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Pro und Kontra

Tempolimit für die Bahn!

Autos sind böse Klimakiller, Züge und öffentliche Verkehrsmittel indes ökologisch sinnvoll. Ist doch klar, oder? Die Zahlen des Umweltbundesamtes sprechen jedoch eine andere Sprache. Utopia zeigt die Statistik und fordert Bahnchef Rüdiger Grube zum Handeln auf.


Von Christoph M. Schwarzer

Wenn ein ICE der neuesten Generation mit weit über 200 Stundenkilometern von Berlin nach Hamburg rast, ist er jedem anderen Verkehrsmittel überlegen: Unschlagbare eineinhalb Stunden Fahrzeit, die entspannende Zugatmosphäre und das gute Umweltgewissen sprechen für sich. Bei näherem Hinsehen wird Letzteres aber deutlich getrübt. Das Umweltbundesamt (UBA) hat in seiner Erhebung von 2005 – neue Werte werden erst im kommenden Jahr veröffentlicht – festgestellt, dass pro Bahnkilometer im Fernverkehr 52 Gramm Kohlendioxid frei werden.

Dabei wurde die tatsächliche Auslastung von 44 Prozent zu Grunde gelegt. Dazu emittiert der Kraftwerkspark der Bahn Stickoxide, Rußpartikel und Kohlenmonoxid. Und natürlich das, was das Umweltbundesamt vergessen hat, nämlich den radioaktiven Müll aus dem Atomstrom, der 2008 mehr als 25 Prozent des Bahnbedarfs gedeckt hat.


Fahren ohne Atommüll

Gleichzeitig sinken die Emissionen der konkurrierenden Verkehrsträger, besonders die beim Auto. Die alten Werte des UBA weisen 144 Gramm pro Kilometer bei mittlerer Auslastung von 1,5 Personen aus, was einem Pkw mit exorbitant hohen 216 Gramm CO2 pro Kilometer entspricht. Also einem mittleren Geländewagen oder einem Oberklassefahrzeug. Wer dagegen mit einem modernen Auto und gesittetem Gasfuß von der Hauptstadt in die Hansestadt an der Elbe fährt und das auch noch zu zweit, kann die Werte der Bahn erreichen, ohne Atommüll zu produzieren. Und weil die CO2-Emissionen beim Pkw durch Weiterentwicklung quasi täglich sinken und das bei der Bahn derzeit nicht zu passieren scheint, wird sie bald keinen Deut besser dastehen als das verrufene Auto. Doch das kann nicht die Lösung sein.

Greenwashing beim Ökoticket der Bahn


Deshalb besteht dringender Handlungsbedarf. Der wurde bei der Bahn erkannt und mit einem Ökoticket („Eco Program“) scheinbar gedeckt. Allerdings mit einer doppelten Mogelpackung, böse Zungen würden nun behaupten, sie ist wahrscheinlich in irgendeiner Marketingabteilung geboren worden: Denn erstens kann der grüne Stromtarif nicht von Privat-, sondern nur von Geschäftskunden gebucht werden. Zweitens ist das angebotene Ticket nichts anderes als ein Verschiebebahnhof. Wie das Team des Lügendetektors vom Greenpeace Magazin herausfand, wird zwar Wasserstrom von Eon eingekauft. Der wird aber nicht zusätzlich produziert; in der Bilanz verbessert sich also der Strommix der Bahn, im gesamten deutschen Strommix tut sich trotzdem gar nichts. Bisher hält sich der teilweise staatseigene Zugbetrieb zurück mit dem Aufbau einer eigenen Ökostromproduktion, welche die einzige schlüssige Antwort auf das Problem wäre.

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Thema: Auto & Elektromobilität, Stand: 09.12.2009 von

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  • schrieb am 02.01.2011 um 19:57
    Copy & Paste: "Der Anteil an erneuerbaren Energien am Bahnstrommix soll sukzessive weiter steigen - bis auf 30 Prozent im Jahr 2020. 2009 betrug dieser Anteil bereits 18,5 Prozent. Die Vision ist ein komplett CO2-freier Schienenverkehr im Jahr 2050."

    http://www.deutschebahn.com/site/bahn/de/nachhaltigkeit/umwelt/klimaschutz/erneuerbare__energien/maerkisch__linden.html (Letzte Aktualisierung: 14.12.2010) mehr weniger
  • schrieb am 12.01.2010 um 13:58
    Bahn will mit mehr Ökostrom fahren

    Die Deutsche Bahn will mehr Ökostrom einsetzen. Der Anteil erneuerbarer Energien am Bahnstrom-Mix solle bis 2020 von nun 16 Prozent auf 30 Prozent erhöht werden. Umweltschützer zweifeln an diesen Absichten.

