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Slow-Food-Vorstand Ursula Hudson im Interview

"Wären alle Vegetarier, gäbe es kaum mehr Regenwald!"

Ursula Hudson, die einzige Frau im neuen Vorstand von Slow Food Deutschland, ist bekennende, aber zugleich gesprächsbereite Fleischgenießerin. Aus ihrer Sicht ist Vegetarismus kein Allheilmittel, Essen mit oder ohne Fleisch aber immer auch politischer Akt. Utopia hat mit der Kulturwissenschaftlerin über die Positionierung von Slow Food im Spannungsfeld von Genuss und Politik gesprochen.


Utopia: Tiere essen gehört bei Slow Food zum genussvollen Erleben von Nahrung. Können sich Vegetarier in so einer Organisation eigentlich am richtigen Platz fühlen?
 
Ursula Hudson: Bei Slow Food sind Sie als Vegetarierin ganz genauso gut aufgehoben wie als Fleischesser! Egal, ob man sich zum Beispiel mit Soja in allen Varianten ernährt oder Fleisch isst, die wichtigen Fragen sind dabei immer die gleichen: Unter welchen ökologischen und sozialen Bedingungen und in welcher handwerklichen Qualität wird produziert und welche Auswirkungen hat das lokal und global?


Wir müssen das Bewusstsein dafür fördern, dass die Qualität unserer Tierhaltung und Quantität unseres Fleischkonsums die Hauptprobleme sind. Aber zugleich brauchen wir auch ein vertiefteres Verständnis der Zusammenhänge von Beweidung, artgerechter Tierhaltung, Grünlandpflege und damit qualitätsvoller Milch- und Fleischproduktion. Grünland wird als Weide optimal genutzt. Es dient so als CO2 Senke und zur Erhaltung von Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität. Wenn wir alle Vegetarier würden, hätten wir die Welt voller Soja und das Abholzen des Regenwaldes würde noch schneller fortschreiten.


Ich bin sicher, dass unser derzeitiger Fleischkonsum dringend reduziert werden muss. Das andere Extrem, 100 Prozent Vegetarier auf der Welt und gar keine Nutztierhaltung mehr, ist meiner Überzeugung nach keine Lösung. Das schafft nur andere Bedrohungen für Klima und Biodiversität. Deshalb ist es für Slow Food ein so großes Anliegen, möglichst vielfältige Ernährungstraditionen und Kulturen bei Lebensmitteln aufrecht zu erhalten. Und deshalb heißt Slow Food auch alle gleichermaßen willkommen, die Genuss und Verstand verbinden wollen, ob mit oder ohne Fleisch!

Ursula Hudson
Foto: privat
 
Utopia: Demnach lesen Sie Jonathan Safran Froers Buch "Tiere essen" eher als Appell zu weniger und anderer Tierhaltung als zum vollständigen Fleischverzicht?
 
Hudson: Ja, denn die Erhaltung der Weideflächen und der Schutz des Klimas hängen enger zusammen, als viele wissen. Ich bin zur Zeit häufiger im Gedankenaustausch mit der Veterinärin Anita Idel, die an einem sehr spannenden Buch zum Thema arbeitet.  Daher weiß ich, dass man in den letzten Jahren viel zu wenig auf die gezielt beweidete Grünfläche als Klimaschutz und Bewahrer von Biodiversität geschaut hat. Grünland als etwas zu sehen, was man in großem Stil umpflügen kann zur Produktion von mehr pflanzlicher Nahrung, wäre ein großer Fehler. 

Produkt der Woche 42

 


Utopia: Slow Food Deutschland ist in diesem Sommer mit seiner Geschäftsstelle nach Berlin umgezogen. Der Verband sucht neuerdings gezielter Kontakt zur Politik. Warum?
 
Hudson: Slow Food hat so eine wunderbare Botschaft: Gut, sauber, fair! Ich denke, damit kann man die ganze Welt der Nahrungssysteme beschreiben, auf der Nord- wie auf der Südhemisphäre. Aber diese Botschaft hat noch zu wenig Gehör bei den politischen Entscheidern auf Bundesebene. Slow Food will seiner Forderung nach einer anderen Lebensmittelerzeugung in Zukunft noch mehr Nachdruck verleihen. Und wenn man das will, dann muss man dort sein, wo die politischen Entscheider sind und direkt mit ihnen reden können.
 
Utopia:
Wird dieser Schwenk vom "Genuss mit Verstand" zu mehr Geschmack an der Politik etwas an den Zielen von Slow Food ändern?
 
Hudson: Nein, ganz und gar nicht! Die Kernziele bleiben unverändert bestehen: Gute, saubere, faire Lebensmittel; lokal verankert und vernetzt. Aber eben auch global mit Bedacht, denn die Essensentscheidungen der Nordhälfte haben ihre Auswirkungen auf den Süden. Auch deswegen ist uns der direktere Kontakt zur Politik wichtig, weil Slowfood Deutschland regional agiert, aber zugleich ja Teil eines großen, internationalen Netzwerks ist!

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Thema: Vegetarisch & vegan, Stand: 18.10.2010 von
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