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Claudia Langer über Kik und die Brandkatastrophe in Bangladesch

Sind wir alle Mörder?

Es gibt Bilder, die brennen sich in die Seele ein. Dazu gehört wohl auch der jüngste Einsturz einer Fabrik in Bangladesch und die Etiketten der Textillabels von Kik, Benetton, Primark und anderen, die sich in den Trümmern fanden. Es ist dann oft unser natürlicher Reflex, auf die anderen zu schimpfen: Die geldgierigen Fabrikbesitzer und die bösen Unternehmen. Stimmt das? Nur in Teilen.


Wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht nur auf die Unternehmen zeige, sondern auch auf uns Verbraucher und: die Politik. Es gibt eben nicht uns und die Wirtschaft, wir sind die Wirtschaft, wir alle. Wenn Menschen in Bangladesch zum wiederholten Mal sterben, damit wir jede Saison neue Wegwerf T-Shirts für den Preis einer Flasche Cola kaufen können, dann kann sich niemand davon freimachen, dass ihm oder ihr nicht irgendwie klar ist, dass dieses T-Shirt auf dem Rücken anderer produziert wurde.

Im Jahr 2010 erschütterte die Panorama Dokumentation „Die Kik-Story“ ganz Deutschland, es gab Schlagzeilen, Prozesse und viel Öffentlichkeit. Seit diesem Tag wissen viele Menschen im Land um die Zustände und haben sich trotzdem nicht weiter engagiert. Auch die Geschäftsführung von Kik wusste allerspätestens seit diesem Tag um die Missstände, und es ist bezeichnend, dass sich die Vorfälle trotzdem wiederholen konnten. Das bedeutet schlicht und ergreifend, dass die Geschäftsführung billigend in Kauf genommen hat, dass die Mitarbeiter ihrer Lieferanten unter katastrophalen Bedingungen arbeiten, leben oder, wie jetzt geschehen, sterben müssen.

Mich trifft das sehr, weil ich zwei der Verantwortlichen kenne und mit Ihnen intensiv über Kik und den enormen Nachholbedarf in allen Fragen der Nachhaltigkeit gesprochen habe. Am 10.5.2011 war ich beim Tengelmann- und Kik-Eigentümer Karl Erivan Haub zum Gespräch eingeladen. Er schlug vor, dass wir uns in der Kik-Filiale vor seiner Firmenzentrale treffen, wo er mir gerne die andere, die bessere Seite von Kik zeigen wollte. Und so war es dann auch: Gleich zu Beginn zeigte er mir stolz einen Teppich aus Bangladesch, der aus „unserem sozialen Projekt vor Ort kommt“.

Im Laufe unseres wirklich angenehmen Gesprächs (aus 90 Minuten wurden über 4 Stunden) erzählte er mir ausführlich, wie sein Verantwortungsgefühl als Familienunternehmer ganz besonders von seiner Oma geprägt wurde, die ein echter „Öko“ war und gemeinsam mit dem Großvater in den 80ern bei Tengelmann den Verkauf von Froschschenkeln und Schildkrötensuppe verbieten ließ. Sie war es auch, die dem kleinen Karl Erivan bei Spaziergängen durchs Ruhrgebiet zeigte, wieviel Ruß sich auf den Lichtkästen abgelegt hatte, wie gefährlich das für alle Beteiligten sei und wie wichtig es sei, dass man für die bedrohte Umwelt kämpfen müsste. Umso widersprüchlicher scheint es, dass Karl Erivan Haub einerseits mit leuchtenden Augen von seiner Oma erzählt, andererseits aber als herausragendes Beispiel für das Umweltengagement seines Unternehmens immer noch auf die Froschschenkel-Kampagne aus den fernen 80er Jahren verweisen muss. Im Laufe des Gesprächs erzählte uns Karl Erivan Haub dann auch, wie glücklich er mit der nicht zu knappen Rendite von Kik sei, einem Unternehmen, dass ihm viel Spaß mache.

Der zweite Beteiligte, mit dem ich unmittelbar danach sprach, ist Dr. Michael Arretz, Geschäftsführer Nachhaltigkeitsmanagement, Qualitätsentwicklung & Sicherung und Unternehmenskommunikation. Davor war er zwölf Jahre Umweltreferent für Otto und fünf Jahre Geschäftsführer einer Beratung, die auf Nachhaltigkeit spezialisiert ist. Ein ausgewiesener Fachmann also. Und einer, dessen guter Name sich positiv auf die Wahrnehmung von Kik ausgewirkt haben dürfte. Beide Gesprächspartner beteuerten  ausgiebig, wie sehr Kik auf dem „guten“ Weg sein. Wie anders die Realität bei Kik aussieht, haben wir alle nun erleben müssen.

