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H&M beantwortet offene Fragen aus dem Live-Chat Teil 1

Am 13. Juni 2012 besuchte uns Helena Helmersson, internationale Verantwortliche für Nachhaltigkeit zum H&M-Chat und stellte sich live den Fragen der Utopisten. Leider schaffte sie es nicht, direkt auf alle Kommentare einzugehen und Antworten zu geben.


Für eine Beantwortung stand jedoch gerne Hendrik Heuermann, Referent für CSR und Nachhaltigkeit bei H&M, bereit, so dass Sie Fragen, die nicht live beantwortet werden konnten, nun hier nachlesen können. Teilweise haben wir zur Übersichtlichkeit Fragen zusammengefasst. Sollte uns dabei trotz größter Sorgfalt eine verloren gegangen sein, stellen Sie Ihre Frage als Kommentar unter dem Artikel gerne noch einmal. Teil 1 behandelt die Themengebiete „Produktionsbedingungen“ und „Baumwolle“.

Produktionsbedingungen

Dumink: Wie stellt H&M sicher, dass für die Herstellung der von H&M vertriebenen Produkte keine Menschen ausgebeutet werden, vor allem besonders zu schützende Gesellschaftsmitglieder wie Kinder? 

H&M: Danke für das wichtige Thema! Dafür tut H&M eine Menge: Wir haben das absolute Verbot von Kinderarbeit in unseren Verhaltenskodex aufgenommen, an den sich alle Lieferanten halten müssen. Kinderarbeit wird unter keinen Umständen akzeptiert! Kinder zu schützen kann aber mehr bedeuten, als Kontrollen in den Fabriken durchzuführen. Mit „All For Children“ unterstützt H&M gemeinsam mit UNICEF Bildungsprojekte um eine echte Alternative zur Arbeit in den Fabriken oder auf den Feldern entwickeln.

Markus P.: Was machen Sie, wenn Sie Kinderarbeit entdecken? (Nachtrag zum Chat)

H&M: Also als erstes müssen wir prüfen, was für alle Beteiligten das Beste ist. Auch wenn das vielleicht erst einmal seltsam klingt: Oft braucht es eine echte Alternative für die Kinder, wenn diese zum Beispiel das einzige Einkommen für die Familie bringen und das Unrechtsbewusstsein bei den Eltern nicht vorhanden ist. Glücklicherweise finden wir mittlerweile nur noch sehr selten Kinderarbeit in den Fabriken unserer Lieferanten. Aber natürlich ist jeder noch so seltene Fall einer zu viel. Mit „All For Children“ verfolgen wir da wie gesagt Lösungsansätze über Bildung.

tortu9a: Stimmt. Es gibt mit Sicherheit auch schlechte Arbeitsbedingungen bei teuren Produkten... Würden Sie sagen, alle Arbeiter, die H&M-Kleidung herstellen, werden fair/genügend entlohnt?

H&M: Das ist auf jeden Fall unser erklärtes Ziel. Wenn wir bei einem Lieferanten Zweifel haben, gehen wir dem sofort nach.

sahri: Wie viel bekommt denn eine Näherin pro Stunde durchschnittlich bei Ihnen?

H&M: Die Näherinnen bekommen den Lohn nicht direkt von H&M, sondern von den Lieferanten, die wir beauftragen. Der Lohn ist je nach Land sehr unterschiedlich. Als Untergrenze nehmen wir immer den jeweiligen Mindestlohn des Landes, weil das der einzige Standard ist, den wir effektiv überprüfen können. Alternative Ansätze haben wir getestet, sind aber stets vom Mindestlohn als Standard überzeugt worden.

chris: Auf welchen Zeitraum bezogen? Und wie hoch sind dort die Lebenshaltungskosten?

H&M: Der Mindestlohn bezieht sich in der Regel auf ein Monatsgehalt. Die Lebenshaltungskosten sind von Land zu Land sehr verschieden. Zu diesem Thema braucht man oft auch die Hilfe von Experten, weil es sehr verschiedene Ansätze und Meinungen gibt. In Bangladesch verfolgen wir dieses immens wichtige Thema im „Fair Wage Network“. Dort soll es genau darum gehen zu prüfen mit welchen Faktoren (z.B. Inflation, Gewinn des Lieferanten etc.) der Mindestlohn verknüpft werden kann um eine faire Bezahlung darzustellen.

Dumink: Wieviel zahlen die von H&M genutzten Fabriken in Bangladesh also ihren Arbeiterinnen mindestens? Und wie wird das von H&M kontrolliert?

H&M: Der Mindestlohn beträgt in Bangladesch momentan umgerechnet ca. 30 Euro. Das müssen die Lieferanten also mindestens an die Angestellten bezahlen. Das überprüfen wir in unseren zahlreichen Audits. 2012 waren es über 2.000.

ökofreak: 30 Euro im Monat? Ist das im Vergleich zu dortigen Bedingungen viel oder wenig?

