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Interview: Thomas Weber

"Ein guter Tag hat 100 Punkte"

“Ein guter Tag hat 100 Punkte”, sagt Thomas Weber in seinem gleichnamigen Buch. Mit einem einfachen Punktesystem sollen wir in der Lage sein, die von uns verursachte Umweltbelastung zu verringern. Wir haben den Autor gefragt, wie das geht.


Das System „Ein guter Tag hat 100 Punkte“ ist eine Art CO2-Diät: Es bewertet unsere Alltagsaktivitäten, unsere Nahrungsmittel und unsere Nutzung von Konsumgütern mit Punkten und setzt ein Limit: ab 100 Punkten am Tag wird’s kritisch. Wie das genau geht, erzählt uns Thomas Weber, Wiener Publizist und Herausgeber des Österreichischen Nachhaltigkeitsmagazins Biorama, der dazu ein gleichnamiges Buch geschrieben hat.

Herr Weber, warum hat denn ein guter Tag 100 Punkte?

Wenn wir Autofahren oder Fleisch essen, dann verbrauchen wir in Mitteleuropa an jedem Tag unseres Lebens durchschnittlich 450 Punkte. Global verträglich wären aber nur 100 Punkte. Ein Blick auf unsere persönliche Bilanz – geht ganz einfach auf eingutertag.org – zeigt dann aber eine Überraschung: Die Tage, an denen wir 100 Punkte oder weniger verbrauchen, empfinden wir oft als schöner und besser.

Wie das?

Sie verbrauchen kaum Punkte, wenn Sie mit Freunden Zeit verbringen, mit den Liebsten wandern gehen, auf dem Rad unterwegs sind, ein Buch lesen, den Balkon oder Garten pflegen. Die Frage ist also: Wie hole ich mir mehr gute Tage in meinen persönlichen Alltag?
Oft hat das mit dem Weglassen von Stressfaktoren zu tun, etwa dem Individualverkehr. Dass wir alle zu viel verbrauchen, das wissen wir ja eh längst. Ich versuche in meinem Buch aufzuzeigen, durch welche Maßnahmen, Initiativen und Aktivitäten ich mehr Spaß und ein objektiv besseres Leben habe, gerade weil ich weniger verbrauche.

Sind grüne und nachhaltige Bewegungen zu repressiv und spaßbefreit?

Erhobene Zeigefinger helfen nichts, sonst sähe die Welt heute anders aus. Ich schließe da von mir auf andere: Ich möchte von niemandem bevormundet werden, also mache ich das auch nicht bei anderen. Nichtsdestotrotz habe ich natürlich Überzeugungen, eine Mission, wenn man so will. Zynische Zeitgenossen meinen, sogenannte „Gutmenschen“ würden die Dinge nur tun, um sich dabei gut zu fühlen. Was soll daran schlecht sein? Es ist eine seltsame Sichtweise, dass etwas nur dann aufrichtig und echt wäre, wenn man darunter möglichst leidet. Ich möchte die Leute zum Nachahmen inspirieren, möchte, dass sie Spaß und Freude daran haben, meine Gedanken nachzuvollziehen oder weiterzudenken. Und wenn sie manches davon verwerfen, ist das auch okay.

Wie kam es zu dem Buch?

Man fragte mich, ob ich ein Buch mit „Nachhaltigkeits-Tipps“ schreiben möchte. Rasch fiel mir das System von eingutertag.org als praktikabler Rahmen ein. Das Konzept stammt nicht von mir, sondern von der gemeinnützigen Vorarlberger Firma Kairos und deren Zürcher Mitstreitern vom Designbüro Integral Ruedi Baur. Über eine Creative-Commons-Lizenz steht es aber als Open-Source-Werkzeug zum Weiterdenken bereit. So habe ich es auch verwendet und für mein Buch weitergedacht.
Ich habe Wissen zusammengetragen, vieles selbst ausprobiert, Initiativen besucht und Vordenker interviewt. Während das Design von eingutertag.org mit seinen Piktogrammen und Punkten perfekt auf Verständlichkeit abzielt, liefere ich mit meinem gleichnamigen Buch den Kontext und die komplexen Hintergründe.

