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    lukita schrieb am 21.04.2017 um 15:19

    Ein paar Zahlen zu dem Referendum in der Türkei aus diesem Artikel:
    http://www.tagesspiegel.de/politik/referendum-tuerken-in-deutschland-stimmen-klar-fuer-erdogans-plan/19676552.html

    "3,5 Millionen Türkischstämmige in Deutschland"
    "Von den Deutsch-Türken verfügten überhaupt nur 1,5 Millionen über einen türkischen Pass."
    "Die Wahlbeteiligung lag bei 46 Prozent."
    "Gut 405.000 Wahlberechtigte stimmten beim Referendum für Erdogans Verfassungsreform,"
    "nur rund 237.000 lehnten das Präsidialsystem mit einem "Hayir" ab."

    Und so demonstrieren die Befürworter des Präsidialsystems...
    https://utopia.de/0/gruppen/koeln-733/diskussion/hubschrauber-ueber-koeln-es-wird-wieder-211649

    Wo ist da der Unterschied zur AfD?

    Maria_L schrieb am 21.04.2017 um 16:36

    "Wo ist da der Unterschied zur AfD?"
    Ging es damals um die Grauen Wölfe?
    Da ist natürlich kein großer Unterschied, beides extrem nationalistisch.

    Aber nicht jeder (Deutsch-) Türke, der für das Referendum abgestimm hat, hat was mit den Grauen Wölfen am Hut.
    Ich habe die letzten Wochen sehr viel über das Thema diskutiert, weil ich eine türkische Nachbarin habe, die für das Ref. gestimmt hat.
    Ihre Erdogan-Gläubigkeit hat mich sehr schockiert.
    Ich bringe das einfach nicht mit dieser empathischen, intelligenten und politisch gut informierten (nicht nur über türk. Medien) Frau zur Deckung.

    Sie hat mir erklären können, warum man auf die Idee kommen kann, E. gut zu finden und sich mehr Macht für ihn zu wünschen.
    Erdogan hat die ersten Jahre viel für seine Leute gemacht. Hat Stabilität in das Land gebracht, das in den letzten 50 Jahren 64 Regierungswechsel hatte (bitte nicht auf der Zahl fest nageln, Größenordnung stimmt).
    Hat das Bruttosozialprodukt innerhalb weniger Jahre um das 10 fache gesteigert.
    Nun finde ich als Kapitalismus-Gegner das sicher nicht so erstrebenswert, aber das ist natürlich auch die Arroganz der ewig Satten, die nie Hunger und Armut kennen gelernt hat.
    Diese Armut ging stark zurück unter E.
    Es gab billige Kredite für alle. Er hat viel gegen Korruption unternommen und für Bildung.
    Die Krankenversorgung ist signifikant besser geworden.

    Der Militärputsch im letzten Jahr hat viele - auch meine Nachbarin - extrem traumatisiert. Sie dachten - und denken - nun geht das schon wieder los.

    Deswegen ist er natürlich trotzdem ein Despot und ich mache ihr gegenüber auch keinen Hehl aus meiner Meinung.
    Aber ich lege Wert auf die Feststellung, daß nicht jeder Erdogan- Anhänger ein grauer Wolf ist.

    lukita schrieb am 21.04.2017 um 17:46

    "Aber ich lege Wert auf die Feststellung, daß nicht jeder Erdogan- Anhänger ein grauer Wolf ist."

    Ja, das stimmt natürlich. Danke noch mal für die Differenzierung. Habe auch gerade noch mal zu den Organisatoren recherchiert. Hier steht etwas zum Hintergrund der Demonstration vor einem Jahr: https://www.report-k.de/Koeln-Nachrichten/Koeln-Nachrichten/AYTK-die-unbekannte-Organisation-die-eine-Demo-mit-5.000-Teilnehmern-anmeldet-56865

    berniewa schrieb am 21.04.2017 um 17:51

    niedrige Wahlbeteiligung va in D hat sicher verschiedene Gründe,

    z.B weil Menschen, die sowieso ihren Lebensmittelpunkt in Gegenwart und Zukunft nicht in der Türkei sehen, gezögert haben, bei einem für sie viell. schwierig zu entscheidenden Thema mitzureden (schwierig aus all den allg bekannten Gründen von einseitigem Wahlkampf zugunsten der Verfassungsänderung bis hin zu subtilen bis offenen Einschüchterungen , usw) auch geben sich viele allgemein "unpolitisch" um inner-familiäre Spannungen zu vermeiden (ein übrigens weltweit durchaus verbreitetes Phänomen, wobei Frauen nach meiner Einschätzung sich diese "unpolitischen Schuh" öfter anziehen als Männer)

    Die niedrige Wahlbeteiligung in D sollte aber von den "Erdogananhängern" mitbedacht werden ebenso wie das eigtl sogar trotz der mutmaßlichen Betrugsfälle in Millionenhöhe und trotz der Einschüchterungen usw ... knappe Ergebnis (im Gegensatz zu den hohen Erwartungen der Ja-Sager-Propaganda)

    Maria_L schrieb am 21.04.2017 um 17:56

    "niedrige Wahlbeteiligung va in D hat sicher verschiedene Gründe"

    Das war ja auch keine einfache Briefwahl, sondern die Wähler mußten auf's Konsulat fahren.
    Für meine Nachbarn war das einfache Strecke 80km nach München.

