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Karl Marx - Zur Judenfrage - kritisch-konstruktiv gelesen

berniewa schrieb am 13.06.2011 um 01:36

In dieser Frühschrift geht es Marx, nach eigener Absicht, v.a. um einer Kritik anderer Relitionskritiken seiner Zeit, im Zusammenhang der Frage der "Emanzipation des Judentums". Er gibt diesen, wie er meint, eine entscheidende Wendung, indem er nicht einzelne religiöse Inhalte kritisiert, sondern deren vermeintliche "Basis", die "materiellen" Verhältnisse. Es sei z.B. eher nebensächlich, ob nun Juden emanzipierter würden, wenn sie ihre Religion aufgäben etc. (was z.B. Christen und Atheisten damals oft meinten)

Sein Modell, dass die Ökonomie die "Basis" sei, und Ideen etc. nur deren "Überbau", das auch dieser Schrift ansatzweise zugrunde liegt, ist m.E. ebenso einseitig, wie das "idealistische", umgekehrte Modell - auch wenn er eine Wechselwirkung doch immer wieder zugestanden hat (auch in Briefen etc.)

Von dieser Debatte abgesehen (ob das Basis-Überbau-Modell eine treffende Beschreibung der Wirklichkeit ist), halte ich zwei andere Punkte ebenfalls für problematisch, die im Unterschied dazu speziell diese Schrift betreffen:

1. Der zweite Teil endet allen Ernstes damit, dass "das Judentum" ungefähr als Metapher für Kapitalismus genommen wird - gipfelnd in dem Satz:

"Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum."

Diese implizit extrem vorurteilsbelastete Sichtweise rührt vermutlich davon, dass Marx leider (ungeachtet seiner eigenen familiären Wurzeln) anti-jüdische Vorurteile seiner Zeit übernommen hat, z.B. bzgl der historischen Zusammenhänge von Geld und Judentum - wohlgekemerkt "anti-jüdisch" nicht zu verstehen als Rassismus, aber auch nicht - wie sonst der Terminus zuweilen gebraucht wird - als "nur" auf religiöse Fragen bezogen, sondern ein historisch-kulturelles Vorurteil). Nicht zuletzt war Marx als Shakespeare-Verehrer (wie er z.B. laut Aussagen einer seiner Töchter einer war) vielleicht durch eine bestimmte Lesart des
Kaufmanns von Venedig darin ebenfalls beeinflusst - wohlgemerkt keine Behauptung sondern Erklärungshypothesen, die freilich leider, wie so oft in der Historiographie nicht mehr prüfbar sind, sondern als evtl plausibel offen zu lassen sind. Diese Erklärungsversuche sind aber insofern relevant, als sie zeigen, dass da Marx nicht einfach ein dumpfer Antijudaist war, sondern Opfer falscher Vorstellungen über Geschcihte u. Kultur (des Judentums), denen auch andere ansonsten gar nicht dumme Zeitgenossen erlegen sind.

Marx hatte (er war protestantisch getauft) möglicherweise antijüdische Vorurteile schon im Religionsunterricht untergejubelt bekommen (denn Antijudaismus ist im Christentum ein leider schon ca. 2000 Jahre altes Phänomen und bis heute längst nicht überwunden - obwohl der gute Wille dazu immerhin heute viel größer ist, als evtl jemals zuvor; und dass ausgerechnet Marxens
Lehrer davon frei gewesen sein sollen. wäre zumindest unwahrscheinlich ... auch wenn freilich ein Schüler nicht einfach alles übernimmt, was ihm Lehrer suggerieren)



2. Der zweite - in dieser Schrift ebenfalls sehr zentrale Aspekt, den ich problematisch finde, ist, wie Marx eine gleichsam "bürgerlich verengte" Interpretation der Menschenrechte (bezogen auf deren Erklärung(en) in der franz. Rev. von 1789 ff) als einzig mögliche Interpretation suggeriert. :

Das Muster seiner Aussagen ist dabei mehrmals " X, das ist Y." wobei hier bei X ein erklärtes Menschenrecht einzusetzen ist (z.B: "Freiheit") und dann bei Y die verengt bürgerliche Interpretation (die er einer Kritik unterzieht).