H&M: Das ist im internationalen Vergleich sicher eher niedrig, im Verhältnis zum dortigen Leben aber ein erster Schritt. Wir sind stolz darauf, dass H&M 2010 bereits entscheidend dazu beigetragen hat, dass überhaupt ein Mindestlohn in Bangladesch existiert und steigt. Wir bemühen uns weiterhin („Fair Wage Network“) um eine regelmäßige Überprüfung und Anhebung.

fairskate: Es gibt Initiativen, die sich um Einführung eines existenzsichernden Lohns bemühen, wie die Fair Wear Foundation. Also ein Lohn, der wirklich zum Leben reicht und bei dem eine Mutter auch ihre Kinder mitversorgen sowie etwas zurücklegen kann. Warum beteiligt sich H&M nicht daran?

H&M: Dass der Mindestlohn, etwa in Bangladesch, um bestimmte Faktoren erweitert werden muss (z.B. Inflation), steht außer Frage, da haben Sie absolut recht. Das Thema ist aber äußerst komplex und einfache Antworten sind dort wohl leider nicht leicht zu geben. Darum muss man sich mit Experten, Regierungsvertretern und NGO zusammentun, was wir im „Fair Wages Network“ auch tun.

Katharina: Wie genau versuchen Sie, den Mindestlohn zu steigern? Zahlt H&M mehr als nur den Mindestlohn in Ländern wie Bangladesh?

H&M: Dies geschieht vor allem im Dialog mit der Regierung. Hier gab es mehrere direkte Gespräche, auch mit anderen Marken zusammen.

sdrd: Aber wie genau setzen Sie sich dafür ein, dass der Mindestlohn steigt? Beispiele?

H&M: 2010 war ein direkter Austausch mit der Regierung der erste Schritt. Gemeinsam mit anderen Marken kann man viel erreichen, denn die Textilindustrie ist von sehr großer Bedeutung für Bangladesch.

chris: Wieso wo würde das Geld denn hinwandern, bei einer Erhöhung der Preise?

H&M: Unsere Frage war: Kommt das Geld in der Tasche der Näherin an, wenn wir temporär die Preise für ein bestimmtes Produkt anheben und leider war die Erkenntnis: Nein. Denn H&M ist so gut wie nie der einzige Kunde bei einem Lieferanten. Das bedeutet, dass eine Näherin die bspw. 4 Stunden für uns arbeitet, mehr bekommen müsste als ihre Kollegin nebenan, die den gleichen Arbeitsschritt für eine andere Marke macht. – Das hat nicht für mehr Fairness innerhalb der Fabrik geführt.

Brandungskieker: Und deshalb hebt H&M die Hände und sagt "Tut uns leid, wir können nichts ändern"?

H&M: Im Gegenteil! Ich hoffe, das wurde auch durch unsere vorherigen Antworten deutlich. Wir sind uns unseres Einflusses und unserer Größe voll bewusst und nutzen diese auch, siehe unsere Erfolge beim Mindestlohn und unser Engagement im Fair Wages Network. Wir sagen nur: Eine langfristige Verbesserung der Arbeitsbedingungen vor Ort ist schwieriger, als den Preis für ein bestimmtes Produkt etwas anzuheben. Wir suchen nach nachhaltigen Lösungen für die ganze Branche.

raphael: Können Sie nicht eigene Nähereien aufbauen, wo Sie die Entlohnung der Näherinnen in der Hand haben?

H&M: Das ist zwar ein interessanter Ansatz und ich kann gut verstehen dass der Gedanke entsteht, es entspricht aber nicht unserem Geschäftsmodell und ist auch nicht unsere Expertise. Bei anderen Firmen hat man aber in jüngster Vergangenheit sehen können, dass auch der Versuch, eigene Fabriken aufzubauen, große Probleme mit sich bringen kann.

tortu9a: Wieso ist es so schwierig den Lohn der Arbeiter anzuheben?

H&M: Das will ich gerne erläutern. Erstens widerspricht ein hoher Mindestlohn natürlich dem Kampf um Wettbewerbsvorteile des Landes Bangladesch im Vergleich mit anderen Ländern. Zweitens versuchen natürlich auch die einzelnen Lieferanten im Wettbewerb mit ihren Konkurrenten günstige Produktion anzubieten.

dieter: Wie fühlt es sich denn an, durch die Entscheidung, in z. B. Bangladesch produzieren zu lassen, weil es dort eben sehr billige Arbeitskräfte gibt, damit gleichzeitig auch Kinderarbeit in Kauf zu nehmen. Nur wegen eines günstigen Preises so zu produzieren ist doch schon fragwürdig.

H&M: Oh, da muss ich vehement widersprechen. Wir tolerieren keine Kinderarbeit unter keinen Umständen! Wir können vermelden, dass in unseren Kontrollen zum Glück nur noch selten Fälle von Kinderarbeit auftauchen. Aber ganz klar: Jeder einzelne ist einer zu viel! Ich hoffe, wir konnten im Live-Chat und durch die Beantwortung der Fragen hier verdeutlichen, wie stark wir uns engagieren. Ansonsten empfehle ich unsere Webseite hm.com/sustainability sehr.