    Mich hat gefreut, daß sie das Auto voll gepackt haben und eine bunte Mischung aus Ja- und Nein-Wählern hat sich für die Fahrt jegliche Diskussion verboten. So wurde es mir überliefert.

    lukita schrieb am 21.04.2017 um 18:13

    Wie das Referendum eine ganze Nation spaltet, zeigt "ARTE Re:"

    Erdoğans Referendum – der Weg in die Diktatur?
    http://sites.arte.tv/re/de/video/re-erdogans-referendum

    Herzing schrieb am 21.04.2017 um 20:48

    Das ist richtig:
    Zitat Maria_L:
    "Aber ich lege Wert auf die Feststellung, daß nicht jeder Erdogan- Anhänger ein grauer Wolf ist."

    Aber jede/r , der mit "ja" gestimmt hat muss sich um die Lage seiner Landsleute einen Dreck scheren.

    Auch die türk. Familie, die bei uns im Haus wohnt, hat mit ja gestimmt.
    Mutter, Vater und 3, mittlerweile erwachsene, Kinder sind hier geboren.
    Die Kinder haben bei uns und den Nachbarn einen Teil ihrer Kindheit verbracht, gegessen, gespielt, geschlafen.
    Eine Tochter hat gerade ihr Abitur gemacht, eine andere studiert, der Sohn hilft im elterlichen Kebabladen aus.
    Dieser Sohn hat zu unserem Hausmeister gesagt, dass sie Erdogan gewählt hätten, damit er es den Deutschen mal so richtig zeigt.

    Wissen diese Wähler eigentlich, was sie ihren Landleuten antun? Mag ja sein, dass der Sultan früher besser war, mittlerweile geht er aber in eine andere Richtung.
    Hier die Demokratie geniessen und in der Türkei die dort Lebenden verraten.
    Ich bin, wie alle hier im Haus, schockiert!

    Maria_L schrieb am 21.04.2017 um 21:22

    "Wissen diese Wähler eigentlich, was sie ihren Landleuten antun?"
    Die Landsleute sind ja wohl immer noch so deutlich in der Überzahl, daß Erdogan auch ohne die Deutsch-Türken ein klitzekleine Mehrheit bekommen hätte.
    Will sagen, die Türkei-Türken müssen die Verantwortung schon selbst übernehmen für das, was sie jetzt kriegen, weil sie es offensichtlich haben wollten.

    "Aber jede/r , der mit "ja" gestimmt hat muss sich um die Lage seiner Landsleute einen Dreck scheren."
    Wie geschrieben, die Ja-Stimmer, die ich kenne, sind der vollen Überzeugung, daß sie das Beste für ihr Land getan haben (siehe oben).
    Sie sind der Meinung, die schlechte Meinung von Erdogan, die in den deutschen Medien verbreitet wird, sei ein Auswuchs der Lügenpresse.

    Bei meinen Nachbarn ist die Generation der Kinder und Enkel anders drauf, als Du das vom Sohn Deiner Nachbarn erzählst, Herzing.
    Die sind alle mehr oder weniger komplett unpolitisch.
    Wenn sie gewählt haben - vermutlich eher nicht - dann mit Nein.
    Jedenfalls sind sie streng gegen Erdogan und stehen 100% hinter DE.

    Zumindest die Enkel, die eine gute Ausbildung bekommen haben und jeweils 7 Sprachen sprechen.
    Die fühlen sich vermutlich wesentlich deutscher, als ich.
    Da geht der Riss jetzt mitten durch die Familie.
    Die ältere Nachbarin war immer Familien-Chef und wurde für alles um Rat gefragt.
    Das ist jetzt plötzlich vorbei und sie wird nicht mehr zu Familienfeiern eingeladen.

    Klar, diese seltsame Denke, "wir wählen E., um es den Deutschen zu zeigen", die gibt es eben auch.
    Ist mir genauso unverständlich, wie die Deutschen, die AfD wählen - oder gar nicht -, um es der Merkel ect. mal so richtig zu zeigen.

    Oder wie die Amis die Trump gewählt haben, um es dem Etablissssement mal so richtig zu zeigen.


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