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Fragen Sie Dr. Dilemma

Zeitunglesen - gedruckt oder online?

Das Dilemma: Was ist klimaschädlicher - der Papieraufwand gedruckter Zeitungen oder der Stromverbrauch von Online-Medien?



Lieber Dr. Dilemma,

vor kurzem habe ich gelesen, dass ich mit der Energie, die eine 
Google-Anfrage verbraucht, locker ein, zwei Kaffee kochen könnte. Durch 
mein Verhalten im Netz verbrauche ich also nicht nur zuhause, sondern 
auf jeder Menge anderer Rechner weltweit Strom. Mein Dilemma besteht darin: Papiermüll oder Datenmüll - was ist schlimmer? Soll ich mir meine Zeitung lieber am Zeitungskiosk kaufen oder online lesen?

Herzliche Grüße, Vielfalter


Dr. Dilemma antwortet:

Lieber Herr Vielfalter,

als stellvertretender Chefredakteur der taz empfehle ich Ihnen in aller Parteilichkeit, die taz weder am Kiosk zu kaufen, noch sie nur online zu lesen, sondern sie zu abonnieren. Das ist das Beste für Sie. Und für uns, da die Finanzierung unseres Unternehmens derzeit noch von Aboerlösen abhängt.

Als Dr. Dilemma sage ich Folgendes: Den von Ihnen angesprochenen Energieverbrauch für eine durchschnittliche (Google-)Anfrage hat ein Harvard-Physiker mit sieben Gramm CO2 berechnet. Das entspricht der Hälfte des CO2-Ausstoßes für das Kochen von einem Liter Wasser. Google sagt dagegen, man brauche nur 0,2 Gramm Kohlendioxid. Was stimmt, kann ich nicht sagen.

Was Ihre grundsätzliche Frage angeht, so werden die meisten Menschen zunächst davon ausgehen, dass es ökologischer sein müsste, Nachrichten, Kommentare und Analysen online zu lesen als eine gedruckte Zeitung zu erwerben. Grundsätzlich entsteht durch die Verlagerung von Teilen des Lebens ins Internet (neben anderen Vor- und Nachteilen), tatsächlich die Chance, Energie zu sparen. Etwa den Gang oder die Fahrt zur Bibliothek, zur Behörde, zum Buchladen. Wenn Sie zum Beispiel eine Telefonnummer recherchieren, ist Print viel schlechter, weil die Herstellung des Telefonbuches sehr energieintensiv ist. Je mehr Telefonnummern Sie allerdings in Ihrem dicken Wälzer suchen, desto besser wird im Verhältnis zu online die Energiebilanz.

Eine Studie des Schweizer Instituts Ugra hat in der Tat ergeben, dass elektronische Medien ökologisch besser sein können als Print-Medien. Allerdings nur dann, wenn sie selektiv genutzt werden. Am besten schneidet hier der Fernseher ab: Erst ab einer Nutzung von deutlich über einer Stunde liegt die verursachte Umweltbelastung in der Größenordnung einer Zeitung (bei der von 2,3 Lesern ausgegangen wird). Die Internet-Lektüre ist so lange ökologisch besser als die Zeitung, wie das Lesen weniger als 20 Minuten dauert. Allerdings ist die Studie von 2001, eine neuere gibt es offenbar nicht, und es haben sich seither einige Dinge geändert. Auf der einen Seite verringern Laptops und Flachbildschirme den Energieverbrauch, und auch bei der Infrastruktur, also in den Rechenzentren, hat sich viel verändert. Auf der anderen Seiten sind die Gesamtnutzungszeiten des Internets enorm angestiegen.

Der entscheidende Unterschied zwischen Print und online ist grundsätzlicher Art: Zeitung können Sie stundenlang lesen, wenn Sie wollen. Die Umweltbelastung bleibt dieselbe, da eine Zeitung (derzeit noch) nur als Ganzes gekauft werden kann. Bei elektronischen Medien kommt es auf die Nutzungsdauer an. Wer schaut tatsächlich am Tag nur eine Stunde fern, wer liest nur 20 Minuten im Internet?

Das heißt, ob Sie ökologisch Medien nutzen, hängt primär nicht von der Wahl des Trägermediums ab, sondern von Ihrem Nutzungsverhalten. Und wie immer, ist auch diese Sache sehr komplex: Lesen Sie nur zehn Minuten, drucken aber wenige Artikel aus, dann übersteigt die Umweltbelastung schon die einer Zeitung. Das liegt an der vergleichsweise hohen Umweltbelastung für die Herstellung von graphischen Drucker-Papieren. Ein ganz entscheidender Faktor für Umweltbelastung ist die Art der Stromerzeugung.  Es kommt also auch beim Online-Lesen zunächst und vor allem darauf an, den Computer mit Ökostrom zu betreiben.

Die taz ist gerade in Zusammenarbeit mit dem Freiburger Öko-Institut in einer Evaluierung der eigenen Ökobilanz. Um sie zu verbessern. Klar ist: Hauptverursacher der hohen Umweltbelastung einer Zeitung ist die Papierherstellung mit ihren Vor- und Nachketten. Im Vergleich dazu spielt der Vertrieb - also die fahrenden LKW - eine geringe Rolle. Das Gebäude der Redaktion und sein Energieverbrauch, sowie die Reisen und sogar etwaige Flüge der Journalisten sind im Verhältnis zum Papier ein ebenfalls geringer Faktor.

Lesen Sie also eine schlanke Zeitung (etwa die taz, aber leider auch Bild), ist das besser als eine dicke, für die viel Papier gebraucht wird. Insofern hat auch in dieser Hinsicht die Wirtschafts- und Anzeigenkrise einen Öko-Faktor: Die immer dünner werdenden Zeitungen sind zumindest umweltfreundlicher. Lesen Sie die Zeitung allein und werfen sie dann weg, ist das schlecht. Geben Sie sie weiter, ist es besser. Muss das Papier für ihre Zeitung aus Skandinavien angekarrt werden, verschlechtert das die Umweltbilanz. Wurde das Papier mit möglichst geringem Energieverbrauch sowie unter Einsatz regenerativer Energieträger hergestellt, verbessert es die Bilanz.

Eine entscheidende Grundlage nicht nur dieses Dilemmas ist für mich die Verantwortungsfrage: Ist es richtig, dass der Mensch durch den Kauf eines Produktes - ob Auto oder Zeitung - die Verantwortung für den Energieaufwand, die CO2-Emission und die Entsorgung des Mülls übernimmt?

Eine andere Möglichkeit ist: Die Verantwortung für Produkte bleibt beim Produzenten. Weil: Unternehmen werden erst richtig ökologisch, müllarm, ungiftig und intelligent produzieren, wenn sie das Produkt am Ende der Nutzungsphase zurücknehmen müssen. Also: Sie geben die alte Zeitung zurück. Und das Unternehmen macht aus Ihrer alten eine neue Zeitung. Ob die dann noch aus Papier ist oder elektronisch, kann ich Ihnen nicht sagen.

Was ich Ihnen sagen kann: Da müssen wir hin.


Herzlichst, Ihr Dr. Dilemma

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Foto: privat

Peter Unfried, Jahrgang 1963, lebt mit seiner Familie in Berlin und ist stellvertretender Chefredakteur der taz.

Thema: Klima- und Umweltschutz, Stand: 21.02.2009 von

Kommentare (1)   Kommentare abonnieren

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  • schrieb am 10.08.2009 um 08:40
    A )BESORGE MIR DIE taz überprüfe das dünne B)es ist herrlich stundenlang zu rascheln-blättern
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