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Interview zum Buch "Harte Kost"

„Essen ist eine politische Handlung“

Massentierhaltung, Pestizide, Zusatzstoffe, Gentechnik – all das haben wir satt. Aber können wir wirklich darauf verzichten, wenn bald 10 Milliarden Menschen die Erde bevölkern werden? Antworten darauf liefert das neue Buch „Harte Kost“. Utopia hat mit Autor Valentin Thurn gesprochen.


Herr Thurn, einer der ersten Sätze von „Harte Kost“ lautet: „Die industrielle Nahrungsmittelproduktion jedoch stellt inzwischen die Hauptursache für die Zerstörung unseres Planeten und eine ernsthafte Gefahr für unser Essen dar“. Schmeckt Ihnen Ihr Essen?

Ja, ich versorge mich seit einem Monat bei regionalen Bauern über die „Food Assembly" und bin äußerst zufrieden, endlich mal Tomaten und Paprika die nach etwas schmecken. Als ich das Modell vor über einem Jahr in Frankreich entdeckt habe, dachte ich mir, das muss ich nach Deutschland holen. Seit Sommer gibt es vier Assemblies in Deutschland, zwei in Köln und zwei in Berlin, und bald werden es noch mehr werden. Außerdem kochen wir jeden Tag frisch, oder auch mal die Reste von gestern, es ist eigentlich nur selten Fleisch dabei und wenn dann von einem Metzger, der die Bauern kennt, die sein Fleisch produzieren. Im Sommerhalbjahr gibt es auch vieles aus dem eigenen Garten, aber da steht jetzt um die Jahreszeit nur noch ein wenig Pak Choi, Äpfel und Quitten lagern im Keller.
 
Für Ihr Buch haben Sie beide Lager besucht, die bäuerliche Landwirtschaft und die industrielle Lebensmittelproduktion. Glauben Sie, dass Saatgut- und Lebensmittelkonzerne Teil der Lösung sein können?

Um alle Menschen weltweit zu ernähren, gibt es nicht nur eine Lösung. Aber die Konzerne sind eher ein Problem denn eine Lösung. Ihre Logik führt zu Abhängigkeiten von Bauern und Verbrauchern. Sie haben uns zwar billige Lebensmittel beschert, aber auch Verschwendung. Ich muss allerdings anerkennen, dass einige Konzerne ambitionierte Nachhaltigkeits-Programme haben. In den Entwicklungsländern geht es jedoch in erster Linie darum, Kleinbauern zu stärken und weniger abhängig von externem Input zu machen.

Konnte man Sie davon überzeugen, dass Gentechnik eine sinnvolle Möglichkeit im Kampf gegen den Welthunger ist?

Bei den bisher eingeführten Pflanzen ist der Ertrag pro Hektar nicht oder nur unwesentlich höher als bei den konventionellen Pflanzen. Es ist zwar nicht auszuschließen, dass die Gentechnik in der Zukunft Ertragssteigerungen bringen wird, aber – von den potentiellen Gesundheitsgefahren mal abgesehen – dieser Beitrag gegen den Welthunger ist zweifelhaft, weil er die Abhängigkeit der Bauern von den Konzernen nur weiter vergrößert.

Was hat Sie auf Ihren Reisen am meisten deprimiert?

Dass unser westliches Modell der Massentierhaltung und der Monokultur überall auf der Welt Einzug hält. Hühnerfabriken in Indien und Sojafelder in Afrika werden den Hunger leider nicht verringern, sondern vergrößern.

Und was stimmt Sie hoffnungsvoll?

Dass die Bewegung derer, die wieder wissen wollen, woher ihr Essen kommt, sich weltweit ausbreitet. Solidarische Landwirtschaft, urbane Gärten und regionale Einkaufsgenossenschaften sind mir überall in den Industrieländern und vereinzelt sogar in den Entwicklungsländern begegnet. Immer mehr Menschen überdenken ihre Konsumgewohnheiten, der Widerstand gegen die Massentierhaltung hat schon Landtagswahlen entschieden (Niedersachsen) und der Kreislauf-Gedanke fasst in immer mehr Betrieben Fuß. Kurz: Die Erkenntnis, dass Essen eine politische Handlung ist, hat die Mitte der Gesellschaft erreicht.

Was kann heute jeder von uns tun, damit wir morgen und in Zukunft besseres Essen haben?

Regional einkaufen. Und dabei aufpassen, dass er nicht auf Mogelpackungen reinfällt. In den Rewe-Märkten zum Beispiel, gibt es oft Stände mit Produkten regionaler Bauern, das ist eine gute Sache. Aber es gibt auch plastikverpacktes der Marke „Rewe Regional“, wenn man genau draufschaut mit Herkunftsort „Deutschland“. Eine ziemlich große Region, wie ich finde. Deshalb haben wir den Verein „Taste of Heimat“ gegründet, der den Verbrauchern helfen will, Gutes und Nachhaltiges aus der Heimat zu finden.


Selbst denken: Eine Anleitung zum WiderstandStefan Kreutzberger, Valentin Thurn:

Harte Kost.
Wie unser Essen produziert wird – Auf der Suche nach Lösungen für die Ernährung der Welt

erschienen bei Ludwig 2014, 978-3-453-28063-2, 16,99 Euro


Thema: Bio, Stand: 24.11.2014 von

Kommentare (110)   Kommentare abonnieren

alle Kommentare (110)
  • schrieb am 02.12.2014 um 13:49
    viel im Garten anbauen, saisonal kaufen
  • schrieb am 01.12.2014 um 10:40
    Teilnahmeschluss soll der 31.11.14 sein!? Gibt es in meinem Kalender nicht. Gilt heute auch noch?
  • schrieb am 01.12.2014 um 08:13
    Bestimmt ein interessantes Buch!
  • schrieb am 30.11.2014 um 21:10
    Vegane Bioprodukte aus der Region kaufen, selbst kochen, alles verwerten
  • schrieb am 30.11.2014 um 20:44
    Vegan leben, regional,saisonial und bio kaufen und so viel wie möglich selber anbauen. <3
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