Warum ich diese Beiden, stellvertretend für eine ganze Branche (und weit darüber hinaus) in die Haftung nehme, hat zwei Gründe: Ein sehr „lockerer“ Umgang mit der Wahrheit und natürlich die Frage der Schuld. Über Schuld müssen wir in diesem Zusammenhang sprechen. Denn die Probleme von Kik haben Methode. Hinter dieser Methode steht kein anonymes System mit Heuschrecken, Venture Fonds und anonymen Aktionären, die weit weg von der Firmenrealität agieren, sondern im Falle Kik ein Familienunternehmen. Die Verantwortlichen im Unternehmen haben eine (Lebens-) Gefährdung der Näherinnen Tag für Tag billigend in Kauf genommen und sich damit, wenn nicht juristisch, so doch in jedem Falle moralisch schuldig gemacht. Ich hoffe und wünsche mir, dass der letzte Zwischenfall die Verantwortlichen bei Kik, aber auch bei allen anderen Unternehmen der Branche zu einem schnellen Umdenken bringt.

Aber nun zu uns Konsumenten: Warum musste es auch für uns so weit kommen, bis wir aufwachen? Reichte die erschütternde Panorama Dokumentation, nicht aus, damit wir Schlimmeres verhindern? Erst jetzt, nachdem über 1.100 Menschen gestorben und unzählige Kinder zu Waisen geworden sind, konnte die Clean Clothes Campaign die öffentliche Empörung nutzen und mit über 1 Million Unterschriften Unternehmen, wie Tommy Hilfiger, Tchibo, H&M, C&A, Kik und andere zur Unterschrift unter ein Sicherheits- und Brandschutz abkommen bewegen. Diese Kampagne ist gelebte Verbrauchermacht, und ich gratuliere CCC zu diesem Erfolg.

Ich wünsche uns allen, dass wir unsere Verbrauchermacht öfter dafür nutzen positive Entwicklungen anzustoßen. Denn wir sind Teil der Maschine und tragen einen Teil der Schuld, wenn Menschen leiden, damit es uns für ein paar Minuten des Konsumglücks besser geht. Wir sind im Internetzeitalter mehr denn je alle miteinander verbunden. Wenn wir das an uns heranlassen, kann daraus Kraft entstehen. Lasst uns achtsam sein und die Stimme heben, wenn es Anlass dazu gibt. Unser Konsum ist Macht. Unser Nichtkonsum auch. Lasst uns diese Macht für eine gerechtere und sauberere Welt nutzen!

Ihre/Eure

Claudia Langer

Aufgewacht? Interesse geweckt?  Hier gibt’s alles Wissenswerte:

Thema: Grüne Mode, Stand: 16.05.2013 von

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  • gelöscht am 24.07.2014 um 15:21 von Utopia-Team
    Dieser Kommentar wurde gelöscht..
  • schrieb am 04.05.2014 um 11:32
    @topist, wer vorhat, zu einem solchen Thema in diesem Portal eine Hermeneutik zu formulieren, dürfte gut beraten sein, sich der Determiniertheit der Entitäten zu vergewissern.

    Erst in jüngerer Zeit konnte den unvordenklichen Schmerzdressurtechniken bei der Sozialisation mit psychologischen Argumenten widersprochen werden. So zeigt sich in der neuen Vielfalt der Psychonautik ein gereifter Sinn für die Verteilung der Verantwortlichkeiten. Das Elend des Menschen besteht ja nicht so sehr in seinen Leiden, als in seiner Unfähigkeit, selber an ihnen schuld zu sein - selber an ihnen schuld sein zu "wollen". Der Wille zum Selberschuldsein - gleichsam die psychonautische Variante des "amor fati" - bedeutet weder narzißtische Hybris noch Schicksalsmasochismus, sondern den Mut und die Gelassenheit zur Übernahme des eigenen Lebens in seiner Realität und Potentialität.

    Das manche dennoch Schuldige suchen; obwohl, wer selber schuld sein will, hört auf, nach Schuldigen zu suchen; er wird darauf verzichten, kann nur in der Determiniertheit der vorher beschriebenen begründet sein. mehr weniger
  • schrieb am 03.05.2014 um 12:11
    Die Masse denkt nicht so wie wir. Gestern rief mich ein Freund aus Köln an und berichtete mir von einer so wie er es sagte, geglaubten Halluzination, als er Menschenmassen sah, die bei der Neueröffnung des Billigbekleiders Primark im Gewühl anstanden.

    Traurig aber wahr.

    http://www.rundschau-online.de/koeln/billig-mode-in-koeln-primark-filiale-am-koelner-neumarkt-eroeffnet,15185496,27009438.html mehr weniger
  • schrieb am 04.06.2013 um 16:34
    zum Bangladesch-Fabrikeinsturz- Desaster gibt es eine neue Petition, die Ihr alle viell. auch unterzeichen könnt, vielleicht auch Utopia.de sich offiziell irgendwie es unterstützen kann(?)
    Mehr dazu in dieser Antwort https://utopia.de/0/gutefragen/fragen/wie-sollte-utopia-auf-die-ereignisse-in-bangladesh/antworten/39901 mehr weniger
  • schrieb am 21.05.2013 um 19:08
    Gut, dass nun im Magazinbereich auf die Ereignissen in Bangladesch reagiert wurde. Gut auch die Links am Ende des Artikels zum kreativen Weiterdenken - suchen usw.

