Deutschlands Website Nr. 1 für nachhaltigen Konsum
Fukushima

Das war's mit Fisch und Grüntee aus Japan!

Ist Sushi essen eigentlich solidarisch oder lebensmüde? Seit Fukushima verursacht der Biss ins grüne Röllchen mulmige Gefühle. Aber ist er auch gefährlich? Utopia hat beim Umweltinstitut München nachgefragt und musste feststellen: Fukushima ist angekommen.


 

 

Essen Sie gerne Sushi? Und tun Sie es noch? – Entspannt zurücklehnen können sich jetzt die Selberdreher mit Vorfukushima-Vorräten. Natürlich lässt sich fragen, ob überhaupt über solche Luxusprobleme diskutiert werden sollte? Können wir im Gegensatz zur japanischen Bevölkerung nicht problemlos auf japanische Lebensmittel verzichten? Ist es nicht pietätlos, sich jetzt um die eigene Haut zu sorgen? – Aber letztlich ist es müßig, darüber zu streiten, denn natürlich sorgen wir uns um unsere Gesundheit. Wir haben Angst vor verseuchten Fischen, Algen und Tee, wie wir vor verseuchten Pilzen aus Osteuropa zitterten und es immer noch tun.

Japan ist weit weg, viel weiter als die Ukraine. Der Ausschlag, den Fukushima bei deutschen Messstationen Ende März bis Anfang April verursachte, war sehr gering, das sagt sogar Christina Hacker vom als kritisch bekannten Umweltinstitut München. Mittlerweile ist Fukushima laut Frau Hacker bei uns gar nicht mehr in Luft oder Regen nachweisbar. Was bleibt, ist die bereits vorhandene, aber längst verdrängte Belastung aus Tschernobyl.

Großflächige Verseuchung im Pazifik

Die bisher schlimmste atomare Katastrophe hat, wie eine pervertierte Form japanischer Höflichkeit nur das eigene Land verseucht. Angrenzende Länder kontaminierte die Fukushima-Wolke nach momentanem Wissensstand nicht in größerem Umfang. Bis auf einen kürzeren Ausschlag nach Norden, der den östlichsten Teil Chinas und Russlands traf, trieb die Wolke überwiegend auf den Pazifik. Gemeinsam mit den zur Reaktorkühlung eingesetzten und dann ins Meer abgepumpten Wassermassen sorgt sie allerdings dort für starke Kontaminationen. Zwar wurden diese durch die Verteilung im Meer verdünnt, aber punktuell liegen immense Belastungen vor. Die Verdünnung führt zudem zu einer sehr großflächigen Verstrahlung wie Greenpeace nach ersten Messungen im Mai mitteilte. Wie genau sich die Radioaktivität im Pazifik verteilt, ist momentan noch unklar. Greenpeace Schweiz vermeldet, dass gemäß erster Modellrechnungen davon auszugehen sei, dass sich das Cäsium-137 aus dem beschädigten AKW im Ozean bis zu einer Distanz von 4.000 Kilometern verbreiten wird. Etwa in fünf Jahren soll die Strahlung die amerikanische Küste erreichen.

Von Sushi bis Grüntee – worauf Sie jetzt achten können

Algen besonders stark kontaminiert

Die Kontamination der Küstengewässer hat für Japan ganz besondere Konsequenzen, denn die Algen, die dort geerntet werden, sind in Japan ein Grundnahrungsmittel. Greenpeace stellte hier teilweise Belastungen fest, die das 50-fache über dem japanischen Grenzwert lagen, auch Fisch und Meeresfrüchte waren stark kontaminiert.

Sushi-Liebhaber hierzulande haben ebenfalls japanische Algen auf dem Teller. Während der Reis oft aus Italien stammt und der Fisch oder das Gemüse nicht unbedingt aus Japan importiert werden, sind für Algen nun mal die Japaner die absoluten Spezialisten. Christina Hacker vom Umweltinstitut München rät deshalb, auf Sushi zu verzichten, sofern die Zutaten tatsächlich aus Japan kommen. Ihre Konsequenz aus Fukushima – Essen aus Japan ist im Moment, insofern es sich nach Fukushima (11. März) auf die Reise in unsere Supermarktregale gemacht hat, tabu. Das betrifft zum Beispiel Algen, Ingwer, Grünen Tee, Sojasoßen, Würz- oder Fischöle. Im Gegensatz zum Haltbarkeitsdatum ist das Verpackungsdatum für den Verbraucher meist nicht zu erkennen. Einige Firmen behelfen sich momentan mit Stickern wie "Ernte 2010", um hier Klarheit zu schaffen.

