Das Andechser Bunker-Experiment

Foto © © Peter Blachian/MPG

Zwischen 1964 und 1989 begaben sich knapp 400 Probanden freiwillig in den Andechser Forschungsbunker. Abgeschirmt von äußeren Taktgebern, von Tageslicht und anderen Menschen lebten sie viele Wochen unter der Erde. Das Experiment war die Geburtsstunde der Chronobiologie.

Ein schmaler, betonierter Weg führt in den Hügel, zur Eingangstür des alten Wehrmachtsbunkers in Andechs, Oberbayern. Hier unten hatten die Forscher ihre Isolationszelle eingerichtet: eine kleine Wohnung unter der Erde, nur durch eine Schleuse erreichbar, abgeschnitten von der Außenwelt, von Tageslicht und Geräuschen, von Radio, Fernsehen, Telefon – und jeder Uhr. Die Einrichtung war spartanisch: Leuchtstoffröhren an der Decke, ein kleines Bad, eine kleine Küche. Der Wohnraum nüchtern mit Schreibtisch, Bett und Sessel. Fenster gab es nicht, für Luft sorgte eine Klimaanlage.

Wer hier einzog, freiwillig und für mindestens vier Wochen, sah genau so lange kein menschliches Wesen, hörte keinen Ton, den er nicht selbst erzeugte. Auch mit den Forschern gab es keinerlei Begegnung, Essen und Trinken wurden in die Schleuse gelegt, kommuniziert via Zettelbotschaft. Klingt beängstigend? Knapp 400 Menschen begaben sich zwischen 1964 und 1989 in den Andechser Forschungsbunker. Und die meisten waren sehr traurig, als sie ihn wieder verlassen mussten.

Für die Chronobiologie – jene Wissenschaft, die die biologischen Rhythmen untersucht, denen der Mensch unterliegt – waren die Ergebnisse des Bunker-Experiments ein Durchbruch. Der Verhaltensphysiologe und damalige Leiter des Max-Planck-Instituts, Jürgen Aschoff, einer der Pioniere der Chronobiologe, der 1998 im Alter von 85 Jahren starb, hatte die Versuchsreihe 1964 mit der großen Frage begonnen: Hängen rhythmisch verlaufende Prozesse des menschlichen Organismus, also zum Beispiel Schlaf-Wach-Phasen, die Körpertemperatur oder die Geschwindigkeit der Zellteilung von äußeren Faktoren wie Licht oder Zeitmessung ab – oder werden sie durch eine innere Uhr gesteuert? Aschoff und seine Mitarbeiter interessierte, wie sich der Rhythmus von Menschen entwickeln würde, wenn man sie gänzlich von äußeren Taktgebern wie Licht und Dunkelheit abschirmte oder eben dem Ticken der Uhr.

24 Stunden? Der Tag im Bunker war länger

Das Ergebnis war: Sie blieben auch im Bunker rund zwei Drittel des Tages wach, ein Drittel schliefen sie. Bei den meisten stellten die Wissenschaftler fest, dass sie jeden Tag etwas später aufstanden. Und dass sich ihre Tage innerhalb kurzer Zeit auf 24,7 bis 25,2 Stunden verlängerten; dabei blieb es dann auch während der gesamten Zeit unter der Erde. Damit war klar: eine innere Uhr steuert unseren tagesperiodischen Verlauf und unsere Körperfunktionen. Der interessante Schluss daraus: Es ist auf Dauer nicht gesund, wenn der Mensch gegen seine innere Zeit lebt – dann drohen Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, ein geschwächtes Immunsystem.

Seit Jahren fordern Chronobiologen zum Beispiel, den frühen Schulbeginn in Deutschland um eine Stunde nach hinten zu verschieben – weil der Konflikt zwischen ihrer eigenen biologischen Zeit und der gesellschaftlich vorgegebenen die Jugendlichen in eine Art Dauerjetlag versetze.