Kann man wirklich seinen Verbrauch so simpel beziffern?

Überzeugt hat mich, dass es nicht um Kommastellen geht, sondern um Größenordnungen. 100 Gramm Milchschokolade kommen auf circa 5 Punkte. Wie viele Punkte mein iPad oder mein Smartphone täglich verbrauchen, hängt wesentlich davon ab, wie viele Jahre ich sie verwende. Wenn ich ein Smartphone nach einem Jahr entsorge, braucht es täglich 8 Punkte. Ist es drei Jahre im Einsatz, reduziert sich das auf tägliche 3 Punkte.

Wieso hat ein Liter Mineralwaser 9 Punkte, ein Liter Leitungswasser “Null”?

Einer der größten Alltagshebel ist Mobilität und die schlägt bei Mineralwasser voll durch – es sei denn, man sitzt direkt an der Quelle. Dass die Infrastruktur für Leitungswasser nicht in Frage gestellt und nicht mit eingerechnet wird, halte ich für richtig. Bei den Punkten geht es um sinnvolle Hebel, die ich im Alltag bewegen kann. Und aus ökologischer Sicht ist Mineralwasser in unseren Breiten zuvorderst einmal Ressourcenverschwendung. Da wird abgepacktes Wasser von A nach B transportiert, oft vielleicht sogar von A über B, C und D nach E, während das Wasser aus der Leitung ohnehin verfügbar wäre. Aber ich möchte nicht päpstlicher als der Papst klingen: Ich trinke selbst sehr gern einmal Mineralwasser – und das, obwohl wir in Wien ein unglaublich gutes Wasser haben!

Schön wäre ja, wenn Busticket, Brot, Schokoriegel und Game-Konsole ab Werk Punkte aufgedruckt hätten...

Das ist eine der konkreten Anwendungen, die auch die Erfinder des Konzepts im Sinn hatten, ja! Meines Wissens gibt es Verhandlungen mit lokalen Vorarlberger Bierbrauereien, die darüber nachdenken, ihre Produkte mit Punkten auszuweisen. Sicher freuen sie sich auch über Kontakte durch andere Herstellern und Produzenten. Freilich muss man da im Hinterkopf behalten, dass es sich um eine andere Punktezahl handelt, wenn ich ein Vorarlberger Bio-Bier in Vorarlberg trinke – oder importiert in einer Szene-Bar in San Francisco.

Werden auch Unternehmen in Ihrem Buch fündig?

Mit Punkten weniger. Dafür gibt es aber einige konkrete Ideen, die sich auch in Unternehmen gut umsetzen lassen. Ich denke nicht, dass sich jemand sklavisch an meine Vorgaben halten wird. Aber Inspirationen sind dabei, und Do it Yourself als Grundgedanke passt ja gut zum Unternehmertum. Es gibt ja sogar Schlachthöfe, die in ihrer Kantine einen wöchentlichen vegetarischen Tag eingeführt haben. Zuerst gab es freilich Widerstände, aber manchmal muss man sich einfach etwas trauen!

Gab es für Sie Überraschungen bei der Recherche?

Überrascht haben mich Recherchen für das Kapitel „Sei romantisch, iss Karpfen (statt Thunfisch)“. Das Thema ist komplex und ich erläutere, warum es besser ist, einen Allesfresser wie den Karpfen aus Bio-Aquakultur zu essen als Wildfang-Thunfisch oder auch Süßwasser-Raubfische aus Aquakultur.
Viele glauben, dass sie ein „regionales“ Produkt essen, wenn sie im Gasthaus etwa einen gegrillten Steckerlfisch kaufen, weil ja vielleicht der Wirt einen Teich hinterm Haus hat. Was die wenigsten wissen: Auch bei Forellen und Saiblingen werden die kleinen Besatzfische manchmal aus Südamerika importiert und das Proteinfutter, mit dem sie dann gemästet werden, ist meist industrieller Krill-Fang aus den polaren Weltmeeren. „Regional“ ist oft nur das Wasser, in dem die Tiere schnell gezüchtet werden.
Richtig schockiert hat mich die Punkteanzahl von Shrimps, vor allem, weil ich selbst sehr gerne Meeresfrüchte esse. 100 Gramm industriell gezüchteter Shrimps aus dem Senegal verbrauchen 56 Punkte – also mehr als die Hälfte der Punkteanzahl, die wir eigentlich an einem Tag verbrauchen dürften. 100 Gramm Bio-Shrimps aus Thailand sind da mit 26 Punkten deutlich besser, aber auch nichts, was man sich täglich gönnen sollte.

