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Atom-Debatte

Atomkraft, ja bitte!

"Die sieben atomaren Mythen", so hatte die Tageszeitung "Die Welt" 2008 einen Artikel überschrieben und den Eindruck vermittelt, dass vieles, was wir über nukleare Energiegewinnung zu wissen glauben, vorurteilshaft und überdramatisiert sei. Atomkraft - alles gar nicht so schlimm? Wir haben damals einen Experten gebeten, die gebotenen Fakten einmal zu überprüfen. Ist Fukushima das endgültige Ende dieser Mythen?



Ein Journalist kennt keine Tabuthemen. Wieso sollte man sich nicht mal fragen dürfen, ob die Vorbehalte gegenüber der Atomkraft überhaupt gerechtfertigt sind?  „Die Welt“ hatte 2008 schon mal angefangen, den Lesern Lust auf Atomkraft zu machen. Im Artikel "Sieben atomare Mythen" werden herrschende Vorurteile scheinbar faktenreich entkräftet. Atomkraft, ja bitte? Wir blieben nach der Lektüre skeptisch und haben den Reaktor-Experten Christian Küppers vom Öko-Institut in Darmstadt gebeten, seine Einschätzung zu den Pro-Atomkraft-Argumenten des Welt-Artikels zu geben.

1. Der Mythos vom größten anzunehmenden Unfall

Die Welt schreibt: „Die Katastrophe von Tschernobyl übersteigt alle anderen, nicht nuklearen Industriedesaster. 2006, 20 Jahre nach dem Reaktorunfall, legten die UN-Behörden, die die Folgen in den drei betroffenen Ländern Weißrussland, Russland und Ukraine über viele Jahre intensiv untersuchten, einen umfangreichen Bericht vor. Beteiligt waren unter anderen die IAEA (Internationale Atomenergiebehörde), die WHO (Weltgesundheitsorganisation), UNDP (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) und Unicef (Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen). Fazit der UN-Untersuchung: Beim Reaktorunfall kamen 47 Helfer der Aufräumtruppe durch tödliche Strahlendosen um. Rund 4000 Kinder aus der Umgebung erkrankten durch das entwichene Jod 131 an Schilddrüsenkrebs. Davon starben neun, da diese Krankheit heute gut heilbar ist. Statistisch soll die Zahl zusätzlicher Krebsfälle in den nächsten Jahrzehnten circa 4000 betragen. Die können aber nicht konkret festgestellt werden, da der Krebs seine Ursache nicht verrät. Dies alles ist ein schreckliches Unglück, liegt aber bei Weitem unter den in Deutschland prognostizierten Zahlen. Hierzulande war immer wieder von Hunderttausenden Toten zu lesen, die angeblich durch die Reaktorkatastrophe umgekommen seien. Die von den UN ermittelten Fälle sind erschütternd, eines belegen sie jedoch nicht: dass die Dimension des Tschernobyl-Desasters alle anderen Technikkatastrophen übersteigt. Bei dem Chemieunfall in Bhopal, der heute in Europa weitgehend vergessen ist, starben nach der niedrigsten Angabe 3800 Menschen, und Hunderttausende wurden verletzt. Fazit: Tschernobyl war einer der größten Industrieunfälle des 20. Jahrhunderts, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Gegen Tschernobyl als finales Anti-Atom-Argument spricht auch der Umstand, dass der Unfall, wie später nachgewiesen wurde, durch extremes Fehlverhalten der verantwortlichen Ingenieure geradezu provoziert wurde.“

Einschätzung von Christian Küppers: „Zunächst sollte man anmerken, dass beim Reaktorbrand in Tschernobyl mehrere günstige Faktoren dafür sorgten, die Folgen der Katastrophe abzumildern. Zum einen ist die Region Tschernobyl ein vergleichsweise dünn besiedeltes Gebiet, und durch die Explosion und den anschließenden Brand wurde die radioaktive Wolke in eine Höhe von zwei bis drei Kilometern transportiert, womit die Region weniger kontaminiert wurde. Stattdessen haben sich die radioaktiven Stoffe, entsprechend verdünnt, über viele Länder ausgebreitet. Hätte es zum Ausbruch geregnet, wäre die Kontamination in der Ukraine und in Weißrussland ungleich höher gewesen. In Regionen in Deutschland, in denen es nach dem Unfall starken Niederschlag gab, wurde teilweise eine höhere Radioaktivität gemessen, als im 30-Kilometer-Sperrgürtel um die Unfallstelle. Der schlimmstmögliche Unfall in einem Atomkraftwerk, auch in einem deutschen, kann noch deutlich gravierendere Folgen haben, wie viele Untersuchungen der letzten 30 Jahre gezeigt haben. Eine solche Katastrophe in einem dicht besiedelten Gebiet bei Regen, und der Autor hätte es schwer gehabt, den Chemieunfall von Bhopal als relativierendes Argument für die angebliche Überdramatisierung von Tschernobyl zu nennen.“