    Voll daneben finde ich die reißerische Überschrift Die Stinknormalität mörderischer Produktionsverhältnisse und deren massenhafte Billigung an den Kassen der diverssen Einkaufshäuser ist ein ernstes Problem und man sollte es auch ernsthaft angehen, das heißt zielgerichtet. Zielgerichtet heißt, dass das zu Tuende nicht überfordern darf, die gesteckten Ziele aber dennoch erreicht werden können.

    Wo hinreichende Produktionsstandards der sozialen bzw. ökologischen Art (noch) nicht mit administrativen Methoden durchgesetzt werden können, müssen Ökozölle her die einen globalen Fund speisen mit deren Hilfe natioale (globale, regionale und lokale) Nachhaltigkeisziele erreichtwerden können. So viel Utopie sollte sein. Muss sein. Wäre das Mindeste.

    Auf dem Weg dorthin wünsche ich mir zumindes eine regelmäßige Berichterstattung über aktuelle Kampagnen, Erfolge und Schwierigkeiten der hieraktiven NGOs, etwa die in der Vereinigung für Unternehmensverantwortung zusammengeschlossen sind..

    http://www.cora-netz.de/?page_id=54 (Zwischen Urgewald und Varmos e.V. ist noch Platz für Utopia) .

    Es ist übrigens keineswegs so, dass "die Verbrauchermacht" gutmeinender Enkaufsverweigerer die bishergen Erfolge in Sachen Arbeitsbedingungen in Bangladesch erzwungen haben. Was Campagnen wie die CCC auszeichnet, ist, dass sie mit den Betroffenen und deren Gewerkschaften zusamenarbeiten. Und nur so wird auch wirklich bzw. nachhaltig ein fairer Schuh draus, wird Verbrauchermitverantwortung zu einem Mittel sozialer Emanzipation (= der Mitmenschwerdung).

    Was soll statt dessen dieses "Wir sind alle Mörder" Bekenntnis bringen? Die in den Tagen nach dem Gebäudeeinsturtz streikenden und demonstrierenden Menschen forderten bekanntlich die Todesstrafe für den schuldigen Fabrigbesitzer und die in den Behöerden, die sich von ihm haben bestechen lassen. Sollen die jetzt ihrer Forderung auf die KIK, C&A oder Aldi-Kunden ausdehnen? Die Islamisten unter ihnen würden diesen Rat vielleicht liebend gern aufgreifen und die Sache gleich selbst in die Hand nehmen wollen.

    Aber, nun gut. Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Beim zweiten sollte allerdings auch gleich ein sprachlicher Billigartikel vom Markt genommen werden, der ähnlich fragwürdig ist, wie ein Zweieuro-T-Shirt von KIK. Das unbestimmte "WIR".

    Es gibt zwar eine gemeinsame, aber im Einzelnen doch wohl sehr (sehr!) UNTERSCHIEDLICHE Verantwortung. Die Verantwortung von Utopia sehe ich u.a. darin, diese feinen Unterschiede sehr genau heraus zu arbeiten und dort mitzumischen, wo ein Stück mehr Gemeinsamkeit möglich gemacht werden kann.

    Positiv an dem Beitrag finde ich übrigens,dass er dem Mythos entgegen wirkt, Familisenunternehmen hätten in Sachen soziale Verantwortung einen strukturellen Vorteil gegenüberden "kalten" AGs. Die Zeiten sollten sich sich dem Ende neigen, wo die die (Welt-) Gesellschaft sich außerstande sieht, die private Aneignung gesellschaftlicher Bereicherungsittel auf ein sozial bzw. ökologisch verträgliches Maß zu reduzieren.

    GrußvomTopisten

    PS. 31 Unternehmen unterschreiben Sicherheitsabkommen.

    31 Unternehmen haben ihre Unterschrift zugesagt: H&M, Inditex, C&A, PVH (Calvin Klein, Tommy Hilfiger), Tchibo, Tesco, Marks & Spencer, Primark, El Corte Inglés, Hess Natur, jbc, Mango, Carrefour, KiK, Helly Hansen, G-Star, Aldi, New Look, Next, Mothercare, Loblaws, Sainsbury’s, Benetton, N Brown Group, Stockmann, WE Group, Esprit, Rewe, Lidl, Switcher und Abercrombie&Fitch. Am Nachmittag des 16.5. sagte auch noch die Otto Group zu.

    Nicht dabei sind die US-amerikanischen Konzerne Gap und Walmart, aber auch deutsche Unternehmen wie NKD, Metro oder Ernstings.

    http://www.sauberekleidung.de/index.php/eilaktionen/faelle/279-pm-historische-wende-brandschutzabkommen mehr weniger
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