früher im Kirchenchor. Das hört man an ihrer klaren Stimme. Ich dagegen wurde aus dem Kirchenchor als kleiner Junge herausgeschmissen, weil ich immer so falsch singe. Ich durfte nicht als Engel in der Kirche mitsingen. Deshalb bestrafe ich jetzt die Welt mit meinem falschen Gesang im Internet. Der evangelische Pastor hat Schuld, dass aus mir ein kleiner Teufel wurde.
So wird man zu einem Bösen. Jetzt weiß ich es. Gott hat den Teufel aus dem Himmel herausgeschmissen und mich aus dem Kirchenchor. Er brauchte wohl noch ein paar Böse auf der Welt. Obwohl ich nicht wirklich böse bin. Ich singe nur falsch. Aber ohne bösen Vorsatz. Es ist einfach meine Natur falsch zu singen. Ich wurde jetzt sogar im Internet zum schlechtesten Youtuber aller Zeiten ernannt.
Das sehe ich als große Chance an. Ich kann so viele Jugendliche mit meinen spirituellen Ideen erreichen. Insbesondere Lach-Yoga spricht sie sehr an. Und dazu passt es sehr gut, wenn ich zwischendurch einige schiefe Lieder singe. Viele Jugendliche haben sich inzwischen mein Video über den Sinn des Lebens angesehen. Die Resonanz ist überwiegend positiv. Ich bringe sie dazu nachzudenken und Fragen zu stellen.
Es ist eine sehr bedeutende Frage, was der Sinn ist. So kommt man dazu die Zeit des Lebens gut zu nutzen. Die meisten Jugendlichen vergeuden ihre Lebenszeit mit sinnlosen Computerspielen und weltlichem Konsum. Dabei hat doch jeder Mensch ein Erleuchtungspotential. Man kann in seinem Leben im inneren Glück wachsen oder schrumpfen. Das ist das große Geheimnis.

Kostenlose PDF Der Yogi und seine alte Mutter https://sites.google.com/site/nilshorn2/file-cabinet/Der%20Yogi%20und%20seine%20alte%20Mutter.pdf?attredirects=0&d=1