Katharina: Bis wann genau möchten Sie die fairen Löhne erreicht haben? Auch 2020?

H&M: Die Arbeit, die man in den Bereich der fairen Löhne investieren muss, ist wohl nicht mit einem Datum zu versehen. Ständig muss man ihn an lokale Gesetze und aktuelle Entwicklungen anpassen. Also wir wollen faire Löhne vor 2020 und danach anbieten. Mit dieser Aufgabe ist man wohl nie „fertig“.

mpfluege: Frau Helmersson, im H&M Markencheck (ARD) war zu sehen, dass die Näherinnen wie in der Branche üblich einen Hungerlohn bekommen. In der VWL lernt man, dass ein höherer Lohn die Produktivität steigert, besonders bei niedrigen Einkommen. Warum bezahlt H&M keinen anständigen Lohn?

H&M: Ich hoffe, wir konnten in den vorhergehenden Antworten erklären, wie viel H&M für faire Löhne macht, auch wenn H&M selbst keine Löhne zahlt. Seit vielen Jahren schon schult H&M aber auch seine Lieferanten in den Vorteilen, die bessere Produktionsbedingungen haben. Gute Einhaltung unseres Verhaltenskodex belohnen wir regelmäßig mit größeren Aufträgen.

beatefairtrade: Warum kann H&M nicht sofort gerechte Löhne zahlen, von denen die Näherinnen ein menschenwürdiges Leben für sich und ihre Familien bestreiten können? H&M verspricht die Situation in Zukunft zu verbessern, nur um kritische Kunden bereits jetzt zu beruhigen. Ärgerlich & unglaubhaft!

H&M: Das ist sehr schade, dass Sie uns nicht glauben und ich hoffe sehr, sie eines Tages umstimmen zu können. H&M engagiert sich seit sehr vielen Jahren für die Näherinnen der Lieferanten auf der ganzen Welt. Dieses Engagement ist also mit Nichten zurückzuführen auf spontane Kritik. Da H&M selbst keine Löhne zahlt, müssen wir unseren Einfluss auf die Lieferanten geltend machen. Dies tun wir seit vielen Jahren und mit so einem großen personellen Einsatz wie kaum eine andere Textilfirma der Welt.

Lisl-Baila: Der eingeführte Mindestlohn, welchen Sie den Textilarbeitern in Bangladesh bezahlen, liegt nur bei knapp 30 Euro. Das reicht aber kaum zum Wohnen und Essen. Nennen Sie das eine faire Bezahlung?

H&M: Uns ist 100 prozentig bewusst, dass der Mindestlohn weiter angepasst werden muss. Das Thema ist ganz oben auf der Agenda für H&M. Aber wie gesagt, das Thema ist sehr komplex und braucht die Hilfe von Experten. Darum setzen wir auf das „Fair Wage Network“.

Luisa: Ich habe gehört, dass die Näherinnen z. B. in China einen wesentlich höheren Lebensstandard hätten, wenn jedes Kleidungsstück nur wenige Cent teurer wäre. Wenn dem so ist, warum kann das nicht umgesetzt werden?

H&M: Ich fürchte, ganz so einfach ist es nicht, auch wenn ich es mir wünschen würde! Der Endpreis hängt nicht mit dem Lohn der Arbeiter zusammen. In allen Ländern, in denen große Teile der H&M-Produktion stattfinden, ist H&M an dem Dialog mit lokalen Regierungen und Meinungsmachern im direkten Austausch um die Lebensbedingungen in der gesamten Industrie zu verbessern.

Brandungskieker: Können Sie zusichern, dass 100% der Beschäftigten in ihren Produktionsbetrieben durch ihre Arbeit nicht schlechter gestellt werden in Bezug auf Gesundheit, Entlohnung und Arbeitssicherheit?

H&M: Die Frage verstehe ich nicht ganz. Im Vergleich wozu? Wenn Sie es vielleicht etwas anders formulieren, antworte ich sehr gern darauf.

Apple: Warum produzieren Sie immer noch Ihre Ware in sweatshops?

H&M: Ich hoffe doch inständig, dass ich klarmachen konnte, dass wir keine Fabriken vorfinden möchten, in denen derart schlechte Arbeitsbedingungen vorzufinden sind.

Katharina: Aber wie können durch niedrige Preise faire Produktionsbedingungen garantiert werden?

H&M: Wir sind stolz, dass wir uns trotz niedriger Endpreise so stark für gute Produktionsbedingungen einsetzen können. Es kommt nämlich mehr darauf an, welchen Einfluss eine Marke wie H&M auf die unabhängigen Lieferanten ausüben kann, als die Höhe des Endpreises. Wir wollen unsere Größe und unseren Einfluss dahingehend nutzen, bei den Lieferanten nachhaltig für Verbesserungen sorgen zu können. Niedrige Preise und faire Produktion schließen sich nicht aus!

 

Thema: Grüne Mode, Stand: 05.07.2012 von
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