Fair Wear Foundation: „Wir sind noch nicht am Ziel“

Naehen
Foto: unspash

Die Fair Wear Foundation kämpft seit 1990 für sozialere Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie. Doch was lässt sich in dieser komplexen Branche überhaupt erreichen? Deutschland-Chefin Vera Köppen zieht Bilanz.

Textilunternehmen behaupten oft, dass sie durch die Produktion in Entwicklungsländern den Menschen dort helfen – auch wenn die Arbeiter teilweise nicht mal drei Euro pro Tag verdienen. Wäre es nicht besser, die Aufträge in Länder mit höheren Sozialstandards zu geben?

Das ist schwer zu beantworten. Indem Unternehmen ihre Produktion abziehen, ist den Arbeitern auch nicht geholfen. Trotz­ dem haben Unternehmen eine Verantwortung für ihre Lieferkette. Sie sollten gewährleisten können, dass im Fall von Ver­stößen gegen Arbeitsrechte Abhilfe geschaf­fen wird und sich die Arbeitsbedingungen kontinuierlich verbessern.

Um dabei zu unterstützen, wurde 1999 die Fair Wear Foundation gegründet. Inzwischen sind 130 Marken Mitglied in der Organisation. Wie helfen Sie denen, die Textilproduktion fairer zu gestalten?

Wir unterstützen Unternehmen, ihre Prozesse zu verändern. Denn ihre Geschäftspraktiken beeinflussen die Arbeitsbedin­gungen in den Fabriken – zum Beispiel kann ihre Produktions­planung bei den Arbeitern zu Überstunden führen. Wichtig ist zudem, dass die Marken ihre Lieferkette konsolidieren. Mit 20 bis 30 Lieferanten können sie einfacher Beziehungen aufbauen, als wenn sie 200 haben.

Und was tun Sie für die Arbeiter?

Wir haben einen Kodex mit acht Punkten zu den Rechten der Ar­beiter und den Arbeitspraktiken formuliert. Den verpflichten sich unsere Mitglieder umzusetzen. Allerdings ist damit alleine den Arbeitern noch nicht geholfen. Deshalb führen wir Überprüfun­gen durch und haben in elf Ländern Beschwerde­ Hotlines einge­richtet. Dort können die Arbeiter anrufen, zum Beispiel, wenn ihre Überstunden nicht richtig bezahlt wurden. Unsere Zentrale informiert daraufhin die Unternehmen, dass sie das Problem mit der Fabrik lösen müssen.

Ein Ziel der Fair Wear Foundation ist, dass die Textilarbeiter existenzsichernde Löhne erhalten. Wie viel sollten pro Tag verdienen?

Wir definieren keinen eigenen Standard, aber es besteht kein Zweifel, dass die Löhne hochgehen müssen. Wir verwenden Bezugs­größen wie Schätzungen von Gewerkschaf­ten oder den Asia Floor Wage. Bei unseren Audits schauen wir dann, wo der gezahlte Lohn im Vergleich dazu liegt. Er darf nicht unter dem lokalen Mindestlohn liegen. Zu­sätzlich testen wir Ansätze auf Ebene der Tarifverhandlungen.

Ihre Audits in den Mitgliedsunternehmen und Fabriken kündigen Sie vorher an. Warum?

Wir gehen von einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit aus. Hinzu kommt, dass für den „Brand Performance Check“ Do­kumente vorbereitet werden müssen und wir mit vielen Leuten sprechen wollen. Um ein möglichst authentisches Bild über die Fabriken zu bekommen, interviewen wir vor dem Audit Ar­beiter auch außerhalb der Fabrik und fragen nach Problemen.

Trotz solcher Kontrollen von Fair Wear wurde bei Takko im August 2016 Kinderarbeit entdeckt. Wie ist das bei einem Ihrer Mitgliedsunternehmen möglich?

Kinderarbeit ist in den Lieferketten der gesamten Bekleidungs­industrie leider immer noch weit verbreitet. Im Fall Takko wa­ren es Minderjährige im Alter von 14 und 15 Jahren. Takko hat daraufhin direkt gehandelt und zusammen mit dem Lieferanten eine umfängliche Lösung und Wiedergutmachung für die Min­derjährigen erreicht.

Das heißt, für den Kunden ist das Fair-Wear-Siegel keine Garantie dafür, dass ein Kleidungsstück wirklich fair produziert wurde?

Ich glaube, niemand kann versichern, dass in jeder Fabrik schon alles hundert Prozent fair ist. Auch für die Mitglieder der Fair Wear Foundation ist das nicht möglich, obwohl sie deutlich mehr tun als andere Unternehmen. Fair Wear bedeutet kontinuierli­che Verbesserung. Wir sind noch nicht am Ziel.

 

Gastbeitrag aus Enorm
Text: Xenia von Polie

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