    ...Die Umweltorganisation Greenpeace nannte das Projekt unglaubwürdig. „Während symbolische Projekte als Meilensteine beim Klimaschutz gefeiert werden, lässt die Bahn in Datteln ein klimaschädliches Kohlekraftwerk errichten“, kritisierte Greenpeace- Energieexperte Andree Böhling.


    ...kompletter Text und Quelle: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-dienstleister/umweltschutz-bahn-will-mit-mehr-oekostrom-fahren;2510904 mehr weniger
  • schrieb am 18.12.2009 um 13:45
    Eine ergänzende Anmerkung zu unseren CO2-freien Angeboten: In dem Artikel ist da von einer "Mogelpackung" die Rede. Das stimmt nicht:

    Im Rahmen der Umwelt-Plus Angebote -- die derzeit nur Geschäfts- und Güterkunden buchen können -- speisen wir für jede Fahrt den anteiligen Stromverbrauch aus erneuerbaren Quellen in Deutschland ein. Im Klartext: Das ist Bahnfahren mit Ökostrom. Verbunden ist dies mit einem geringen Mehrpreis für die Fahrt.

    Der Umweltnutzen ist gleich ein Doppelter:

    1. Wir sind davon überzeugt, dass wir durch die zusätzlich generierte Nachfrage nach regenerativ erzeugtem Strom mittelfristig zusätzliche Investitionen jenseits des EEG in erneuerbare Energien auslösen.
    2. Zehn Prozent der Mehreinnahmen aus dem Angebot nutzen wir, um damit neue Anlagen zur Erzeugung von Ökostrom zu errichten. Bei der Höhe dieses "Neuanlagenbonus" haben wir uns an anderen Ökostromanbietern orientiert.

    In dem vom Autor zitierten Lügendetektor ist übrigens noch ein PS angefügt worden, das könnt Ihr Euch unter http://www.klima-luegendetektor.de/ (man muss leider etwas runterscrollen) anschauen.

    Natürlich arbeiten wir auch über diese Angebote hinaus an der ökologischen Weiterentwicklung unseres Bahnstrommixes.

    Constantin Vogt, Deutsche Bahn AG, DB Umweltzentrum mehr weniger
  • schrieb am 17.12.2009 um 19:47
    Ich bin doch sehr überrascht über die schlechte Recherche und den sehr einseitig dargestellten Artikel. Man könnte meinen, ein PR-Berater der Automobilindustrie hätte ihn geschrieben.
    Die Rechnung, dass eine Fahrt in einem Kleinwagen ja weniger CO2 produziere als mit der Bahn zu fahren, ist eine Milchmädchenrechnung. Denn die Bahn verbraucht ja nicht mehr Energie (jedenfalls ist der Mehrverbrauch durch die Gewichtszunahme vernachlässigbar) wenn mehr Personen die Bahn benutzen. Das heißt, es wird kein zusätzliches CO2 produziert, denn die Züge fahren sowieso. Oder sollte das Fazit sein, dass man die Verbindungen ausdünnt, damit weniger Züge fahren oder die Bahn ganz abschafft und durch Kleinwagen ersetzt?

    Auch die Darstellung des greenwashings ist recht einseitig, so gesehen, betreibt jeder Ökostromkunde greenwashing, denn er nimmt auch nur den produzierten Ökostrom ab, und auch dies ist physikalisch nicht einmal richtig.

    Wir haben uns als BUND mit dem co2freien Bahnfahren intensiv auseinandergesetzt. 10% der Einnahmen in einen Fond zum Bau neuer regenerativer Anlagen eingezahlt.
    Ich würde mir doch wünschen, dass Sie zukünftig besser recherchieren und nicht so einseitige Darstellung verbreiten.

    Bernd Meier-Lammering
    stellv. Vorsitzender BUND NRW mehr weniger
  • schrieb am 17.12.2009 um 12:00
    wichtiger als höchstgeschwindigkeiten sind vernünftige (getaktete) anschlüsse. was bringen mir 300 km/h von köln nach frankfurt, wenn ich dann 45 min auf den nächsten regionalzug warten muss!
    als bahnfahrer geht immer wieder ein neidischer blick in die schweiz, wo nach einem integralen taktfahrplan eben so schnell gefahren wird, dass der umstieg am nächsten knoten passt. und so häufig, dass das system einfach als "verfügbar" angesehen wird. und so einfache preise, wie man hier nur davon träumen kann! DAS gibt die bessere auslastung, ein verständliches tarifsystem, mit bonus für vielfahrer (halbtaxabo), der nicht durch irgendwelche supersonderspardinger wieder ad absurdum geführt wird wie bei unserer bahncard.
    ich bin zwar auch gegen denkverbote aller art, aber... dieser artikel dient wohl eher dazu, das autofahrergewissen beruhigen - nach dem motto: "siehste, die bahn ist auch schlecht!" mehr weniger
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