"Verzichten Sie lieber auf Pazifik-Fisch"

Frau Hacker geht in ihrer Empfehlung noch einen Schritt weiter und rät, sich neben japanischen Spezialitäten auch keinen Fisch aus dem Pazifik auf den Teller zu holen. Was ebenfalls bedeutet, als Urlauber in asiatischen Ländern auf Fisch zu verzichten. „Wir wissen nichts über Ausmaß und Verteilung der Strahlung und die Reaktoren sind immer noch nicht unter Kontrolle“ und so lange das so sei, sollte man lieber vorsichtig sein, erklärt Christina Hacker ihre umfassende Warnung. Nach allgemeiner Meinung sind die Fanggebiete 61 und 67, zu denen auch das wichtige Fanggebiet in der Beringsee gehört, am stärksten gefährdet.

Das Umweltinstitut München hatte sich für einen Importstopp für japanische Lebensmittel stark gemacht. Durch ein Importverbot hätte aufgrund der kurzen Halbwertszeit von Jod-131 eine mögliche Belastung mit diesem Radionuklid sicher vermieden werden können. Auch den gesetzlichen Grenzwerten steht das Umweltinstitut kritisch gegenüber. Zum einen weil nun unsinniger Weise zwei Grenzwertverordnungen gültig seien, eine aufgrund von Tschernobyl für europäische Lebensmittel und solche, die aus Drittländern in die EU eingeführt werden, und eine speziell für japanische Lebensmittel, die bezüglich einer möglichen Cäsium-Belastung etwas strenger ist. Für letztere wurden japanische Grenzwerte übernommen, nachdem zunächst ein im Vergleich zur europäischen Verordnung doppelt so hoher Grenzwert angesetzt wurde. Auf Druck des Umweltinstituts und Foodwatch passte die EU die Werte nachträglich an. Zum anderen da die Werte nach Meinung des Umweltinstituts willkürlich und viel zu hoch angesetzt wurden, da in Europa aufgrund von Fukushima keine radiologische Notstandssituation gegeben ist. Seit Jahren fordert man beim Umweltinstitut deutlich geringere Grenzwerte.

 

>> Weiter auf der nächsten Seite: Die EU prüft 10-20 Prozent der japanischen Lebensmittel <<

 

Die EU prüft 10-20 Prozent der japanischen Lebensmittel

Die Kontrolle der Grenzwerte fällt auf europäischer Seite bescheiden aus. 10-20 Prozent der Lebensmittel aus Japan werden stichprobenartig bei der Einfuhr geprüft. In der Regel reicht jedoch ein japanisches Gesundheits-Zertifikat, das die Einhaltung der Grenzwerte bescheinigt, sollte das Nahrungsmittel aus einer der als gefährdet gelisteten Präfekturen stammen. Kann man sich als Verbraucher auf diese Kontrollen verlassen? Ein Risiko ist immer dabei. In Frankreich wurde jüngst Grüner Tee bei der Einfuhr aus dem Verkehr gezogen, der eigentlich aus einer Region stammte, für die kein „Gesundheitszeugnis“ nötig war. Die Teeblätter wiesen aber eine Cäsium-Belastung von mehr als 1.000 Becquerel auf, der Grenzwert liegt bei 500 Bq. Seitdem gehört Shizuoka zu den Regionen Japans, für die eine Kontrolle vor Ausfuhr Pflicht ist. Im Gegenzug wurden die zwei Präfekturen Niigata und Yamagata aufgrund mangelnder Vorkommnisse von der Liste gestrichen, sodass im Moment 12 Präfekturen Lebens- und Futtermittel erst in die EU ausführen dürfen, wenn sie vorher auf Jod-131, Cäsium-134 und Cäsium-137 geprüft wurden. Auch für die gefährlichen Radionuklide Strontium und Plutonium gibt es Grenzwerte – überprüft werden, müssen sie jedoch nicht.

Von Sushi bis Grüntee – worauf Sie jetzt achten können

Wird Sushi Weltkulturerbe?

Derweil kämpft Japan international um Vertrauen. Der Antrag die japanische Küche ins Weltkulturerbe aufzunehmen läuft. Aber auch in Deutschland könnte es für manche Firmen richtig haarig werden, wenn der Konsument Sushi, Miso und Grüntee den Rücken zukehrt. Deshalb wird kräftig ins Kundenvertrauen investiert. Einige Firmen im Naturkostbereich prüfen jetzt sogar selbst oder haben dies zumindest vor. Ganz vorne mit dabei der auf asiatische Bio-Feinkost spezialisierte Anbieter Arche. Auf seiner Website schreibt das Unternehmen: „Alle Arche Produkte, die Sie bei Ihrem Händler kaufen, sind zusätzlich in einem Labor auf mögliche Belastungen geprüft. Wir akzeptieren bei den Untersuchungsergebnissen auf Strahlung keine Veränderungen zum Status vor dem 11. März. Nur Produkte mit Analysen unter der Nachweisgrenze kommen in den Handel.“ Die Frage ist natürlich, wie lange sich dieser hohe Standard gewährleisten lässt.

