Deutschlands Website Nr. 1 für nachhaltigen Konsum
Klimakompensation

Zahl dich grün – Was bringt der CO2-Ausgleich?

Es klingt beinahe zu einfach: Per CO2-Ausgleich kompensiert man Flüge, Autofahrten und den täglichen Konsum. Davon werden Klimaprojekte, erneuerbare Energien und Entwicklungshilfen gefördert. Aber so simpel ist es nicht: Utopia erklärt den Klima-Ausgleich und zeigt, worauf es dabei ankommt.


Man stelle sich vor: Wochenendtrips nach Kapstadt, Vollgas auf der Autobahn, saftige Steaks aus Argentinien – und das alles ohne schlechtes Gewissen gegenüber dem Klima. Mit dem nötigen Kleingeld könnte man sich nicht nur einen Platz auf der Überholspur sichern, sondern diesen obendrein ökologisch reinwaschen. Tut man dem CO2-Ausgleich mit solch dekadenten Zerrbildern Unrecht? Die Idee ist im Grunde genial: Wer selbst Klimagase ausstößt, kann dafür bezahlen, dass diese anderswo eingespart werden. Der Anbieter Atmosfair bringt beispielsweise effiziente Brennholzkocher nach Afrika oder baut Biogasanlagen in Indien. Wenn man also einmal einen Flug nicht vermeiden kann, bekommen dafür indische Haushalte grüneren Strom. Damit gleicht sich der eigene CO2-Ausstoß theoretisch wieder aus.

 „Jeder kann fast alles verkaufen“ – Probleme beim CO2-Ausgleich

Der Teufel steckt im Detail: Denn wie beziffert man einen Klimaschaden genau? Die Berechnung des ökologischen Fußabdrucks bringt höchst unterschiedliche Resultate zutage. Für einen Flug etwa veranschlagt Lufthansa auf der eigenen Webseite nur die Hälfte der Ausgleichsgebühr, die Atmosfair dafür ansetzt. Des Rätsels Lösung: Die Fluggesellschaft berechnet lediglich den Ausstoß an CO2 und weigert sich, Emissionen anderer Klimagase einzubeziehen. Beim eigentlichen Ausgleich werden die Probleme noch vielfältiger. Beispielsweise wird die Effektivität des beliebten Bäumepflanzens von der Wissenschaft massiv angezweifelt. Denn Aufforstung klingt toll, aber zeigt erst nach Jahren Wirkung und erfüllt selten die veranschlagte Kompensationsleistung. Andere Projekte machen lokalen Initiativen Konkurrenz oder sind gänzlich wirkungslos. Als etwa ein Anbieter in Südafrika Energiesparlampen verteilen wollte, überrollte er damit eine örtliche Organisation mit dem gleichen Vorhaben. Im Prinzip kann fast jeder Anbieter fast alles anbieten und behaupten, damit das CO2 auszugleichen; Greenpeace Schweiz schreibt unter Berufung auf die NGO Carbon Market Watch, dass in einigen Projekten sogar mehr CO2 produziert wird, um Zertifikate zu erhalten. Das öffnet Betrügern Tür und Tor und schadet denjenigen, die es wirklich gut meinen. Seriöse Anbieter lassen ihre Projekte deswegen nach dem Clean Development Mechanism (CDM) Gold Standard (pdf) zertifizieren. 

„Ihre persönlichen 100 Prozent“ – Worauf es beim CO2-Ausgleich ankommt

So einfach, wie es klingt, ist das Ausgleichen also nicht. Vor dem Klima-Kompensieren gilt es, Anbieter genau zu überprüfen. Neben dem CDM Gold Standard gehört maximale Transparenz zu den Grundbedingungen. Die Berechnung des eigenen CO2-Ausstoßes muss absolut nachvollziehbar sein, Projekte müssen unabhängig dokumentiert und überprüft werden, die Organisation selbst muss Geschäftsdaten in Jahresberichten zugänglich machen und weitere Informationen zur Verfügung stellen. Aber: Der CO2-Ausgleich bleibt ein Ausgleich und ist keine Einladung zu verschwenderischem Verhalten. Auch mit einem transparenten, ehrlichen Anbieter wie Atmosfair bleibt die Kompensation lediglich eine Wiedergutmachung bereits entstandener Schäden. Wirklicher Klimaschutz hingegen setzt bereits vor der Entstehung der Treibhausgase an. Einfach mal am Boden bleiben, eine Mitfahrgelegenheit finden und sich den Fleischkonsum verkneifen. Dann erledigt sich das moralische Dilemma von selbst. Ganz schön viel Aufwand, dennoch: CO2-Ausgleich sollte man machen, denn Schäden wieder gut zu machen ist besser als untätig zu bleiben - solange der Ausstoß nicht vermieden werden kann und man deswegen nicht mehr fliegt, fährt oder frisst.