2. Der Mythos vom Krebs durch Atomkraftwerke

Die Welt schreibt: „Richtig ist, dass in der Umgebung des Kraftwerks Krümmel eine seltsame Häufung von Leukämie aufgetreten ist. Bis zum Jahr 2005 erkrankten 16 Kinder daran, dreimal mehr, als statistisch normal wäre. Trotz jahrzehntelanger Forschung, für die viele Millionen Euro ausgegeben wurden, konnte kein Zusammenhang festgestellt werden. Fakt ist auch, dass es solche Leukämie-Cluster ebenfalls in Regionen ohne Atomkraftwerk gibt, zum Beispiel bei Sittensen und bei Elmshorn. Im Dezember 2007 wurde die Leukämie-These durch einen Bericht des Bundesamtes für Strahlenschutz als "nicht auszuschließen" erneut in Erwägung gezogen. Doch die Autorin der Studie, Maria Blettner, Leiterin des Instituts für Biometrie an der Uni Mainz, wehrte sich gegen diese Interpretation. Sie sagte: "Nach allem, was wir aus der Strahlenbiologie wissen, können die Leukämien nicht durch die Strahlenbelastung durch Kernkraftwerke ausgelöst worden sein. Das ist nicht plausibel. Die Strahlung aus kerntechnischen Anlagen ist um das 1000- bis 100 000-Fache geringer als die natürliche Strahlung, der wir ausgesetzt sind. Und sie ist viel kleiner als die Belastung durch Röntgen oder etwa beim Fliegen."

Einschätzung von Christian Küppers: „Das Argument, es gäbe eine Häufung von Leukämiefällen auch in Gebieten, in denen weit und breit kein Atomkraftwerk stehe, taugt nicht als Argument für die Unbedenklichkeit von Atomkraftwerken, weil es kein Beleg für das zufällige Auftreten solcher Häufungen ist. Elmshorn liegt beispielsweise inmitten des größten Baumschulengebiets Deutschlands, wo nicht auszuschließen ist, dass die Pestitizidbelastung der Luft höher ist. Eine höhere Zahl von Krankheitsfällen muss nicht zwangsläufig mit erhöhter Radioaktivität im Umfeld eines Kraftwerkes stehen, sondern könnte auch mit mittelbaren Folgen durch den Betrieb des Atomkraftwerkes zusammenhängen. Solche Effekte sind vielfach diskutiert worden, gesicherte Erkenntnisse gibt es aber leider bisher nicht.“


3. Der Mythos von der Gefährlichkeit der Atomkraft

Die Welt schreibt: „Wenn man Gefährlichkeit an der Zahl der Toten und Verletzten misst, ist die Kohle mit Abstand am unheilvollsten. Alljährlich sterben weltweit Tausende Bergleute bei der Gewinnung dieses Rohstoffs. Nach offiziellen Angaben verloren allein im Jahr 2005 über 6000 Kumpel ihr Leben in chinesischen Kohlegruben - von den langfristigen gesundheitlichen Folgen der staubigen Arbeit einmal ganz abgesehen. Auch Wasserkraft-Katastrophen können viele Opfer fordern. 1975 ertranken bei mehreren Staudammbrüchen in der chinesischen Provinz Henan 26 000 Menschen.“

Einschätzung von Christian Küppers: „Durch den Abbau von Uran beispielsweise in Ostdeutschland (Wismut) sind mehr als 1000 Arbeiter gestorben. Um einen tatsächlichen Vergleich zwischen der Gefährlichkeit von Kohlekraft und Atomkraft ziehen zu können, müsste man die Todesopfer und die durch Atom- und Kohlekraft erzeugten Energiemengen ins Verhältnis bringen, um eine sinnvolle Aussage treffen zu können.“


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Thema: Erneuerbare Energien, Stand: 23.03.2011 von
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