Stigmatisierung: „Beginnt schon bei Begriffen wie Risikogruppe“

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Foto: Niaid/Niaid/Planet Pix via ZUMA Press Wire/dp, Privat/ Deutsche Aidshilfe

Affenpocken haben sich innerhalb weniger Monate weltweit verbreitet. Noch betreffen sie vor allem einen kleinen Teil der Bevölkerung, der dadurch Stigmatisierung ausgesetzt wird, wie die Deutsche Aidshilfe im Utopia-Interview beklagt.

Vorletzte Woche hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wegen der Affenpocken (auch: Monkeypox/MPX) eine „Notlage von internationaler Tragweite“ ausgerufen. Spanien hat inzwischen erste Todesfälle in Europa gemeldet, und in Deutschland wurden erste Infektionen bei Jugendlichen festgestellt. Derzeit sind laut WHO 98 Prozent der Infizierten Männer. Empfohlen wird die Impfung in Deutschland insbesondere für Männer, die Sex mit Männern haben und häufig Partner:innen wechseln, weil die registrierten Infektionen bislang vor allem diese Bevölkerungsgruppe betreffen. Es ist nicht das erste Mal, dass eine Krankheit vor allem mit dieser Personengruppe in Verbindung gebracht wird. Auch bei Aids waren unter den ersten Betroffenen vor allem homosexuelle Männer. Noch immer kämpfen viele HIV-Patient:innen mit Stigmatisierung im Alltag. Droht bei Affenpocken ein ähnliches Risiko?

Darüber haben wir mit Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe, gesprochen.

Deutsche Aidshilfe zu Affenpocken: „Auch schwule Gesundheit ist öffentliche Gesundheit“

Utopia: Herr Wicht, die WHO hat wegen der Affenpocken eine internationale Notlage ausgerufen. Wie schätzt die Aidshilfe die Situation ein?

Holger Wicht: Die Epidemie ist Realität und sehr ernst zu nehmen, damit müssen wir jetzt umgehen. Für viele Betroffene ist die Erkrankung tatsächlich eine schmerzhafte Notlage. Wenn die Affenpocken die Gesamtbevölkerung im gleichen Ausmaß betreffen würde wie schwule Männer, hätten sich in Deutschland bereits mehr als 200.000 Menschen infiziert. Diesem Ausmaß des Ausbruchs gilt es Rechnung zu tragen. Auch schwule Gesundheit ist öffentliche Gesundheit, und im Übrigen gibt es keine Garantie, dass die Infektion in Zukunft nicht auch andere Gruppen betrifft.

Derzeit wird die Krankheit stark mit Männern in Verbindung gebracht, die Sex mit häufig wechselnden männlichen Partnern haben – für diese Gruppe empfiehlt die Stiko die Impfung zum Beispiel explizit. Wie wirkt sich die Notlage auf den Alltag dieser Gruppe aus?

Tatsächlich betreffen die allermeisten Infektionen schwule und bisexuelle Männer, und sie sind sich des Risikos sehr bewusst. Es sind ja mittlerweile mehr als 2.500 Infektionen registriert worden, das sind keine Einzelfälle mehr. Die Menschen haben Angst vor den teilweise sehr schmerzhaften Folgen einer Infektion. Viele ergreifen Maßnahmen, um sich zu schützen.

Inwiefern?

Sie verzichten zum Beispiel auf sexuelle Kontakte oder schränken ihr Sexleben ein, gehen nicht mehr an bestimmte Orte, an denen Sexualität gelebt wird. Manche beschränken ihre Kontakte auf bestimmte Leute. Auch Kondomgebrauch kann eine Option sein. Das Kondom verhindert zwar nicht die Infektion über die Haut oder die Atemwege, kann aber vor den sehr schmerzhaften Folgen im Genital- und Analbereich schützen.

Ist neben dem Infektionsrisiko auch die Angst vor Stigmatisierung ein Problem?

Stigmatisierung ist ein großes Problem. In der Anfangsphase war die Angst davor größer als die Angst vor einer Infektion. Das zeigt auch eine Umfrage auf queer.de.