Haben Sie noch Vertrauen in japanische Produkte oder ist Ihnen der Appetit vergangen? Vielleicht schlägt Ihnen aber auch die Diskussion auf den Magen? Wir freuen uns auf Ihren Kommentar ...

 

Quellen: Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, EU Durchführungsverordnung 351/2011 und 297/2011, The Independent, Greenpeace Deutschland, Greenpeace Schweiz, Delegation of the European Union to Japan, FAZ.NET, Umweltinstitut München, Arche Naturküche

Thema: Klima- und Umweltschutz, Stand: 21.07.2011 von

Kommentare (31)   Kommentare abonnieren

alle Kommentare (31)
  • schrieb am 29.07.2011 um 14:08
    Zitat: ""Millionen? Bisher gabe es keinen einzigen Strahlentoten in Fukushima. Millionen Geschädigte, wenn man die Evakuirten mit einbezieht, kann man allenfalls von etwa 200.000 sprechen.""

    Das ist genau die Verdrängungsweise wie sie politisch gerne betrieben wird.
    Im Ballungsraum von Tokio leben 35 Mio Menschen, auch hier wurde radioaktives Jod im Trinkwasser entdeckt.
    Das mag kurzfristig betrachtet belanglos sein weil es ja die "gesetzlichen Grenzwerte" nicht überschreitet.

    Das ich nicht lache. Wer definiert denn sowas? Grenzwerte werden je nach Gelegenheit mal angepasst wenns wirtschaftlich nötig ist. Der eigentlich einzig akzeptable Grenzwert wurde VOR dem Atomzeitalter von der Natur definiert, alles andere ist "das hält der Mensch schon aus", manche Menschen eben nicht.

    Noch keine Strahlungstoten? Brüller! Die armen Schweine die da aufräumen dürfen werden alle in 5-15 Jahren krepiert sein. So ein Overall und ein paar Gummihandschuhe helfen nichtmal gegen Asbest.

    Es ist gegen jede Vernunft im Zuge von pro-AKW mit Wahrscheinlichkeiten zu argumentieren.
    Darum geht es einfach nicht. Auch wenn man auf dem Weg zum AKW eher plattgefahren werden kann als
    dort an einer Strahlendosis zu verrecken bleiben Tatsachen wie 3,4x höhere Leukämieraten rund um AKWs.

    Natürlich hängt das alles nicht mit den AKW zusammen, reiner Zufall.

    Es ging noch nie um "direkte" Opfer. Das macht ja die Atomkraft so praktisch, direkt stirbt fast niemand
    aber die Kinder die an Leukämie und die älteren die an anderen Krebsarten verrecken die fragt niemand. mehr weniger
  • schrieb am 29.07.2011 um 13:23
    @Rebell:

    Zitat: "Wenn in bestimmten Bereichen des Meeres um Daiichi nicht aufgrund von Grenzwertüberschreitungen nicht mehr gefischt werden kann (...)"

    Wirklichkeit: es gibt - im Gegensatz zur Kontamination an Land - keine definierten - und definierbaren - Bereiche mit Grenzwertüberschreitung. Auch Modellrechnungen zur Strömungsverteilung und Verdünnung sind hoch unzuverlässig, nicht zuletzt weil die Ausgangdsatenlage völlig unzureichend ist. Wieviel von womit und wie stark kontaminiertem Wasser wurde denn in das Meer emittiert? Zudem, um einmal mit Ulrich Beck zu sprechen, sind Grenzwerte nichts anderes als eine Vereinbarung über das Ausmaß der legalen Massenvergiftung. Gerade bei radioaktiver Kontamination ist der Grenzwert lediglich eine Vereinbarung darüber, welche potentiellen Opferzahlen gesellschaftlich erträglich sind - verdünnt in Zeit, Raum und Statistik, so daß es gesamtgesellschaftlich nicht weiter auffällt und Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung kaum bis gar nicht nachweisbar sind.

    "Millionen Opfer" kann ich schon nachvollziehen. Opfer sind alle jene, die in irgend einer Weise betroffen sind. Das kann sich auf das persönliche Schicksal beziehen, das kann sich auf kurz- oder langfristige gesundheitliche Folgen beziehen (ein Kind, das in 40 Jahren Symptome entwickelt, die durch "leichte" Kontamination entstanden ist, ist eben auch ein Opfer). Und in unserer Geld Welt kann sich das natürlich auch auf wirtschaftliche Schäden beziehen. Wenn mir einer mein Portemonnaie klaut, bin ich auch das Opfer (eines Verbrechens).