Jürgen Zulley, 73, Psychologe und Schlafforscher, war ab 1974 bei dem Bunker-Experiment dabei – als Doktorand und später Projektverantwortlicher in Professor Aschoffs Team – und als Proband. Vier Wochen wohnte Zulley als 29-Jähriger in dem Isolationsapartment. Heute ist er außerplanmäßiger Professor an der Universität Regensburg, schreibt Bücher und hält Vorträge zum Thema Schlaf. „In den ersten Tagen im Bunker war ich irritiert, weil ich ja nicht wusste, ob es wirklich schon Zeit für einen Nachtschlaf war, wenn ich mich müde fühlte. Aber das hat sich schnell eingespielt und man lebte einfach in seinem Rhythmus.“

Zulley und die meisten anderen Probanden lasen viel. Hörten Musik. Viele Studenten in der Prüfungsvorbereitung bewarben sich als Teilnehmer, aber auch ältere Menschen – der Älteste, erinnert sich Zulley, sei 92 Jahre alt gewesen. Das Verhältnis von Männern und Frauen war ungefähr ausgewogen – nur bei den über 60-Jährigen hatten Frauen größeres Interesse.

Was war so reizvoll daran, sich wochenlang in die Isolation zu begeben? Auch damals vermutlich: die Sehnsucht, aus dem Hamsterrad rauszukommen, weg von Hektik, Lärm und Stress. Ruhe zu finden. Zeit zum Nachdenken zu haben. „Die Reizarmut, die in diesem Bunker herrschte“, sagt Jürgen Zulley, „machte einen wesentlich konzentrierter. Musik hören, zum Beispiel, das habe ich dort als so intensiv empfunden – fantastisch! Es war besser als in jedem Konzertsaal.“ Schwierige Bücher habe er im Bunker viel müheloser gelesen. Das ging auch vielen anderen Probanden so; die meisten nutzen die Zeit zum Lesen oder Lernen.

Bücher konnten sie sich durch Nachrichten an die Wissenschaftler bestellen. Auch Pflanzen standen hoch im Kurs, etwas Blühendes, Grünes. Ab und zu gab es ein gutes Andechser Bier, gebraut wenige hundert Meter entfernt in der Klosterbrauerei. „Das war typisch für Jürgen Aschoff.“ Zulley lacht. „Er war der Meinung: Wenn die Teilnehmer ein Bier wollen, kriegen sie auch eines. Ich habe die freizügige Geste mit dem Bier allerdings später gestrichen. Denn manche schienen es zu horten.“

Hat Zulley in der Zeit unter der Erde etwas fürs Leben geernt? Über seine Vorstellung von Zeit, wie er sie leben und füllen will? Er glaubt: In unserem Alltag komme man nur schwer darauf, wie wichtig Auszeiten seien. Und wie sehr einen die alltäglichen Reize überfluteten. „Der Zustand von Ruhe und Konzentration im Bunker war eine sehr wichtige Erfahrung für mich.“ Über die Motive und Gefühlslagen seiner Probanden wusste Zulley auch recht gut Bescheid – sie schrieben Tagebuch, viele ausführlich. In den Wochen unter Tage dachten sie über ihr Leben nach. „Manchmal haben wir an den Wänden Inschriften gefunden. Da stand dann zum Beispiel: Jetzt weiß ich endlich, was mir auf die Nerven geht – ich selbst.“

Raus aus dem Bunker? Bloß nicht!

Einen Mangel an Freiwilligen gab es nie. Hüttenkoller oder Panikattacken? Fehlanzeige, nur vier Prozent brachen den Aufenthalt aufgrund äußerer Umstände ab. Vielleicht lag es auch daran, dass die Tür nie verschlossen war, man jederzeit gehen konnte. Aber im Gegenteil, viele Teilnehmer waren regelrecht sauer, wenn Zulley und seine Kollegen ihnen irgendwann einen Zettel in die Schleuse legten: Morgen sei es so weit, der Versuch gehe zu Ende. Da ihre Tage länger als 24 Stunden gedauert hatten, „fehlten“ ihnen manchmal ganze Tage. Viele wollten nicht raus in die laute, anstrengende echte Welt. „Manche hatten ihren Jahresurlaub genommen und hätten am liebsten gleich wieder eine Auszeit im Bunker angemeldet.“

Zulley hat viele Probanden an der Ausgangstür in Empfang genommen. Manche haben ihn gefragt: Machen wir das Beste draus und gehen noch in die Klosterbrauerei? „Wir sind dann mit ihnen den Berg zum Biergarten hochgegangen, aber wir wussten schon, wie es ausgehen würde“, sagt er. „Sobald wir ankamen, mussten wir umdrehen. Zu viele Menschen, alles zu laut und zu hektisch. Unser normales Leben war die totale Reizüberflutung für sie.“

Gastbeitrag aus Enorm
Text: Christian Sobiella/Christiane Langrock-Kögel

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