Eine ohnehin diskriminierte Gruppe reagiert natürlich äußerst sensibel, wenn sie von einer neuen Erkrankung betroffen ist und dann auch noch dafür verantwortlich gemacht wird. Bei HIV war es damals ähnlich, das haben viele von uns nicht vergessen.

Stigmatisierung beginne bei Begriffen wie „Risikogruppe“

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Holger Wicht ist Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe. Mit Utopia hat er über die Folgen der Ausbreitung von Affenpocken gesprochen. (Foto: Privat)

Wie sieht diese Stigmatisierung im Alltag aus?

Es beginnt schon bei Begriffen wie „Risikogruppe“ oder „Hochrisikogruppe“. Der Gesundheitsminister hat einmal sogar von einer „Risiko-Community“ gesprochen. Diese Begriffe mögen nicht bösartig gemeint sein, aber sie können sehr leicht falsch gedeutet werden, in dem Sinne, dass eine Gruppe kein Risiko hat, sondern ein Risiko ist für andere. Solche Begriffe fallen bei vielen auf fruchtbaren Boden. Oft werden auch sexuelle Lebensstile mehr oder weniger subtil diskreditiert, mit Äußerungen wie „Schwule Männer müssen sich jetzt mal zurückhalten!“

Was hat das für Folgen?

Damit wird man Menschen nicht gerecht und schadet gleichzeitig der Prävention. Für echte Prävention muss man Menschen mit ihren Bedürfnissen ernst nehmen und ihnen Schutzmöglichkeiten an die Hand geben, statt ihnen Vorschriften zu machen. Abwertung führt immer nur zu Tabuisierung und dazu, dass Sexualität nicht mehr offen gelebt wird.

Und außerhalb der Medien und Politik?

Im Extremfall wird schwulen Männern ganz offen die Schuld zugeschoben. Auf Twitter kursierte ein Foto von einer S-Bahn-Schmiererei: „Erst haben die Schwulen uns Aids gebracht und jetzt die Affenpocken“.

Hat sich die Berichterstattung der Medien und damit die Angst vor Stigmatisierung bezüglich Affenpocken gebessert?

Insgesamt wird nach meinem Empfinden jetzt recht verantwortungsvoll und sachlich berichtet, auch wenn es durchaus noch abwertende Äußerungen in Presse und Öffentlichkeit gibt. Die Angst vor einer Infektion ist jetzt stärker in den Vordergrund getreten. Hinzu kommt aber der Ärger über fehlende Impfmöglichkeiten, der teils auch etwas mit Missachtung zu tun hat.

Imfung gegen Affenpocken: „Manche sind verzweifelt und wütend“

Eine Impfung soll Schutz bieten, diese wird inzwischen auch in Deutschland verabreicht.

Ja, und viele schwule Männer sind frustriert, weil sie nicht schnell genug eine Impfung erhalten. Manche telefonieren sich ohne Erfolg durch die Praxen, sind verzweifelt und wütend. Das betraf zumindest anfangs teilweise auch Menschen, die sehr dringend eine Impfung brauchten, weil sie Kontakt mit einer infizierten Person hatten. Man darf durchaus fragen, ob der verpatzte Impfstart in manchen Bundesländern nicht auch damit zu tun hatte, dass die Gesundheit schwuler Männer nicht ernst genug genommen wurde.

Wieso ist der Zugriff auf die Impfung so kompliziert?

Der Impfstoff ist derzeit noch überall knapp. Es sind noch nicht alle bestellten Lieferungen eingetroffen, und der Bedarf ist groß. In so einer Krise kommt es auch mal zu chaotischen Situationen. Teilweise wurde der Impfstart aber auch schlecht organisiert oder zu lange diskutiert, bevor es endlich losging, zum Beispiel in Berlin. Die Region zählt zu denen, die besonders stark betroffen sind, aber in Relation zu weniger stark betroffenen Regionen viel zu wenig erhalten haben.

Was ist da passiert?