    There is no free lunch. Indeed. Und deshalb sollten wir, um im Bild zu bleiben, nicht mehr essen als nötig, um die Risiken der technologischen Zivilisation zu minimieren. Derzeit werd ein Großteil der wirtschaftlichen Kosten, die Unternehmen und verschiedene Technologien versursachen, hübsch abgezinst klein und gegen Null gerechnet auf die Zukunft verteilt. Die Endlagerproblematik ist dafür ein blendendes Beispiel. Wenn die mitlere bis ferne Zukunft aber Gegenwart geworden ist, wird sich herausstellen, was die Finanzmathematik in Wirklichkeit ist: eine riesige Luftnummer. Unser FInanzsystem ist insgesamt eine einzige große Blase die eines Tages platzen wird. Es geht gar nicht anders. Es ist und bleibt zudem das alte Problem: Gewinn wird abgeschöpft, Kosten und Risiken werden externalisiert auf die Gesamtgesellschaft umgelegt.

    Währenddessen produzieren wir Zuhause unseren Strom selbst, und das völlig krisenfest und risikolos. Zumindest jeder, der ein eigenes Haus hat, kann das auch tun. Weshalb denn sollten unkalkulierbare Risiken eingegangen werden, wenn es auch anders geht? Ich kenne keinen einzigen vernünftigen GESAMTGESELLSCHAFTLICHEN Grund. Daß RWE & Co Gründe haben ist mir schon klar. Aber eine Garantie der multi Millionen schweren Gehaltsschecks der diversen Konzernvorstände gehört nicht wirklich zu meinen vorrangigen Sorgen. UND NUR DARUM GEHT ES LETZTLICH. Und es ist durchaus legitim. Ebenso legitim ist es, als Gesamtgesellschaft zu entscheiden, was wir wollen, und was nicht. Das nennt man dann Demokratie. Ein bischen zumindest funktioniert sie ja noch.

    Und jetzt fahre ich in die Brétagne, will mal die Amoco Cadiz "30 Jahre danach" in Augenschein nehmen. mehr weniger
  • schrieb am 28.07.2011 um 22:57
    ich frage mich schon warum der Rebell nicht nach Japan umzieht....
  • schrieb am 25.07.2011 um 10:54
    Ich lese immer solidarisch...
    In Japan ist immernoch der Großteil der Bevölkerung pro-Kernkraft. Solange die nicht einmal im Ansatz auf die Idee kommen die AKW´s abzurüsten können sie ihre versuchten Lebensmittel selber vertilgen.
    Mir tut es für die Minderheit der japanischen Bevölkerung leid, die dort aufgrund der AKW leiden musste und muß. Den anderen ist nicht zu helfen.

    Was die Meeresbewohner angeht wird wohl der Großteil vom GAU profitieren, da die Überfischung nachlassen wird. Aufgrund der kurzlebigkeit der meisten Bewohner wird die Strahlung kaum Einfluß haben, das zeigt Tschernobyl. Die Lebewesen mit höherer Lebenserwartung werden schon eher Probleme damit haben.

    Eine Argumentation, daß Bombentests mehr Strahlung freisetzten ist absurd. Das ist genauso als wenn man sagen würde das Balkangemetzel war nur halb so schlimm gemessen an dem was die Nazis trieben. mehr weniger
  • schrieb am 22.07.2011 um 14:43
    Was mir noch immer zu kurz kommt ist - grad im Meer - der Aspekt der Biomagnifikation bzw. Biokonzentration, also der allmählichen Aufkonzentrierung der radioaktiven Stoffe (und sonstiger Schadstoffe) entlang der trophischen Stufen der Nahrungskette. Das bedeutet es wird mit der Zeit schlimmer und schlimmer und schlimmer. Das ist nicht neu. Siehe: https://utopia.de/0/blog/wirklichkeit/fukushima-langzeit-auswirkungen-und-wir-haben-es-doch mehr weniger
alle Kommentare (31)
Kommentar schreiben
(5000/5000)
Mehr zu Klima- und Umweltschutz
  1. Deutschland subventioniert Billigfleisch!Sauerei: In Deutschland blechen Steuerzahler für Massentierhaltung!

    Deutschland subventioniert Billigfleisch!
  2. Mit Vollkorn und Fashion für's KlimaAm 29. September in Hamburg für's Klima shoppen.

    Mit Vollkorn und Fashion für's Klima
  3. Ist das Mindesthaltbarkeitsdatum Blödsinn?Online-Petition fordert: Schluss mit Verschwendung durch das Mindesthaltbarkeitsdatum!

    Ist das Mindesthaltbarkeitsdatum Blödsinn?