Leider hatte das Leben es anders geplant. Meine Energie wurde gebraucht, um die alten Frauen glücklich zu machen. Als ich nach meiner Mutter sah, ob sie schon aufgewacht war, war sie verschwunden. Ihr Bett war leer. Wo war sie wohl hingebracht worden? Eine alte Frau gab mir den entscheidenden Tipp. Meine Mutter sei wohl in der Bibliothek. Das ist vermutlich ein Abstellraum für alte Frauen, die gerade nicht gebraucht werden.

In der Bibliothek am anderen Ende des Altersheimes saßen drei Frauen. Eine konnte lesen und wartete auf die Bibliothekarin, die in einer halben Stunde kommen sollte. Die anderen beiden Frauen konnten nicht lesen und waren dort einfach nur hingeschoben worden. Bei näherem Hinsehen erkannte ich eine von ihnen als meine Mutter. Sie ist jetzt wirklich alt geworden und kaum wiederzuerkennen. Sie sieht aus wie 180, obwohl sie erst 93 ist. Sie reagierte auch nicht, als ich sie ansprach. Sie war im Abgestelltenmodus in der Warteschleife.

Ich beschäftigte mich mit der anderen alten Frau, die ich nach einiger Zeit zum Reden brachte. Sie erzählte mir, dass sie seit drei Monaten im Altenheim ist. Sie sei 90 Jahre alt. Ihr Mann sei vor drei Monaten gestorben. Sie waren 60 Jahre verheiratet. Ich fragte sie, ob sie nicht traurig sei. Sie meinte, dass sie sehr trauerte und nachts mit ihm redet. Sie hatte gehofft vor ihrem Mann zu sterben. Aber es sollte nicht so sein. Jetzt saß sie allein im Altersheim, kannte keinen Menschen und redete auch kaum.

Von Beruf war sie Kindergärtnerin gewesen. Sie hatte drei Kinder. Und sie liebte Norddeutsche Lieder. Als sie meine Ukulele sah, fing sie gleich an zu singen. Zum Glück kenne ich einige plattdeutsche Lieder. Das machte sie glücklich. Es war wohl der Grund, weshalb das Leben (oder nennen wir es Gott oder meine Meister) mich heute in die Bibliothek geführt hatte. Ich glaube, dass in meinem Leben nichts zufällg geschieht. Heute konnte ich eine arme alte Frau aufmuntern, die diese Aufmunterung dringend brauchte.

Nach einer halben Stunde kam tatsächlich die Bibliothekarin. Sie suchte für die dritte Frau ein Buch aus und unterhielt sich dann mit mir. Ich erklärte ihr, dass ich ein berühmter deutscher Schrifsteller bin. Dabei muss ich zwar immer über mich und mein merkwürdiges Schicksal lachen, aber irgendwie finde ich mich doch großartig. Zur Erleuchtung ist es noch ein weiter Weg.

Gemeinsam suchten wir mich im Internet. Die Bibliothekarin hatte gerade ein Smartphone von ihren Kindern geschenkt bekommen und liebte es damit zu spielen. Damit sie nichts eintippen musste, gab es eine Sprachfunktion. Sie sprach den Namen "Nils Horn" hinein. Und oh Wunder. Das Smartphone antwortete "berühmter Schriftsteller" (ein kleiner Scherz am Rande) und wies sie auf viele meiner Bücher hin. Und bei Amazon konnte sie sogar ein Video von mir anhören, wo ich irgendetwas über die Liebe und die Weltrettung sagte. Sie war begeistert. Zwar mehr von ihrem Smartphone als von mir, aber immerhin begeistert.

Ich schob meine Mutter zu unserem Singplatz. Und da drängte sich heute eine Menschenmasse um mich. Es war kaum noch ein Stuhl zu bekommen. Langsam spricht es sich herum, dass es jeden Mittwoch tolle Musik von einem tollen jungen Mann gibt. Ich rockte die alten Frauen auch gleich mit "Mein Hut, der hat drei Ecken" und "Froh zu sein bedarf es wenig."

Da bald Ostern ist, hatte ich einen Schokoladen-Osterhasen mit einem großen H auf der Brust mitbracht. Passend dazu habe ich das Lied vom Hoppelhasen Hans gedichtet. Ich sang es sofort mit meinem Senioren-Fanclub. Einige Frauen behaupteten zwar, dass sie das Lied nicht kennen. Aber es ist so einfach, dass es alle sofort mitsingen konnten. Es wurde eine schöne Osterfeier. Draußen regnete es und drinnen sang der Osterhase Nils mit vielen etwas ergrauten Häschen. Aber das Alter spielt keine Rolle. Hauptsache alle sind glücklich. Das ist meine Lebensphilosophie.