Der Löwenanteil der jährlichen Klima-Ausgleichsleistungen wird übrigens nicht von Privatleuten, sondern von Unternehmen bestritten. Als „Was kann ich allein schon ausrichten“-Argument für Gleichgültigkeit kann das jedoch nicht gelten. In einem Interview mit der taz bringt es Atmosfair-Geschäftsführer Dietrich Brockhagen am Beispiel China auf den Punkt: „Alles was ich tue ist Peanuts, wenn ich mich mit China vergleiche. Ihre Entscheidung ist aber eben nicht globalisiert, sondern Sie treffen sie individuell. Bezogen auf China sind das dann 0,0 Prozent, aber bezogen auf das, was Sie auf der Welt ändern können sind es 100 Prozent.“

Thema: Klima- und Umweltschutz, Stand: 08.01.2014 von

Kommentare (145)   Kommentare abonnieren

alle Kommentare (145)
  • schrieb am 10.03.2014 um 17:54
    @ prentsch 10.03.14

    Nein! Erstrangig kommt es wegen der schon weit überhöhten CO2-Konzentration in der Atmosphäre darauf an, diese Konzentration nicht mehr - zumindest netto betrachtet - zu erhöhen. Deshalb sollte jeder in seinem eigenen Verantwortungsbereich so viel wie möglich an CO2-Emissionen vermeiden und alle (noch) nicht vermeidbaren und alle nicht vermiedenen CO2-Emissionen kompensieren. Wer auf diesen wichtigen Ergänzungsschritt verzichtet, trägt in der Regel wohl doch noch mit mindestens 50 % seiner früheren Emissionsrate zur Konzentrationssteigerung bei.

    Derjenige, der nicht 100 % Vermeidung hinbekommt und gleichzeitig gegen Kompensation redet, der mogelt! mehr weniger
  • schrieb am 10.03.2014 um 14:47
    CO2-Ausgleich ist doch eine Mogelpackung. Das einzige was zählt, ist CO2 zu vermeiden. Gerade liest man wieder, dass der absolute Verbrauch in Deutschland gestiegen ist. Aber die Unternehmen stehen trotzdem sauber da - Dank Ablasshandel mit Zertifikaten. Das ist nämlich billiger als CO2 zu vermeiden. mehr weniger
  • schrieb am 03.02.2014 um 17:26
    Mein tagtägliches Handeln (privat wie beruflich) geht so schonend wie möglich mit den Ressourcen um, ohne gleichzeitig wie ein Eremit zu leben. Durch Verzicht, überlegtes Handeln und Ausnutzung technischer Möglichkeiten ist mein CO2-Fußabdruck sehr gering.

    Weitere Maßnahmen, wie eigenes Bäume pflanzen, Investitionen in bestimmten ökologischen Bereichen, u.s.w. mache ich ohne diese aufrechnen zu wollen.

    Kommt es dann doch zu einem für mich ungewöhnlichen Energieverbrauch (z.B. Flugticket für die Schwiegermutter zu meiner Insel), dann wird dieses mit Atmosfair finanziell ergänzt, in der Hoffnung, über einen langen Zeitraum bilanz-technisch diesen Vorfall auszugleichen. Ich persönlich hatte vor knapp 30 Jahren den Letzten meiner 5 (!) Flüge.

    Den Einwand, dass eine Ausgleichs-Zahlung überhaupt nichts bringe, setze ich auf die gleiche niedrige Stufe, wie die Behauptung "der Flieger geht ja sowieso"... mehr weniger
  • schrieb am 18.01.2014 um 08:55
    Ich hätte gerne noch eine Möglichkeit zum CO2-Ausgleich ergänzt: Ich habe für die Emissionen, die ich mit meinem VW-Bus produziere MoorFutures gekauft. Das sind Anteile an der Wiedervernässung eines Moores in Mecklenburg Vorpommern (nicht wiederverkäuflich).
  • schrieb am 16.01.2014 um 21:27
    @harry
    ".. und besten Dank für die Disziplinarmaßnahme ... Mag ja sein dass Harry nervig ist, nur weil er nicht mit dem Mainstream geht, und weil es ihm einfach nicht nur nach dem Einen oder Anderen Modell geht, sondern um ganzheitliche Zusammenhänge. "

    Lass mal, Du bist schon ein Guter. Du hast so ein paar Positionen und auch Quellen gebracht, die zum Recherchieren und Auseinandersetzen lohnen. Auch manche kleine giftige Nebenbemerkung, offen und zwischen den Zeilen, hat uns wohl alle aufhorchen / grinsen lassen, aber vor allen Dingen vom Mainstream abgehalten. Salz in der Suppe. Sonst wäre die Diskussion nicht so zahlreich. Aber auch zum Nachschlagen halte ich den Thread / Blog für wertvoll. Weil so viele unterschiedliche Beiträge von unterschiedlichen Autoren/innen darin sind.

    Gut, dies ging nicht um Atmosfair, sondern um Atmosphäre. Aber nun. mehr weniger
alle Kommentare (145)
Kommentar schreiben
(5000/5000)
Mehr zu Klima- und Umweltschutz
  1. "Weggeworfen" – wie wir die Erde vermüllenWas bedeutet unser Wegwerfwahn für uns und unseren Planeten? Oscarpreisträger Jeremy Irons macht sich in dem beendruckenden Dokumentarfilm "Weggeworfen" auf die Suche nach Ursachen, Ausmaß und Konsequenzen unseres globalen Müllproblems.

    "Weggeworfen" – wie wir die Erde vermüllen
  2. Das Geheimnis der BäumeDer Dokumentarfilm „Das Geheimnis der Bäume“ gibt uns einen Einblick in die faszinierende und rätselhafte Welt der Bäume.

    Das Geheimnis der Bäume
  3. Klimawandel: Zwei Grad mehr in DeutschlandDrohen uns Hitzewellen und Stürme? Wie wird der Klimawandel unseren Alltag verändern? Mit welchen Kranheiten werden wir es zu tun haben?

    Klimawandel: Zwei Grad mehr in Deutschland