Die Macht der Lebensmittelkonzerne wächst

Konzernatlas
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Vom Acker bis zum Supermarktregal – immer weniger, dafür immer größere Konzerne kontrollieren die weltweite Lebensmittelerzeugung. Umwelt- und Entwicklungsorganisationen warnen mit dem Konzernatlas jetzt vor den dramatischen Folgen dieser Machtkonzentration.

„Daten und Fakten über die Argar- und Lebensmittelindustrie“ – der „Konzernatlas 2017 (pdf)“ mag auf den ersten Blick nach einem langweiligen Dokument klingen. Doch er ist das Gegenteil: Die Zahlen des Konzernatlas kann man nicht – wie den allabendlichen Börsenbericht – ignorieren.

Der Konzernatlas beantwortet die Frage, wer die Macht über unser Essen hat: Wer kontrolliert weltweit, was gezüchtet und angebaut wird, was in den Läden angeboten wird und was schließlich auf den Tellern landet – und zu welchem Preis. Man ahnt, es handelt sich um eine düstere Zeitdiagnose. Doch es gibt Hoffnung, wenn wir jetzt handeln. Wer ist „wir“? Alle Menschen, die sich sich als mündige Akteure einer Zivilgesellschaft begreifen und ihre Handlungsspielräume nutzen wollen.Konzernatlas

Die Herausgeber des Konzernatlas 2017, Heinrich-Böll-Stiftung, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Oxfam Deutschland, Germanwatch und Le Monde Diplomatique fordern eine sozial-ökologisch orientierte politische Regulierung der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Mit ihren Berichten wollen sie eine breit geführte gesellschaftliche Debatte dazu anstoßen. Macht mit! Ein guter Anfang: teilt diesen Artikel!

Die gefährliche Machtkonzentration im Ernährungssektor

Lediglich vier Großkonzerne kontrollieren inzwischen rund 70 Prozent des Welthandels mit Agrarrohstoffen, drei Konzerne dominieren 50 Prozent des Weltmarkts für Landtechnik und in Deutschland decken vier Supermarktketten 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels ab.

Finden weitere Mega-Fusionen wie derzeit geplant statt, würden nur drei Konzerne mehr als 60 Prozent des globalen Marktes für kommerzielles Saatgut und für Pestizide beherrschen. Insgesamt entfallen d50 Prozent des weltweiten Umsatzes mit der Herstellung von Lebensmitteln auf gerade einmal 50 Firmengruppen. Das ist zu viel Macht in den Händen Weniger und eine beunruhigende Tendenz, meinen die Herausgeber des Konzernatlas.

konzernatlas2017

Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, sagte: „Die globale Fusionswelle im Ernährungssektor konzentriert Markt- und Lobbymacht und beeinflusst Politik weltweit. Die Folgen sind global zu spüren: Höfesterben, Landkonzentration sowie Verdrängung und Monokulturen statt agrarischer Vielfalt. Damit sind in der Regel schwere Umwelt- und Gesundheitsschäden durch unkontrollierte Herbizid- und Pestizideinsätze verbunden.“

„Die Marktmacht führt zudem zu globalen Preisabsprachen sowie zu umfassender Kontrolle der Pflanzen über Saatgut-Patente – all das zu Lasten von Kleinbäuerinnen und -bauern. Weltweit werden betroffene Menschen, wird die kritische Zivilgesellschaft von Regierungen im Dienste der geballten Interessensmacht eingeschränkt oder direkt mit repressiven Maßnahmen verfolgt“, so Unmüßig.

Monsanto, Bayer, Edeka, Rewe

Auch der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger warnte vor einer weiteren Konzentration im Agrarsektor: „Die geplante Übernahme des Saatgut- und Gentechnikkonzerns Monsanto durch Bayer würde einen neuen gigantischen Agrarkonzern hervorbringen. Dieser würde ein Drittel des weltweiten Marktes für kommerzielles Saatgut und ein Viertel des Marktes für Pestizide dominieren und so die Art und Weise bestimmen, wie auf den Äckern gewirtschaftet wird.

Die wachsende Marktmacht einiger weniger Großunternehmen gefährdet eine bäuerliche, sozial und ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft. Im Koalitionsvertrag der nächsten Bundesregierung muss stehen: Für die Umwelt nachteilige Agrarsubventionen gehören abgeschafft und das Preisdumping bei Lebensmitteln muss beendet werden.“

konzernatlas2017

Die Vorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Dagmar Enkelmann, sagte: „Der Konzernatlas zeigt, dass von Übernahmeschlachten und knallhartem Preiswettbewerb im Nahrungsmittelbereich vor allem Arbeiter und Angestellte direkt betroffen sind.“ Bei der Übernahme von Kaiser’s Tengelmann drohe, dass Edeka und Rewe ihre Filialnetze nach fünf Jahren rigoros ausdünnen.

Sie verwies auf den Abbau von über 5000 Stellen nach der Fusion von Heinz und Kraft Foods 2015. „Die Preispolitik der Supermarktkonzerne drückt zugleich auf die Standards in der Produktion. Arbeit unter Pestizidregen auf Bananenplantagen oder Hungerlöhne für Teepflückerinnen sind auch dort verbreitet, wo für hiesige Supermarktregale geschuftet wird.“

Protest, Boykott und Widerstand

Was tun? Die Herausgeber des Konzernatlas fordern einerseits mehr Regulierung: Die Politik müsse die Fusions- und Missbrauchskontrolle verschärfen und die Verhandlungsmacht von Bauern und Bäuerinnen stärken. Unternehmen müssten gesetzlich verpflichtet werden, soziale und ökologische Mindeststandards umzusetzen und die Menschenrechte einzuhalten. Dafür sei ein Kurswechsel in der Agrar- und Handelspolitik sowie eine stärkere Regulierung von Finanzspekulanten unumgänglich.

Andererseits motivieren die NGOs jeden Einzelnen, selbst aktiv zu werden. Dazu zeigt der Bericht zahlreiche Beispiele (S.46) von Menschen, die sich weltweit gegen eine Agrar- und Handelspolitik wehren, die die Macht der Konzerne stärkt. Und das geht natürlich auch bei uns, wir haben mehr Möglichkeiten als zwischen Aldi und Lidl zu entscheiden: 10 Wege zu regionalen Lebensmitteln.

10 Wege zu regionalen Lebensmitteln

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(4) Kommentare

  1. Schon traurig, dass sich die Situation einzig in Österreich verbessert hat. Trotzdem ist die Situation mies: Spar, Rewe, Lidl, Hofer. Das wars dann soweit. Nicht enthalten ist denke ich der Konkurs von Zielpunkt. Damit hat sich die Stellung der anderen eher nicht verschlechtert.
    Meine Lösung: Gemüse, Obst, Säfte, Essig und Öl vom Biobauern.
    Haltbare glutenfreie Produkte aus Deutschland per Versand. ZT vegane Produkte auch. Nur frisches aus dem Supermarkt. Auffällig ist das hier der Preis stärker steigt als beim Bauern oder im Onlineshop.

  2. Wir haben für uns das große Glück in einer Umgebung zu leben, die jede Menge Bio Bauernhöfe um die Ecke hat. Obst, Gemüse und Fleisch kaufen wir eigentlich ausschli in den Hofläden oder auf dem Wochenmarkt. Selbst eine Milchtankstelle ist um die Ecke undsonst machen wir vieles selbst. Die Kosten halten sich im Rahmen. Schade nur, dass diese Voraussetzungen längst nicht überall gegeben sind…..

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