Hätte er dagegen ungefähr jeweils geschrieben "X wird in bürgerlich kurzsichtiger Weise verstanden als Y " wäre es eine ausgezeichnete Kritik. So gelesen (also in dieser anders formulierten Variante) ist die Kritik sehr nachdenkenswert, z.B. ungefähr so verstanden, dass die Freiheit von gegeneinander agierenden Individuen (oder Gruppen) die menschliche Würde weniger verwirklicht, als die Freiheit zwanglos miteinander agierender Menschen.

    berniewa schrieb am 13.06.2011 um 01:39

    Diese und einige andere Schriften von Marx ist z.B. teilweise hier online nachzulesen: http://www.mlwerke.de/me/default.htm

    Lit. zum hist. Hintergrund des ersten meiner beiden Haupteinwände:
    z.B:
    Stefan Rohrbacher, Michael Schmidt : Judenbilder. Kulturgeschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile. Rowohlt Verlag: Reinbek bei Hamburg, 1991

    berniewa schrieb am 13.06.2011 um 01:49

    Marxens Religionskritik in einer anderen Schrift, nämlich wie er sie in dem berühmten Text
    "Kritk der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung" formuliert - hat
    mindestens 2 sehr weitreichende Fehler,

    denn

    1. sind Religionen keineswegs nur so jenseitsorientiert und auch nicht
    nur so quietistisch bzgl. aktiver gesellschaftlicher Veränderungen, wie
    er unterstellt;

    und

    2. Sind Religionen sehr oft viel schlechter*, als er sie in besagtem Text mit etlichen Metaphern darstellt


    (* mit "schlecht" meine ich hier v.a. etwas wie: Einem guten Leben Aller
    hinderlich; Mit "gutem Leben" meine ich etwas sehr ähnliches wie z.B.
    Martha Nussbaum in der Essaysammlung: "Gerechtigkeit oder Das gute
    Leben" )



    Ich möchte an der Stelle ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich mich leider v.a. aus Mangel an Zeit (und dadurch erzwungener Prioritätensetzung)

    an der Debatte, die es hierzu evtl gibt, weitgehend nicht beteiligen kann/werde

    hoffe aber zumindest einige bedenkenswerte Anregungen gegeben zu haben.

    topist schrieb am 13.06.2011 um 18:56

    Suggerieren sollte zum Utopia-Unwort erklärt werden.

    berniewa schrieb am 13.06.2011 um 23:17

    Eher sollte das Wort "Unwort" zum Unwort erklärt werden (um es mit einem Oxymoron zu sagen),

    obwohl mir schon selber aufgefallen ist, dass ich "suggerieren" in den letzten beiden Tagen ca 3 oder 4 mal verwendet habe (naja, unglaublich oft ist das freilich auch wieder nicht)

    topist schrieb am 20.06.2011 um 11:09

    "In dieser Frühschrift geht es Marx, nach eigener Absicht, v.a. um einer Kritik anderer Relitionskritiken seiner Zeit..."

    Das ist so nicht richtig. Marx war nach eigener Absicht kein Religionskritiker sondern Kritiker der damals gängigen Religionskritik - und zwar keineswegs mit der Absicht, sich nun eine eigene, "wahre" Religionskritik zurechzubasteln. Er nannte die religiöse Vorstellungen der Menschen über ihr Leben in der Schrift "Häute" der im Wachstum befindlichen "Schlange" Menschheit, die sich im Laufe ihrer Entwicklung immer mal wieder häutet, d.h. die rund um ihre historischen Existenz rankenden Vorstellungen abwirft.

    Nach eigener Absicht ging es Marx statt um Religionskritik um die Mensch(heits)werdung in dem Sinne, dass die Menschen dahin kommen, ihre gemeinsamen Angelegenheiten bewusst, (d.h. unter Antizipation der sozialen bzw. ökologischen Voraussetzungen, Folgen, Risiken usw.) miteinander zu planen, umzusetzen, reflektieren, umzugestelten usw. Dabei ist dann wirkliches Wissen und gemeinames Herausfinden von Prioitäten, To Do's and Dont's usw. gefragt ujnd illusionäre oder nebulöse Verstellungen würden zunehmend in den Hintergrund treten.

    Siehe: https://utopia.de/0/blog/mehr-topismus-wagen/marx-fuer-utopisten-2-geschichtlicher

    Gruß vom Topisten

    [Beim Versuch, ein Bild einzufügen, kommt übrigens folgende Meldung: "You must set a password in the file "login_session_auth.php" inorder to
    login using this page or reconfigure it the authenticator config options
    to fit your needs. Consult the Wiki for more details." Was bedeutet das?]

    berniewa schrieb am 23.04.2016 um 18:30

    Da muss ich meinerseits ebenfalls sagen: Das ist so nicht richtig - denn: Ein Kritiker der damaligen Religionskritik kann trotzdem zugleich ein Religionskritiker gewesen sein und konkret bei Karl Marx ist dies auch der Fall gewesen ;`)