Kommentar zum Tempolimit: Die Würde des Autos ist unantastbar

Foto: CCO Public Domain / Pixabay / bpeter

Ein Tempolimit? In Deutschland? Unmöglich! Und doch diskutiert der Bundestag bald wieder darüber. Denn es gibt viele gute Gründe dafür. Es will sie bloß keiner hören – denn nichts lieben die Deutschen so sehr wie ihr Auto.

Egal wie hoch das Risiko und egal, was es kostet – die Deutschen sind vernarrt in schnelles Fahren. Auf gerader Strecke senkt sich der Fuß auf das Gaspedal, das Herz beginnt heftig zu klopfen, die Hände werden nass. Ekstase.

Aber: „Wer die Autobahnen sicherer und den Verkehr fließender machen will, kommt am Tempolimit nicht vorbei.“ Das findet zumindest Grünen-Fraktionsvorsitzender Anton Hofreiter. Seine Fraktion hat sich daher am 9. Mai erneut für ein Tempolimit bei 130 km/h auf den deutschen Autobahnen ausgesprochen. Wann genau über den Antrag abgestimmt wird, steht noch offen. Umgesetzt wird er laut Medienberichten wahrscheinlich aber nicht – Ende Februar hatte der Bundestag einen ähnlichen Vorschlag klar abgelehnt.

Da stellt sich die Frage: Brauchen wir überhaupt ein Tempolimit? Und warum eigentlich? Wollen hier nur wieder irgendwelche (Achtung: Gag!) Bremser anderen was wegnehmen?

Nein, darum geht es nicht. Denn die Befürworter haben verdammt gut Gründe – und davon nicht gerade wenige.

Was uns das „Recht des Schnelleren“ kostet

Manche tun ja so, als wäre das Autofahren in Deutschland ohnehin schon stark reguliert. Das Gegenteil ist der Fall: Auf ganzen 70 Prozent der Autobahnen gibt es gar kein Tempolimit (Zahlen von 2015). Anders gesagt: Hier gilt noch das Gesetz des Dschungels. Porsche, Audi und Ferrari befinden sich an der Spitze der Nahrungskette, Toyota, Mitsubishi und Co. weiter unten. Auf langen graden Strecken erwachen in Jaguar und Co. die Urinstinkte. Sie jagen die Straßen entlang. Und wer im Weg steht, den können nur ein waches Auge und schnelle Reflexe retten.

Das Faustrecht der Schnelleren kostet auf der Autobahn jährlich viele das Leben: 2017 wurden 33.692 Menschen verletzt, 409 kamen ums Leben. Insgesamt ist die Zahl der Todesopfer auf deutschen Straßen 2018 laut ADAC um 3,3 Prozent gestiegen – auf 3.285.

Was für einen Unterschied eine Geschwindigkeitsbegrenzung machen kann, zeigt das Beispiel der Autobahn A24. Hier gilt seit Dezember 2002 zwischen dem Autobahndreiecken Havelland und Wittstock/Dosse ein Tempolimit. Seither gibt es dort laut den Grünen nur noch halb so viele Verletzte wie früher.

„Gegen jeden gesunden Menschenverstand“

Eine Geschwindigkeitsbegrenzung könnte also Unfälle verhindern und Menschenleben retten. Das ist Fakt. Fakt ist aber auch: Die Abgeordneten interessieren sich nicht dafür. Das hat das Abstimmungsergebnis im Februar klar gemacht.

Wieso? Weil die Würde des Autos in Deutschland unantastbar ist. Sobald vernünftige Regelungsvorschläge für den Verkehr auf dem Tisch liegen, reagieren viele Politiker emotional: Ein Tempolimit gehe „gegen jeden gesunden Menschenverstand“ und sei eine Forderung, die „Zorn, Verärgerung, Belastungen auslösen oder unseren Wohlstand gefährden“ könnte, so Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) .

Ja wirklich: Nur noch 130 fahren, obwohl doch frei ist – das wäre schon sehr belastend. Da juckt’s einem doch die ganze Fahrt über im rechten Fuß, was für eine Qual! Nicht mit 300 km/h rasen zu dürfen, da ist der deutsche Wohlstand wahrlich in Gefahr!

Genug der Ironie: Das ist schon eine sehr gefühlsbetonte und auf Empörung frisierte Argumentation, noch dazu eine, die sich erbärmlich bei einigen wenigen Rasern anbiedert. Und doch ist das seit Jahren Standpunkt vieler Politiker.

Daher ist Deutschland noch immer das einzige Land Europas – und die einzige Industrienation der Welt – deren Straßenverkehrsordnung sinnloses Rasen ermöglicht. In Europa hat jeder Staat eine eigene Obergrenze definiert: In Polen liegt das Tempolimit bei 140, in Norwegen bei 100 km/h.

Auch in Ländern mit Tempolimit kommt man von A nach B. Mit Tempolimit aber besser: Weniger zu rasen „vermeidet viele Unfälle und erhöht deutlich die Kapazität der Autobahnen“, sagte Anton Hofreiter dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Weniger Unfälle führen zu weniger Stau – eigentlich logisch.

Wäre ein Tempolimit gut fürs Klima?

