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Georg Winter

Der Grüne im blauen Anzug

Einst galt er als Spinner. Seit Unternehmer Georg Winter jedoch bewiesen hat, dass Öko-Management auch ökonomische Vorteile bringt, gilt er nicht nur in Deutschland als Koryphäe und Pionier. Selbst hart gesottene Profit-Maximierer beherzigen heute Winters Thesen.


Von Stephan Sepp

Für Kunstwerke mit seltsamen Kreissymbolen scheint Georg Winter eine besondere Schwäche zu haben. In seinem Hamburger Bürogebäude irritieren die Objekte den ahnungslosen Besucher. Der glaubt, in der Zentrale einer Esoteriker-Sekte gelandet zu sein, in der Georg Winter im vierten Stock residiert. Und milde darüber schmunzelt, dass sie ihn früher für einen Spinner hielten. 1972 war das, acht Jahre vor der Gründung der "Grünen" als Partei. Damals hat Winter damit begonnen, den von seinem Vater übernommenen Herstellungsbetrieb für Diamantwerkzeuge nach ökologischen Grundsätzen zu führen. Von da an war der Unternehmer für die Presse nur noch der "Grüne im blauen Anzug".

Mittlerweile ist Georg Winter als Pionier des Öko-Managements hoch geachtet in ökonomischen wie ökologischen Kreisen. Seinen Stellenwert in der Gesellschaft lässt eine Textpassage aus den Memoiren von Helmut Schmidt erahnen. Vortrefflich gemacht habe sich jener Georg Winter, schreibt der sonst so spröde Altkanzler jovial in "Weggefährten – Erinnerungen und Reflexionen". Schon als Kind sei er Loki aufgefallen, die ihn als Grundschullehrerin unterrichtete. Er sei so aufgeweckt gewesen, dass sie ihn eine Klasse überspringen ließ.

Auch Georg Winter kann sich noch gut an Loki Schmidt erinnern. Besonders an ihren Biologie-Unterricht, den sie gelegentlich in freier Natur praktizierte. "Das hat mich sehr geprägt," erzählt Winter. Mit neun Jahren trat er dem Tierschutzverein bei, mit 13 dem "Verein Naturschutzpark". Schon damals, sagt Winter, sei ihm die Natur näher gewesen als die Technik und die Geschäfte des väterlichen Betriebs. Den Konflikt, der zwischen Neigung und Pflichtgefühl in ihm reifte, brachte er in einem Schulaufsatz zum Ausdruck. Thema: "Vom Naturschutz allein kann ich nicht leben".

So übernahm der promovierte Jurist 1968 mit seinem Bruder Ernst Michael den Familienbetrieb: die Firma "Ernst Winter & Sohn". Vier Jahre lang ertrug er das zehrende Gefühl, ein Schaf im Wolfspelz zu sein. Ein Naturschützer im Gewand des Naturzerstörers. Bis ihm ein Buch in die Hände geriet, das sein Leben verändern sollte: "Todeskandidat Erde" von Ernest E. Snyder. Eine kritische Abhandlung über die ökologischen Folgen des menschlichen Fortschrittswahns.

