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Werden Schulbücher nachhaltig hergestellt?

Gundula schrieb am 03.10.2008 um 22:49

Oder sägen Schulkinder durch das Lernen am Ast auf dem sie sitzen?
Bei Schulheften wird immer wieder darauf hingewiesen, daß auf die Produktion geachtet werden soll - aber viele Eltern interesssiert es nicht oder Geld bestimmt aus finanziellen oder anderen Gründen den Kauf.
Wie ist es nun bei den Schulbüchern - gibt es dort vorschriften, daß sei nachhaltig produziert werden müssen? Oder sind Kinder/ Eltern gezwungen, eventuell den Raubbau/ Umweltzerstörung durch "Zwangskauf" von Schulbüchern mitfinanzieren zu müssen?

    Stephymeph schrieb am 04.10.2008 um 11:32

    Also da mein Vater in einem Schulbuchverlag arbeitet, weiß ich, dass regelmäßig einfach Tausende und Abertausende von Büchern und Heften einfach vernichtet werden, wegen Überproduktion. Das schockiert mich jedes Mal, wenn ich sehe wie das Lager ausgeräumt und alle Bestände in den Müll wandern. Ich werde mal fragen, wie es dort mit Nachhaltigkeit bei der Produktion aussieht (also wenigstens Materialmäßig, wenn schon nicht angemessene Produktion).

    Gundula schrieb am 04.10.2008 um 20:49

    ...sie werden nicht nur in viel zu hoher Auflage hergestellt, sondern auch noch unter nicht nachhaltigen Gesichtspunkten - wäre ich dann berechtigt, als umweltbewußt denkender Elternteil, den Kauf zu verweigern?

    Blindschleiche schrieb am 05.10.2008 um 19:43

    Also zu meiner Gymnasiumzeit, vor ca. 358 Jahren, A.D. 1980..., konnten meine Eltern die Bücher entweder kaufen oder ich konnte diese in der Schulbücherei für ein Jahr, oder war es ein Halbjahr??, leihen.

    Liebe Gundula, was bringt Dich überhaupt auf die Idee, Schulbücher könnten nachhaltig produziert sein? Da die Verlage nicht staatlich sind und somit der Überproduktion keine wirklichen Grenzen gesetzt sind, ist es doch nur normal :mad:, dass hier "auf Teufel komm raus" produziert, beworben und verkauft wird.

    Wer Frederic Vester's Buch "Denken, Lernen, Vergessen" oder ähnliche Bücher gelesen hat, der fragt sich sowieso, ob es inhaltlich betrachtet nachhaltige Schulbücher gibt! :eek: Er beschreibt, dass es verschiedene Lerntypen gibt und entsprechend bräuchte jeder Lerntyp ein anderes Buch, was für staatliche Verlage sprechen würde. Hier könnte die Vorgabe sein, für 3 - 5 der häufigsten Lerntypen entsprechende Schulbücher zu entwickeln. Der Rest wäre dann noch Auftrag der Lehrer, sich um die "übrigen" Lerntypen-Kinder zu bemühen.

    Gundula schrieb am 05.10.2008 um 23:11

    ... was bringt Dich überhaupt auf die Idee, Schulbücher könnten nachhaltig produziert sein?

    Nun, dahinter steckt die Überlegung, ob man da etwas Richtung Nachhaltigkeit anleiern könnte - irgendeine Aktion...

    Denn es geht wahrlich viel Papier beim Lernen durch. Ich möchte nicht wissen, wieviel Baum mein Wissen gekostet hat...

    Oder sollen Eltern Bäume säen für den potentiellen Schulpapierverbrauch ihrer Kinder... das hilft den möglicherweise für Schulpapier gerodeten ursprünglichen Wäldern aber auch nicht weiter, wenn auch der CO2-Bilanz irgendwann...

    Oder soll es einfach egal sein... Das schafft mancher vielleicht - falls er/ sie nicht weiter darüber nachdenkt :mad:

    Kann es sein, daß die Kinder etwas über Nachhaltigkeit lernen und gleichzeitig gezwungen werden, schon dort, wo sie es lernen nicht nachhaltig handeln zu können - das muß doch durcheinander und hoffnungslos machen :mad:

    Wir haben früher Recyclingpapier in der Schule verkauft - an die Bücher haben wir (zum Glück?!) nicht gedacht... das hätte uns wohl auch zu sehr den Widerspruch zwischen Lehren und Handeln gezeigt...

    In der Schule könnte doch allen Kindern so gut vorgelebt werden, wie nachhaltiges Handeln funktionieren kann!

    Andreas Zoerner schrieb am 07.10.2008 um 13:45

    Liebe Gundula,

    schönes Thema! Und sicherlich hast Du Recht: Hier bietet sich ein Ansatzpunkt für eigene Aktivitäten.

    @ Jochen: Ich staune, dass Du Deinen Wunsch nach sichergestellter Vielfalt (von Lernmitteln) gerade von einem staatlichen Verlag am besten bedienst siehst. Wo gibt es denn dafür Beispiele? Darüber hinaus schreibst Du:

    Da die Verlage nicht staatlich sind und somit der Überproduktion keine wirklichen Grenzen gesetzt sind, ist es doch nur normal , dass hier "auf Teufel komm raus" produziert, beworben und verkauft wird.

