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Zur Lage der Welt 2010 - Michael Maniates über Choice Editing

Ist nachhaltiges Verhalten steuerbar?

Unser vom Konsum dominierter Lebensstil hat die Erde an den Rand des Abgrunds gebracht. Doch bezahlen tun die Ärmsten der Armen und nächste Generationen. Kann ein “besserer” Konsum die Welt retten? Der "Bericht zur Lage der Welt 2010" beleuchtet Nachhaltigkeit als neuen Lebensstil. Utopia veröffentlicht einen Bericht daraus über Konsumsteuerung.


Von Michael Maniates

Ab Ende 2010 werden Australier, die unbedingt eine Glühbirne in ihr Nachtischlämpchen oder ihre Wohnzimmerlampe schrauben möchten, auf Flohmärkte oder gleich ins Ausland gehen müssen. Aus Sorge über mögliche Engpässe bei der Stromversorgung und den globalen Klimawandel hat Australien beschlossen, als erstes Land auf der Welt die Glühbirne zugunsten von Kompaktleuchtstofflampen und LEDs zu verbannen. Die erwarteten Auswirkungen sind beeindruckend: Vier Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen pro Jahr weniger ab 2012, und dazu noch erhebliche ökonomische Einspareffekte. Australien steht damit nicht alleine. Auch die Europäische Union will bis 2012 die Glühbirne schrittweise abschaffen, und dahinter hocken schon Kanada, Indonesien und selbst die Vereinigten Staaten in den Startlöchern.

Sehr zur Freude von Umweltanalysten wie Lester Brown vom Earth Policy Institute. Würden alle Länder dem Beispiel Australiens folgen, dann, so Brown, "könnten dank des reduzierten Stromverbrauchs über 270 Kohlekraftwerke mit je 500 Megawatt Leistung dicht gemacht werden. Allein die USA würden dank des Birnenwechsels so viel Strom sparen, dass sie 80 Kohlekraftwerke vom Netz nehmen könnten."

Nicht alle sind so begeistert von dem neuen Trend. In Australien und Deutschland (und auch in anderen Ländern) horten die Leute Glühbirnen, und etliche Experten fragen sich, ob die gute alte Glühbirne vielleicht zu schnell vom Markt gezwungen wird. Nicht zu vergessen die alles vertrackte ethische Frage, die im Kern des Ganzen steht: Dürfen dem Konsumenten Produkte aufgrund umweltschädlicher oder anderer gesellschaftlich unerwünschter Eigenschaften vorenthalten werden? Und wenn ja, wer entscheidet, was in den Regalen stehen darf und was nicht? Sollte dem Verbraucher nicht das Recht auf freie Auswahl vorbehalten bleiben? Oder, anders gefragt: Steht uns auf dem Markt eine "Diktatur der Energiesparlampe" bevor?

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Thema: Klima- und Umweltschutz, Stand: 03.03.2010 von

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  • schrieb am 09.03.2010 um 10:59
    > Dürfen dem Konsumenten Produkte aufgrund umweltschädlicher oder anderer gesellschaftlich unerwünschter Eigenschaften vorenthalten werden?

    Natürlich. Freiheit ist nicht die Freiheit jemand umzubringen oder die Welt zu zerstören oder jemand auszubeuten, sondern ein Kompromiss aus verschiedenen Individualinteressen. Die Staaten/Gemeinschaften müssen wieder die Interessen *aller* (aller Bürger und Lebewesen weltweit, heutiger und zukünftiger Generationen) vertreten und für ausgleichende Regelungen sorgen. Ich verstehe die Frage nicht recht: das ist doch sonnenklar? Vielleicht verstehe ich auch nur die Welt nicht, in der sowas überhaupt eine Frage sein kann.

    Für mehr Einsicht der Privilegierten in die Notwendigkeit von Kompromissen könnte man sorgen, indem man sie die Folgen ihres Tuns direkt ausbaden läßt:
    - Wüstengrundstück oder Erosionsgrundstück am Fluß für Klimawandel-Leugner
    - Autobahn direkt am Haus von Autobahnbefürwortern vorbei
    - Flughafen direkt bei Flughafenbefürwortern
    - Nachtflug im Viertelstundentakt für Nachtflugbefürworter
    - Handymast direkt neben die Wohnung von Handynutzern
    - Hartz 4 für Guido
    - Gentechnik und Nanotechnik auf den Teller der Aktionäre von entsprechenden Firmen
    - verdrecktes Wasser ("Wasser ist Ware") in das Glas des Vorstandsvorsitzenden von Nestle,
    - ein kleines Döschen Atommüll ins Nachtkästchen der Atombefürworter und Atomstromnutzer
    - Manager und Aktionäre an die unsicheren und arbeitstechnisch gefährlichen Arbeitsplätze
    - Dumpinglöhne für Ablehner von Mindestlöhnen
    - reiche Luxuskonsumenten zum Plastiksammeln auf die Müllberge von Kalkutta
    ...
    Wie schnell die Welt doch besser werden würde. Leider gibt es niemand, der die Übernahme der Verantwortung für das eigene Handeln ausreichend durchsetzt. Jedenfalls noch nicht. mehr weniger
  • schrieb am 05.03.2010 um 11:11
    Ein paar nette Gedanken in dem Artikel. Die japanische Top-Runner Exzellenz-Initiative kannte ich auch noch nicht.