Winter hat das Buch so sehr beeindruckt, dass er begann zu rebellieren. Gegen sich selbst und die Hilflosigkeit, der sich umweltbewusste Unternehmer in jener Zeit ausgesetzt fühlten. "In den frühen Siebziger Jahren beschränkte sich der Umweltschutz noch weitgehend auf die umweltgerechte Entsorgung von Abfällen, von Abwässern und Abgasen," erzählt Winter. "Ich habe damals erkannt, dass man so viel mehr tun kann, wenn man schon vorher eingreift. Wenn man zum Beispiel umweltverträgliche Materialien verwendet, den Energie- und Wasserverbrauch während der Produktion verringert und die Mitarbeiter über den Umweltschutz aufklärt." Schritt für Schritt veränderte Winter sein Unternehmen und machte es allmählich zu einem Musterbetrieb, der die damals geltenden ökologischen Anforderungen "übererfüllte". Er investierte in die Umwelt-Bildung seiner Angestellten und Auszubildenden. Und ließ Experten aus den Fachbereichen seiner Firma umfangreiche Check-Listen schreiben. Damit das Unternehmen nicht nur oberflächlich ökologisch sauber wurde, sondern porentief rein – bis ins letzte Detail. Die Mühe lohnte sich. 1987 wurde die Europäische Gemeinschaft auf den umtriebigen Öko-Unternehmer aufmerksam und schickte Gutachter nach Hamburg. Kurz darauf gab die EG-Kommision ein Handbuch bei Georg Winter in Auftrag. "Das umweltbewusste Unternehmen" (siehe Abbildung links) erscheint mittlerweile in 13 Sprachen. Es steht als Standardwerk in jeder Wirtschaftsbibliothek. Als praxisnahe Blaupause für Manager und mittelständische Unternehmer. Nicht nur für die umweltbewussten unter ihnen -  das ist schon lange vorbei.


Selbst hart gesottene Profit-Maximierer beherzigen heute Winters Thesen. Es gilt als ausgemacht, was man Winter einst nicht glauben wollte: Dass Öko-Management auch ökonomische Vorteile bringt -  neue Märkte, weniger Kosten durch Energieersparnis und Image-Gewinn. "Nicht zu vergessen die bessere Qualität von Öko-Produkten," sagt Georg Winter. "Das Qualitätsargument hat meinen Ideen letztendlich zum Durchbruch verholfen." Und all den ökologischen Verbänden und Organisationen, die sich daraus entwickelten.

Georg Winter hat sie im "Haus der Zukunft Hamburg" gebündelt. Jenem "Kompetenzzentrum" für Interessierte aus Wirtschaft und Ökologie, das er 1998 gründete, nachdem er sich vom Unternehmen seines Vaters getrennt hatte. Der 1987 von Winter mitbegründetet "Bundesdeutsche Arbeitskreis für umweltbewusstes Management e. V." (B.A.U.M.) ist dort untergebracht und das "International Network for Environmental Management". Dazu gemeinnützige Verbände wie der Naturschutzbund Deutschland Landesverband Hamburg (Nabu) und Gewerbetreibende, die auf dem Öko-Sektor tätig sind.
 
Georg Winter unterhält in dem nach bauökologischen Grundsätzen renovierten Fünfziger-Jahre-Bau in Hamburg-Eimsbüttel ein Büro, das neben seinen öko-ökonomischen auch seine lyrischen Aktivitäten koordiniert: das sportlich-schnelle Rezitieren von selbst verfassten Zungenbrecher-Gedichten. Mit seinem skurrilen Hobby hat es Winter schon bis zum Wettkönig in der ZDF-Show "Wetten, dass ...?" gebracht. Was kaum anders zu erwarten war – bei einem zumeist harmlosen, aber stets erfolgreichen Spinner.     

Zum "Haus der Zukunft Hamburg"

Infos für Unternehmer gibt's bei B.A.U.M.

 

Thema: Unternehmen, Stand: 15.04.2009 von

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  • gelöscht am 28.09.2009 um 11:17 von admin
    Dieser Kommentar wurde gelöscht..
  • schrieb am 16.04.2009 um 08:51
    Danke für diesen schönen Beitrag ...
    Herr Winter ist für mich ein herausragendes Beispiel, dass Engagement Erfolg zeigt. Wir neigen doch immer sehr zur Resignation. "Was können wir schon tun ... hat ja eh alles keinen Sinn ... die da oben sind Schuld ..."
    Aus dem Moment heraus hat man schnell das Gefühl machtlos zu sein. Über längere Zeiträume sind Veränderungen aber erkennbar. Sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Also bleibt als Losung. Jetzt ist die Zeit ... heute wird getan oder auch vertan ... mehr weniger
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