Coverbild (C) Residenz VerlagWie viele Punkte hat eigentlich das Buch?

Gute Frage! Ein durchschnittliches Buch hat 15 Punkte. Wer sich allerdings einmal mit Druck beschäftigt hat, weiß, dass es da große Unterschiede gibt. Genau kann ich es ehrlicherweise nicht sagen, weil es eben um Größenordnungen geht. Aber ich würde schätzen, dass mein Buch auf circa 8 bis 10 Punkte kommt – weil es nach der Druckerzeugnisse-Richtlinie des österreichischen Umweltzeichens gedruckt wurde. Es gibt allerdings auch eine E-Book-Version, die natürlich deutlich besser abschneidet.

Thomas Weber:
Ein guter Tag hat 100 Punkte
...und andere alltagstaugliche Ideen
für eine bessere Welt

Residenz Verlag, 216 Seiten, 18 Euro.
www.residenzverlag.com

Am Dienstag, dem 25. November findet in Zürich von 19 bis 21 Uhr in der Buchhandlung Sphères eine Buchvernissage statt – Thomas Weber diskutiert mit Axel Steinberger (Integral Ruedi Baur) und Martin Strele (Kairos), den beiden Erfindern von Ein guter Tag. Im Anschluss liest er aus dem Buch.

Stand: 07.11.2014 von

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  • schrieb am 10.11.2014 um 21:14
    Schön dass es mit der Diskussion nach fast vier Jahren wieder weitergehen kann.
    https://utopia.de/0/gruppen/ich-bin-utopia-547/diskussion/mehr-utopia-vision-auf-utopia-de-192581

    Das Buch werde ich mir anschauen, unsere Stadtbibliothek wird es hoffentlich bald anschaffen, Punkte ? Ich schätze 1-2, fahre schließlich mit dem Rad hin und verbrauche dafür einen Schokoladenkeks. :-) mehr weniger
  • schrieb am 10.11.2014 um 16:29
    Beim ersten Lesen dieses Beitrages kam mir folgender Gedanke in den Sinn: "Weight-Watchers" für eine "CO2-Diät" (wird ja im Artikel auch als eine "Art CO2-Diät" bezeichnet).

    Der Vergleich scheint auch mir angebracht:
    Das Abnehm-System der "Weight-Watchers" basiert ja ebenfalls auf "Punkten": für alle Menschen, die es "vereinfacht" haben wollen.

    Diese "Vereinfachung" wirft für mich folgende Fragen auf:

    -> sind wir nicht mehr in der Lage, selbst herauszufinden, was uns-und damit meine ich jeden Einzelnen genauso wie unsere Umwelt- "gut tut"?
    -> oder einfach "zu bequem", aus der Fülle der uns zur Verfügung stehenden Informationen die "für uns richtigen und wichtigen" herauszufiltern?
    -> und zudem: verlieren wir bei diesen ganzen Zahlenspielen nicht unsere Freude am Leben?

    Ich möchte jedenfalls bei einem gemütlichen Kaffeetrinken niemandem gegenüber sitzen, der sein smartphone hervorholt-und mir stolz mitteilt, dass er seine heutigen "100 Punkte" noch nicht erreicht hat: und wir durchaus noch einen Ausflug in die Umgegend unternehmen könnten-das könnte er mit seinem "Monatskonto" verrechnen..

    Dieses Buch mag eine Anregung sein: aber zugunsten des eigenständigen freien Denkens und Handelns sollte man sich nicht diesem "Punktesammeln" unterwerfen. mehr weniger
  • schrieb am 10.11.2014 um 14:54
    Ein guter Tag hat Sonne im Gesicht und den Wind um die Nase! ;-)
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