    Was mir fehlt, sind die marktregulierenden Maßnahmen des Staates auf der Ebene der primären Ressourcen, denn um die geht es ja doch in erster Linie.

    Die Mehrzahl der Konsumenten richtet sich bei Kaufentscheidungen nach wie vor nach dem Preis.
    Ich denke, dass man z.B. den Preis von Energie an die wahren Kosten (inkl. aller externer Kosten) anpassen müsste. Wird Energie teurer, dann lohnen sich energieeffiziente Konzepte mehr und setzten sich durch. Das gleiche gilt für alle anderen Ressourcen.

    Das Problem mit Marktregulierung ist, dass sie die nationalstaatliche Wettbewerbsfähigkeit einschränkt und daher in einer Welt souveräner Nationalstaaten langfristig nicht durchsetzbar ist.

    Es ist an der Zeit nationalstaatliche Souveränität (ein veraltetes Konzept) zu subtitutieren mit dem Prinzip der Subsidiarität.

    Es ist paradox, wie in der heutigen Welt Politik gemacht wird.

    Ein nettes Projekt, um auf diese Missstände aufmerksam zu machen läuft übrigens grade in England und wird dort hart von den Nationalisten attackiert: http://GIveYourVote.org mehr weniger
  • schrieb am 05.03.2010 um 01:08
    Insgesamt lesenswert aber auf Seite 2 stört mich der in solchen Debatten übliche Subjektivismus:

    Die Vorstellung, dass der Staat (bzw. die Staaten) mit Vorschriften "über viele Jahrzehnte ein ganz bestimmtes, eng begrenztes Konzept von Fortschritt propagiert und gefördert hat – eines, das im Massenkonsum die Grundlage für menschliches Glück, Gleichheit und selbst Demokratie sieht" lebt von der Illusion, dass Staaten freie Subjekte sind, die nach Lust und Laune mal diese mal jene ideologische Mode "propagieren und fördern" können. Dem ist aber nicht so. Auch Staaten sind Zwängen unterworfen, die mit der realen wirtschaftlichen und die wiederum mit bestimmten technologischen Entwicklungen zu tun haben. Ist das Fließband erst einmal erfunden, setzten sich nicht nur die durch, die es am schnellsten und besten anzuwenden wissen sondern auch deren Gedanken, dass nämlich Autos keine Autos kaufen. Alles andere ist auch eine Frage gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse, die sich in staatliches Handeln nieder schlagen.

    Der Massenkonsum hat in der Tat auch mehr Freiheit, Demokratie und Gleichheit ermöglicht, versklavt aber gleichzeitig. Jede kapitalistisch erworbene Freiheit und auch Menschlichkeit wird gleichzeitig wieder weggemüllt. Immerhin versetzt uns die Massenproduktion von Computer und Telekommunikation in die Lage, Erkenntnisse über die Kehrseiten des Zwangs zur stetigen steigendem Stoffumsatz zu gewinnen und öffentlich zu debattieren.

    Es hilft uns aber kein besseres Denken, sondern, dass Abhängigkeiten und Zwänge, die am ökologisch-mitmenschlichen Denken und Handeln hindern, aufgespürt und beseitigt werden.

    Gruß vom Topisten mehr weniger
  • schrieb am 05.03.2010 um 00:35
    Sehr wichtig finde ich nicht zuletzt den Hinweis uaf Seite 6, dass auch der Konsum insgesamt zu reduzieren sei - vielleicht wäre genauer zu sagen, der Verbrauch an Ressourcen und die Produktion von Müll.
  • schrieb am 05.03.2010 um 00:33
    Gut finde ich auch den Hinweis auf kritische Theorie zum "Mythos des souveränen Konsumenten", denn allein die suggestiven Methoden der Werbung, die Millionen von Pysychologinnen/en und andere Leute weltweit beschäftigt, damit sie die unbewusste Steuerung möglichst perfekt machen, sind hier eine Evidenz, wie falsch dieser Mythos ist mehr weniger
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