    Unternehmen in einem Markt werden doch nicht freiwillig Überproduktionen erstellen, um sie anschließend wegzuwerfen. Diese Vorstellung ist absurd. Sicherlich kann man sich als Verlag deutlich vertun, was den Absatz eines Buches angeht, aber das liegt doch nicht im System. Vielleicht muss man sich mal ansehen, unter welchen Bedingungen Schulbücher erstellt werden und anschließend in die Schule kommen:

    Schulbuchverlage reagieren vor allem auf staatliche Vorgaben. Dazu kommen methodische Innovationen, selten auch neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Die Regel ist (noch): Der Staat setzt in den Lehrplänen (oder mit den Hinweisen zum Zentralabitur) inhaltliche Vorgaben, die die Schulbücher zu berücksichtigen haben. Nun gibt es gerade in jüngster Zeit eine ganze Reihe von Reformen im Schulwesen, die erhebliche Auswirkungen auf die Inhalte der Fächer und damit auf die Schulbücher haben:

    Beispiele:
    - Englisch zunächst ab Klasse 3, nun ab Klasse 1:
    Folge: Englischbücher, die bislang für den Anfangsunterricht in Klasse 5 konzipiert waren, sind nicht mehr einzusetzen. Neue Bücher müssen her. Und zwar nicht nur für die 5, sondern ebenso für die folgenden Jahrgänge.

    - Die Schulzeit bis zum Abitur wird auf 12 Jahre gekürzt. In der Sekundarstufe I des Gymnasiums soll ein Jahrgang eingespart werden.
    Folge: Der Inhalt von 6 Jahren muss nun in 5 Jahren behandelt werden. Die Bücher müssen entsprechend angepasst werden. Bisher benutzte Bücher sind nicht mehr einzusetzen. Neue Bücher müssen her. Und zwar für alle Jahrgänge der Sek. I.

    - Einführung des Zentralabiturs: Die Vorgaben für die Sekundarstufe II werden wesentlich detaillierter. Folge: Es kann sein, dass Bücher, die bislang (als die Abiturstellung noch bei den Fachlehrerinnen und -lehrern lag) für die Abiturvorbereitung gut waren, dadurch überholt sind und aussortiert werden müssen. Die Verlage müssen sich mit den Büchern auf die Vorgaben zum Zentralabitur einstellen.

    Man kann diese Liste fortführen: Unterricht in den Fächern Physik, Biologie und Chemie wird in einem Fach zusammengeführt -> neue Bücher. Die Zusammenführung wird wieder aufgehoben -> wieder neue Bücher und und und. Was ich sagen möchte ist: Es ist vor allem der Staat in Form seiner Kultusbehörden, die die Verlage zum ständigen Verramschen von Büchern zwingt, nicht das Gewinninteresse der Verlage.

    Wie kommt nun ein Schulbuch in die Schule: Hier haben (zumindest in NRW) die Fachkonferenzen der Schulen die Entscheidungsgewalt. Die Konferenz der das jeweilige Fach unterrichtenden Lehrkräfte beschließt darüber, mit welchem Buch gearbeitet werden soll. Hier können sich auch Eltern einbringen und den Wunsch nach Nachhaltigkeitskriterien vorbringen.

    Und schließlich: Schulbücher werden aus Etats angeschafft, die der Staat setzt. Wenn also die Vorgabe immer lautet: "Möglichst billig!", dann ist der Entscheidungsspielraum einer Fachkonferenz nicht gerade groß, was nachhaltig hergestellte Bücher angeht.

    Also: Eigenes Engagement in den Fachkonferenzen und Elternpflegschaften ist m.E. am besten geeignet, die Dinge im Sinne von Gundula voran zu bringen.

    Grüße
    Andreas

    Andreas Zoerner schrieb am 07.10.2008 um 15:27

    Wozu hat man denn Schulbücher zu Hause? Ich habe kurz für eines der Bücher unserer Tochter nachgeschaut: Der Diesterweg Verlag lässt bei Westermann drucken. Auf den Internetseiten von Westermann heißt es:

    Umweltphilosophie
    Ziel der Geschäftspolitik der westermann druck GmbH ist es, Papiere einzusetzen, deren Holzeintrag aus verantwortungsvoller Waldbewirtschaftung stammt. Dieses soll unabhängig zertifiziert sein nach den Richtlinien des Forest Stewardship Council. Die Geschäftsführung verantwortet dieses und ist bestrebt die Anforderungen der Materialkettenzertifizierung im Bereich der Holzfaserprodukte (Papiere) einzuhalten. Dies wird periodisch geprüft.

    Die dafür notwendigen Ressourcen werden zur Verfügung gestellt.

    Insbesondere ist die westermann druck GmbH laufend bemüht, die verwendeten Rohstoffquellen zu identifizieren und auf Konformität mit den Kriterien des Forest Stewardship Council zu überprüfen. Wir sehen es als unsere Verpflichtung an, den Einkauf von Rohmaterial aus umstrittenen Quellen zu vermeiden. In Zusammenarbeit und Kontakt mit unseren Lieferanten geht es uns darum insbesondere Papiere aus folgenden Quellen zu vermeiden:


    illegal geerntetes Holz
    genetisch verändertes Holz
    Holz, das aus besonders schützenswerten Wäldern stammt
    Holz, das aus Wäldern stammt, in deren Umfeld ernsthafte soziale Konflikte bestehen.
    Sollte der westermann druck GmbH zur Kenntnis kommen, dass Rohstoff aus einer solchen Quelle ihr angeboten wird, werden geeignete Handlungsmaßnahmen ergriffen, von solchen Angeboten Abstand zu nehmen. Die westermann druck GmbH ist laufend bemüht, die verwendeten Rohstoff-Quellen zu identifizieren und auf ihre Konformität mit dem FSC-Standards zu prüfen.


    Nun gehört zur Nachhaltigkeit zwar noch einiges mehr, aber diese Informationen sind doch schon interessant.

    Gundula schrieb am 08.10.2008 um 21:02

    @ Andreas Zoerner
    Das ist wirklich ein toller Anfang in die richtige Richtung. Danke - immerhin ist Westermann ein recht großer Schulbuchverlag, den wir schon damals hatten...