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Kolumne: Ökosex

Die Welt ist keine Bank, sie wird auch nicht gerettet

Was die Rio +20-Konferenz vor allem brachte war nachhaltige Ernüchterung. Doch Kolumnist Martin Unfried stimmt nicht in den Post-Rio-Blues ein, sondern zeigt, warum Welt- und Eurorettung so eng miteinander verknüpft sind und wieso man weg vom "Ihr" hin zum "Ich" gehen muss.


Der Spruch klingt erst mal nicht schlecht: „Wenn die Welt eine Bank wäre, hättet ihr sie schon längst gerettet.“ Ja, das gefällt ihnen wahrscheinlich in ihrem Post-Rio-Selbstmitleid. Aber hier kommt keine Regierungsschelte, sondern als Gegengift zum Rio-Blues eine kleine provokative Textanalyse. Was uns nämlich nicht weiterhilft sind Stammtischparolen. Was möchte der unbekannte Demo-Poet sagen? Wohl, dass im Turbo-Kapitalismus die Sicherung des Kapitals der Kapitaleigner wichtiger ist als die Sicherung der Lebensgrundlagen vieler Menschen auf diesem Planeten. Danach sah es in Rio tatsächlich aus, angesichts fehlender politischer Beschlüsse und konkreter Verpflichtungen für Nachhaltigkeitsziele und gleichzeitiger neuer EU-Milliarden für spanische Banken.

Aber gäbe es die Option, einfach die Welt und nicht die Banken zu retten? Leider ist die komplex und alles miteinander verknüpft: Auch der Zusammenbruch von Euro, europäischen Banken und anschließender Wirtschaftskrise wäre für die Ärmsten dieser Welt katastrophal. Was in Europa vielleicht weniger bekannt ist: Gerade die Armen haben global unter Lehman und der letzten Wirtschaftskrise 2008/2009 am meisten gelitten. Millionen hatten in Afrika und Asien ihre Jobs verloren und rutschten in eine Armut, die man sich auch in Griechenland nicht vorstellen kann. Bankenretten „ja oder nein“ ist also eher eine Lose-Lose Situation.

Das gilt übrigens auch für die Abschaffung der gigantischen Subventionen für Kohle und Öl. Auch dies könnte nicht nur die Multis, sondern unmittelbar auch die Armen dieser Welt treffen. So braucht es eben leider keine Einfalt, sondern wirklich schlaue Instrumente, um von der Unnachhaltigkeit wegzukommen. Insofern sind auch solche Sprüche etwas für schlichte Gemüter, die gerne Freund und Feind kennen.

Am selbstgerechtesten ist natürlich das „Ihr“ von „hättet ihr sie längst gerettet“: Es steht für die politisch-wirtschaftlichen Eliten, die angeblich als Knechte des Kapitals agieren. Das ist geradezu schäbig. Es nimmt nämlich feige das „ich“ - also uns, die Guten - vom kapitalistischen Treiben aus.

Doch sind wir nicht alle ein bisschen Bank, Mobiltelefon, Computer, Sportschuh und Erdöl? Noch merkwürdiger: Die Schuldzuweisung auf das „Ihr“ nimmt uns sogar die Verantwortung für die Leute, die sich in Rio getroffen haben. Dabei sind das unsere Leute. Zumindest in demokratischen europäischen Staaten haben wir die gewählt. Das macht den Rio-Blues eher noch schlimmer. Ich habe nicht gelesen, dass Angela Merkels Wahlchancen 2013 gesunken sind, weil sie nicht in Rio bei der Konferenz war.
Und wenn wir schon dabei sind: Noch was stimmt an dem Sponti-Spruch nicht. Das mit der Banken- und der Euro-Rettung klappt ja gar nicht so toll. Deshalb gilt: „Wenn die Welt ein Euro wäre, würde sie vermutlich trotzdem abschmieren.“ Richtig ist auch: „Wenn die Nachhaltigkeit eine Bank wäre, wäre sie von Moody’s nach der vergeigten Konferenz in Rio heftig abgewertet worden". Wahrscheinlich auf Ramschniveau.

Auch richtig ist: „Wenn die Rettung der Welt eine Europameisterschaft wäre, hätte sie 100 Stunden Primetime im Ersten.“ Und Scholl würde kommentieren. Und: „Wenn es nachhaltige Banken auf dieser Welt gäbe, hättet Ihr schon längst gewechselt!“ Ach nein, das stimmt nun nicht. Denn es gibt ja nachhaltige Banken und „Ihr“ habt immer noch euer Geld beim Kapitalisten um die Ecke. Womit wir bei der versteckten Botschaft dieses Textes wären: „Wenn nach der Lektüre dieser Zeilen nur ein Mensch seine Bank wechselt, dann ist die Welt ein besserer Place.“

Thema: Kolumne: Ökosex, Stand: 03.07.2012 von

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alle Kommentare (6)
  • schrieb am 08.07.2012 um 16:06
    Wenn die Welt ein Sofa wäre, das zusammenbricht, so dass wir aufstehen müßten, dann würden wir gerettet!
    Bleibt die Frage, ob die Welt uns Sofahocker überhaupt braucht! ;-)
  • schrieb am 03.07.2012 um 17:04
    Vielen Dank für diesen reflektierten Text. Und für alle die der versteckten Botschaft Nachdruck verleihen wollen, hier der schnelle Weg zum Bankwechsel: http://www.attac.de/aktuell/bankwechsel/worum-geht-es/
  • schrieb am 03.07.2012 um 17:02
    Schöner Hinweis am Ende auf einen wichtige Einflussmöglichkeit, die jeder von uns hat: den Wechsel zu einer ökologischen Bank. Positv stimmt mich in dem Zusammenhang zunächst einmal, dass der 18 Monate alte Ratgeber zum Bankenwechsel seit Wochen zu den meistgelesenen zählt: https://utopia.de/0/ratgeber/gruenes-banken-brevier-alternative-bankinstitute

    Aber ob die Leute jetzt nur lesen, oder ob sie auch wirklich wechseln, das ist die große Frage. mehr weniger
  • schrieb am 03.07.2012 um 12:15
    Der Spruch mit Bank, Erde und retten stammt ja erstmal nicht von Rio, sondern ist schon mehrere Jahre alt, ich habe ihn zum ersten mal auf einem Greenpeace-Shirt gesehen.
    Dann würde ich mal unterstellen, dass diejenigen, die solche Sprüche hochhalten, nicht Angela Merkel gewählt haben - da waren andere. Schlimm finde ich allerdings, dass sie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit garnicht gewählt haben - und es so versäumt haben eine nachhaltiger orientierte Regierung herbeizuwählen.
    Die Sache mit dem "wir" statt "ihr" stimmt natürlich in anderen Punkten trotzdem. Es ist nicht nur die Politik, die etwas tun muss, es sind auch die Menschen. Aber hier hat ja jeder seine Gründe, warum mehr Nachhaltigkeit unmöglich ist. Weil Kontowechsel ja so kompliziert ist, Fahrradfahren so anstrengend und Stromsparen so unmöglich.
    Trotzdem erreicht man mit dem Anspruch ans eigene Tun viel zu wenig Leute. Es gibt sooo viele Menschen, denen diese ganze Nachhaltigkeit am... vorbei geht. Und an dieser Stelle ist eben die Politik gefordert. Dafür haben wir sie doch: Regeln entwerfen, die zu mehr Nachhaltigkeit führen. Ob über Anreize, Steuern oder Verordnungen, hauptsache es passiert was. mehr weniger
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