Reportage: H&M vernichtet Kleidung – und sitzt auf unverkaufter Mode für 3,5 Milliarden Euro

Faire Löhne: Hält H&M seine Versprechen?
Foto: "H&M HandM Store" von Mike Mozart unter CC-BY-2.0

Die Modemarke H&M hat ein Problem: Offenbar wird sie unverkaufte Kleidung im Wert von mehreren Milliarden Euro nicht los. Selbst für H&M sei das nicht normal, heißt es in einem internen Bericht. Demzufolge vernichtet H&M außerdem massenweise Kleidungsstücke.

Das ZDF-Fernsehmagazin Frontal 21 und die „Wirtschaftswoche“ haben gemeinsam Finanzdaten von H&M analysiert und einen vertraulichen Bericht eines Logistik-Wirtschaftsausschusses vom Juni 2018 ausgewertet. Die Erkenntnisse aus den Untersuchungen sind erschreckend: Demnach lagerte H&M im ersten Halbjahr Mode im Wert von 3,5 Milliarden Euro – Kleidung die aufwendig produziert wurde, aber nicht verkauft werden konnte.

Zurzeit „haben wir 5 Saisons im Haus“, zitieren die Redaktionen den internen Bericht. Das sei nicht normal für H&M. Aber es kommt noch schlimmer: Dem Bericht zufolge wurden in Deutschland 100.000 Kleidungsstücke vernichtet.

Das sagt H&M

Frontal 21 berichtet von E-Mails, in denen Lager-Mitarbeiter angewiesen wurden, Kleidung zu entsorgen. Allerdings sei nicht klar, ob es sich dabei um neuwertige Ware handelte.

H&M hat sich bereits zu den Anschuldigungen geäußert. In einer Stellungnahme heißt es laut Frontal 21: „Für H&M gibt es keinen Grund, intakte Kleidung in die Verbrennung zu geben oder anderweitig zu vernichten.“  Nur bei Qualitätsmängeln, etwa durch chemische Rückstände, werde Kleidung verbrannt.

Die gleiche Erklärung lieferte H&M bereits im vergangenen Jahr, als ein dänischer Fernsehsender aufdeckte, dass H&M tonnenweise ungetragene Kleidung verbrennen ließ. Die Enthüllung hatte damals für einen Skandal gesorgt.

Ab April: Kostenpflichtige Plastiktüten auch bei H&M
Skandal bei H&M. (Foto: "H&M HandM Clothing Store" von Mike Mozart unter CC-BY-SA 2.0)

Nicht nur H&M vernichtet Kleidung

Dass Modemarken Kleidung vernichten, ist gar nicht so ungewöhnlich: So wurde beispielsweise im Juni bekannt, dass das Luxuslabel Burberry im Jahr 2018 Mode im Wert von 32,5 Millionen Euro geschreddert hat.

Auch der Konzern „Bestseller“ habe 2016 etwa 49 Tonnen Kleider verbrannt, berichtete die dänische Fernsehreportage. Dem Unternehmen gehören unter anderem die Marken Vero Moda, Jack & Jones, Selected und Only.

Überproduktion für Billig-Mode

Dass H&M, Burberry und andere Marken so viel Kleidung zerstören, zeigt, was in der Modebranche schiefläuft: Sie produziert so große Überschüsse, dass massenhaft Klamotten nicht verkauft werden. Offenbar ist es in vielen Fällen günstiger, die Ware zu entsorgen und dann einfach wieder neu zu produzieren, als sie anders weiter zu verarbeiten.

Mehr Informationen und alle Hintergründe zu den Recherchen von Frontal 21 und der Wirtschaftswoche gab es am Dienstag im Fernsehen bei Frontal 21 im ZDF und aktuell in der Mediathek.

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(3) Kommentare

  1. Das beste Mittel für mich, um mir Fast Fashion abzugewöhnen, war meine eigene Nähmaschine. Wenn ich das Kleidungsstück dann nach vielen Abenden eigene Arbeit, anstelle nach 10 Minuten Rumwühlen im H&M, endlich in der Hand halte, dann weiß ich es wirklich zu schätzen. Und es ist wunderbar kreativ – ich kann meine Kleidung so gestalten, wie sie mir wirklich gefällt, nicht was irgendwelche Modekonzerne sich für mich ausdenken. Ich kann Nähen nur wärmstens empfehlen. Und gleich vorweg: ich habe es mir selber beigebracht, mit Hilfe guter und einfacher Schnitte. Nähen lässt sich Schritt für Schritt erlernen, es benötigt nur ein wenig Geduld 🤩

  2. Dem kann ich nur zustimmen, für mich gilt das gleiche für Stricken, da kann ich bei den Materialien schon mitbestimmen. Beim Stoff bin ich noch auf der Suche nach einem nachhaltigen Händler.

  3. Ich bin Designerin und habe 2009 begonnen, Redesign-Workshops( schönes Wort für Upcycling:-)) zu geben, weil ich mich schon Anfang der 2000er Jahre während des Designstudiums mit dem Thema Überproduktion in der Mode beschäftigt habe. Ist quasi ein Herzensthema geworden :-). Und irgendwann ist der Entschluss gereift, all die Fälle, die sich immer wieder gezeigt haben, zu einem schönen Buch zusammenzufassen. Mit allerhand Infos, wie man seinen Kleiderschank zusammenstellt und welche Quellen es abseits von neugekaufter Kleidung noch gibt. Das Buch ist also Designbuch, Aufräumberater und Nähbuch in einem. Es ist einfach so, dass Selbermachen und Selbstgestalten erstens viel Spaß macht und einem den Wert von Kleidung wieder näherbringt. Das Buch heißt übrigens „ReDESIGN“ und ist im Haupt Verlag erschienen. https://www.haupt.ch/Verlag/Buecher/Gestalten/Textildesign-Mode/ReDesign.html

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