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Utopist „velotopist" im Interview

„Die antidepressive Wirkung meiner Fahrradjacke"

Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung. Dieses Leitmotiv gilt wohl auch für den passionierten Radfahrer „velotopist“. Im Interview stellt Ihnen der Moderator der Utopia Fahrrad-Gruppe seine Gedanken zu nachhaltiger Mobilität vor, er erklärt warum wir von der „doofen Mehrwertsteuer“ lieber auf eine Fußabdrucksteuer umsteigen sollten und natürlich erfahren Sie mehr über die antidepressive Fahrradjacke.


Utopia: Fahrradzeit ist ja eher im Sommer. Wie kommt ein "velotopist" durch den Winter?

velotopist: Mein Fahrrad würde sicherlich in Winterdepressionen verfallen, wenn es über die Wintermonate nutzlos in der Ecke stünde. Das will ich auf keinen Fall riskieren und auch mir bekommt es besser, wenn ich im Winter zumindest meinen täglichen Arbeitsweg mit dem Fahrrad erledigen kann. Seit zwei Jahren fahre ich im Winter mit Spikes, die mir bei Glätte und etwas Schnee gute Dienste leisten und ebenso bei trockenem Wetter gut zu fahren sind. Aber auch mit Spikes darf man nicht übermütig werden. Besonders tückisch sind hartgefrorene Reifenspuren in tieferem Schnee, in die man trotz Spikes einspurt wie in Straßenbahnschienen. Bei solchen Schneeverhältnissen nehme ich dann lieber ein ÖPNV-Ticket - solange der Golfstrom noch fließt, sind das in Braunschweig zwei oder drei Wochen im Jahr, das ist zu ertragen! Um nicht nur mein Fahrrad und mich, sondern auch all die anderen Verkehrsteilnehmer mit viel Licht vor Winterdepressionen zu bewahren, bin ich - nicht nur im Winter - mit grell-neongelber Softshelljacke mit dicken Reflexstreifen und leistungsfähiger Fahrradlichttechnik unterwegs.

Scheint eine besondere Jacke zu sein. Gibt es dazu eine Geschichte?

velotopist: Ja, die antidepressive Wirkung meiner Fahrradjacke ist spätestens seit einer Begebenheit im Toilettencontainer auf dem Braunschweiger Weihnachtsmarkt bewiesen, wo mich mein unbekannter Urinalnachbar mit Blick auf die Jacke und etwas glühweinschwerer Zunge "Rad da?" fragte und wie auf Kommando an sämtlichen Urinalen "Ratta, ratta ... im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen..." angestimmt wurde. Diese spontane Sangesfreude bei den Herren sorgte im benachbarten Damentrakt für einige Verunsicherung und wurde im gemeinsamen Wasch-Vorraum neugierig hinterfragt. Knappe Antwort: "Rad da!".

Siehst du das Fahrrad eher als Ergänzung oder als echte Alternative zum Auto?

velotopist: Für mein persönliches Mobilitätsverhalten gibt es da überhaupt keine Zweifel, aber so ist die Frage sicher nicht gemeint. Interessant an dieser Frage ist zunächst mal ihre Formulierung, denn sie zeigt, welche Dominanz das Auto in unseren Köpfen hat: Das Fahrrad konkurriert nicht nur mit dem Auto, sondern mit allen anderen Verkehrsmitteln und auch mit dem Zufußgehen! Alle Mobilitätsarten haben ihre Vor- und Nachteile und damit ihre Berechtigung. Der intelligente "modal split" (=Verteilung des Transportaufkommens auf verschiedene Verkehrsmittel) muss her! Aber solange das Auto das Denken der Politiker und Verkehrsplaner vereinnahmt - und dafür sorgen ja Heerscharen von Lobbyisten - ist der "modal split" stark einseitig zu Gunsten des Autos verschoben. Entgegen guter rationaler Argumente und zu Lasten der Lebensqualität der Menschen auf beiden Seiten der Windschutzscheiben.

Wie verändert man den „modal split“ zum Besseren?

velotopist: Es gibt ein effizientes Instrument, mit dem die autolastige Verzerrung des "modal split" ein gutes Stück korrigiert werden kann: Das so genannte Mobilitätsmanagement unterstützt Berufspendler mit Informationen und Service ideologiefrei bei der Wahl der für sie idealen Mobilitätsform. Akteure beim Mobilitätsmanagement sind einerseits die Städte und Kommunen (sehr erfolgreich ist zum Beispiel die Stadt München mit ihrem Programm "Gscheid mobil"), andererseits die Arbeitgeber. Letztere verfassen zwar heute mehrheitlich vollmundige Nachhaltigkeitsberichte, aber bei Mobilitätsmanagement für ihre Belegschaften sehen sie bis auf ganz wenige rühmliche Ausnahmen "keinen Handlungsbedarf".

Wenn alle berufstätigen Utopisten mal auf ihren Arbeitgeber zugingen mit der Frage, was er denn in Sachen Mobilitätsmanagement unternimmt, könnte sich bei dieser "vornehmen" Zurückhaltung der Arbeitgeber durchaus etwas bewegen. Das wäre auch eine kollektive "gute Frage" an die auf Utopia vertretenen mittleren und größeren Unternehmen wert. Zusammen mit anderen politischen Kurskorrekturen könnte sich der "modal split" dann vielleicht so entwickeln:


Grafik: velotopist

Thema: Utopisten-Interviews, Stand: 18.01.2013 von
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