Der Impfstoff wartete fast vier Wochen im Kühlschrank der Charité auf seinen Einsatz. Die Lösung des Problems lag also buchstäblich auf Eis. Das ist viel zu lange bei einer neuen Epidemie. Gerade in der Frühphase ist es wichtig, die Ausbreitung zu bremsen. Man muss die Impfungen schnell, unbürokratisch und pragmatisch organisieren – wie es bei COVID teilweise gelungen ist. Bei den Affenpocken wurde zu lange gezögert. Die Menschen, die sich in dieser Zeit infiziert haben, lagen teilweise im selben Krankenhaus wie der ungenutzte Impfstoff.

Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern, um die Situation zu verbessern?

Zunächst einmal müssen die vom Bund bestellten Impfdosen zügig auf die Länder verteilt werden, sobald sie eintreffen. Dabei müssen verschiedene Faktoren berücksichtigt werden, unter anderem in welchen Bundesländern besonders viele Infektionen vorliegen und wo besonders viele Männer leben, die Sex mit Männern haben. Aber das allein wird nicht genug sein.

Wieso nicht?

Der Bund hat 240.000 Impfdosen eingekauft, dazu kommen ein paar tausend aus EU-Beständen – aber das wird hinten und vorne nicht reichen. Diese Epidemie wird so schnell nicht vorbei sein, deswegen müssen wir allen schwulen und bisexuellen Männern ein Impfangebot machen, die nicht monogam leben. Wir schätzen, dass wir rund eine Million Impfdosen benötigen, um einer halben Million Menschen einen dauerhaften Impfschutz zu ermöglichen. Schon jetzt muss also weiterer Impfstoff beschafft werden, damit es nicht nach einer gewissen Zeit wieder zu einer ähnlichen Notsituation kommt wie jetzt.

Danke für das Gespräch!

Affenpocken: Notlage wegen starken und schnellen Verbreitung

WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus begründet die Entscheidung, wegen Affenpocken eine internationale Notlage auszurufen, mit der starken und schnellen Verbreitung der Affenpocken, die inzwischen Dutzende Länder betrifft. Dies ist ungewöhnlich. Bisher waren Ausbrüche im Wesentlichen auf Afrika beschränkt. Laut RKI ist die Übertragung von Mensch zu Mensch nur bei engem Körperkontakt möglich, durch Kontakt mit Körperflüssigkeiten und Hautveränderungen, oder via Tröpfchen-Übertragung. Voraussetzung ist laut RKI meist enger Körperkontakt. Nach einer Studie an mehr als 500 Patient:innen berichten Forscher:innen, dass sich 95 Prozent bei sexuellen Aktivitäten angesteckt hatten – aber nicht 100 Prozent. 

LSVD: „Die sexuelle Identität eines Menschen ist einem Virus egal“

Auch Andre Lehmann, Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverband LSVD, hat sich gegenüber Utopia zum Umgang mit Affenpocken geäußert und dabei klargestellt: „Das Risiko einer Ansteckung besteht daher vor allem für Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern – unabhängig von der sexuellen Identität. Viele der schwulen und bisexuellen Männer sind im Alltag von den Affenpocken überhaupt nicht betroffen, weil sie beispielsweise mit einem festen Partner monogam zusammenleben.“

Allerdings elebe man bereits, dass die Krankheit ausschließlich mit homosexuellen Männern und damit mit einer bestimmten sexuellen Identität in Verbindung gebracht wird. „Leider gab es auch Äußerungen aus der Bundesregierung, die unbedacht dieses Stigma verbreitet haben.“

Laut Lehmann wäre es richtiger, auf bestimmte riskante Verhaltensweisen hinzuweisen, die das Ansteckungsrisiko erhöhen, statt per se homo- und bisexuelle Männer als Risikogruppe zu benennen. „Dieses Narrativ ist trügerisch, weil es heterosexuelle Menschen in einer falschen Sicherheit wiegt. Jeder kann sich mit dem Virus identifizieren. Dessen sind sich viele nicht bewusst.“

(mit Material der dpa)

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