Was ein Tempolimit dem Klima bringt, haben Öko-Institut und International Council on Clean Transportation mal ausgerechnet: es sind zwischen 1,1 und 1,6 Millionen Tonnen CO2, die wir einsparen könnten. Klingt nicht nach wenig, es sei denn, man ist Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Der hat angeblich die „typisch ideologische Verbotsdiskussion aus der grünen Mottenkiste“ durchschaut und sagt: Es sind nur weniger als 0,5 Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen, die sich so einsparen ließen.

Kann man so sehen, kann man aber auch anders sehen: Denn wenn man es umrechnet, entspräche die Summe etwa 19.100 Flügen zwischen London und Berlin. Und was müsste man dafür tun? Keine Steuern erheben, keine neue Technologie entwickeln. Sondern lediglich Schilder aufstellen und endlich die Ideologie der Raserei in die Mottenkiste schicken. Ist das so schwer?

Wenn der Vorschlag der Grünen also demnächst im Bundestag zur Debatte steht, sollten die übrigen Abgeordneten ihnen zumindest zuhören. Logisch mitdenken. Und sich nicht von einem Gefühl leiten lassen. So viel sollte man von Politikern doch erwarten können.

Weiterlesen auf Utopia.de:

Gefällt dir dieser Beitrag?

Vielen Dank für deine Stimme!

Schlagwörter:

(7) Kommentare

  1. … und es wäre endlich auch Schluss mit dem Autobahntourismus aus aller Welt, wofür es extra Agenturen gibt.
    Da kommen die extra per Flugzeug !!! angereist, um hier noch zusätzlich eine Gefahrenquelle zu sein und natürlich auch die Umwelt zu verpesten.
    … oder eben mal mit ca 100 Teilnehmern eine nette kleine Autoralley über eine der „besten Autobahnen Deutschlands“ zu veranstalten….

    Perversion im Namen des heiligen Blechs hat viele Gesichter 🙁

  2. Ein Tempolimit wird nicht abgelehnt, weil „wir Deutschen das schnelle Fahren lieben“.
    Es wird abgelehnt, weil Deutschland eine starke Autoindustrie hat, die schnelle Autos bauen kann und diese auch verkaufen will.
    Es würden wohl deutlich weniger schnelle Autos verkauft, wenn man nur langsam fahren dürfte. Das würden dann vermutlich auch keine deutschen Autos mehr sein…
    mit allen Konsequenzen für Arbeitsplätze und Bruttosozialprodukt.

  3. Deutsche Autos wird es bald eh nicht mehr geben, weil die Chinesen uns den Rang ablaufen. In Deutschland werden nämlich in allen Bereichen mit starrsinniger Beharrlichkeit stets völlig veraltete Technologien subventioniert und Fortschritt mit allen (politischen) Mitteln verhindert, während in anderen Ländern auf technologischen Fortschritt gesetzt wird, womit sie uns um Längen voraus sind. Unsere Arbeitsplätze gehen also sowieso nach Asien, mit oder ohne Tempolimit.

  4. Es gibt in Deutschland zwei bemerkenswerte Startups, die durchaus eine Chance haben: Sono-Motors mit dem Sion und die e.Go Mobile AG mit u. a. dem e.Go Life. Die bauen taugliche Alltagsfahrzeuge ohne Schnickschnack. Schwere E-SUV, wie derzeit von den etablierten Autokonzernen forciert, sind in jeglicher Hinsicht eine Fehlentwicklung.

  5. Wieder der Scheuer! Wer hat den eigentlich da rein gelassen?
    Alle anderen Nationen mit ihren Tempolimits sind schön blöde. Allein Scheuer und Söder haben die Weisheit mit Löffeln gefressen und wissen was gut ist. Für sie selber. Wollen wohl mal ab und an die Sau rauslassen.

  6. Das Unfallrisiko wird u. a. und nicht unwesentlich von den Geschwindigkeits-Unterschieden bestimmt. Da LKW maximal 100 km/h fahren dürfen, schlage ich vor, dass auf Spuren, die von LKW befahren werden dürfen, maximal 120 gefahren werden darf. Auf der nächsten Spur links daneben maximal 140, sollte es links daneben noch eine weitere Spur geben, maximal 160. Die Richtgeschwindigkeit wäre jeweils 20 km/h weniger. Außerdem sollte es eine Mindestgeschwindigkeit geben, sofern Witterungsverhältnisse oder Verkehrssituation keine niedrigere Geschwindigkeit erfordern, und zwar sollte die Richtgeschwindigkeit nicht um mehr als 20 km/h unterschritten werden.
    Die Zahlen sind nicht weiter begründet, man kann darüber diskutieren, mir ging es nur um das Prinzip. Auch habe ich nicht berücksichtigt, dass andere Faktoren, z. B. der Schadstoffausstoß, unabhängige Argumente für Geschwindigkeitsbeschränkungen liefern. So haben moderne Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor den geringsten Spritverbrauch (und damit vermutlich auch den geringsten Schadstoff-Ausstoß) bei Geschweindigkeiten zwischen 90 und 120 km/h.

** Links zu Bezugsquellen sind teilweise Affiliate-Links: Wenn ihr hier kauft, unterstützt ihr aktiv Utopia.de, denn wir erhalten dann einen kleinen Teil vom Verkaufserlös.