Infektionsexperte über Krankheitsausbrüche: „Die Gesellschaft würde uns das nie verzeihen“

FFP2-Masken schützen bei gutem Sitz fast vollständig.
Foto: CC0 Public Domain / pixabay - OrnaW

Die Affenpocken und das Coronavirus zeigen laut dem Infektionsspezialisten Jeremy Farrar wie wichtig Präventionsmaßnahmen sind. In einem Interview spricht er über künftige Krankheitsausbrüche – und welche Szenarien er in Erwägung zieht.

Jeremy Farrar war Anfang 2020 einer der Ersten, die auf die Gefahr einer Pandemie durch das Coronavirus hingewiesen haben. Der Infektionsexperte sprach anlässlich der Ausbreitung der Affenpocken im Interview mit der Süddeutschen Zeitung über künftige Krankheitsausbrüche und die Bedeutung von Präventionsmaßnahmen.

Laut Farrar könne man „Affenpocken, Covid und andere Erkrankungen der vergangen Jahre auf eine Handvoll Schlüsselfaktoren zurückführen“. Der Direktor der britischen Stiftung Wellcome Trust nennt Umweltveränderungen, den Verlust der Biodiversität, die Urbanisierung und Vernetzung der Städte als Ursachen von Ausbrüchen.

„Unser Verhalten ändert sich, das Verhalten von Tieren ändert sich. Als ich ein Kind war, habe ich nie einen Fuchs in einer Stadt gesehen. Jetzt sind sie da. Fledermäuse bewohnen Pagoden, Tempel, Kirchen und Moscheen. Dort kommen Menschen zusammen, manchmal essen sie dort“, so der Spezialist.

Dringender Bedarf an Prävention

Insbesondere dicht besiedelte Städte seien anfällig, da sich Viren dort schneller verbreiten können. Angesichts der voranschreitenden Verstädterung bedeute das für die Zukunft, dass mit „häufigeren und komplexeren Epidemien“ gerechnet werden müsse. Im Gegensatz zur Pandemie begrenzt sich eine Epidemie auf eine spezifische Region und ist zeitlich begrenzt. Farrar sagt: „Seit etwa 1999 hatten wir alle zwei, drei oder vier Jahre eine regionale, nationale oder globale Epidemie. Die Affenpocken sind nicht Covid-19, sie werden keine Pandemie auslösen. Aber darin, wie schnell sie sich gerade über verschiedene Kontinente ausbreiten, kann man die Macht dieser häufigen und komplexen Epidemien sehen.“

Deshalb sehe der Infektionsexperte dringenden Bedarf an Prävention. „Wir dürfen nicht herumsitzen und auf die nächste Pandemie warten, sondern wir müssen immer Vorsorge betreiben, Tag für Tag für Tag.“ Dazu brauche es geschultes sowie ausreichend Personal. Auch nennt Farrar ein konstantes Monitoring sowie die Fähigkeit seitens Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, auf solche Krisen reagieren zu können, als wichtige Maßnahmen.

Mit Blick auf die aktuelle Pandemie durch das Coronavirus hält der Experte das Szenario am wahrscheinlichsten, in dem das Virus sich zwar weiter verbreitet, jedoch die Impfstoffe nach wie vor vor schweren und tödlichen Verläufen schützen.

Die Welt „so verletzlich“ wie noch nie?

Allerdings sollten zwei weitere Möglichkeiten nicht ausgeschlossen werden. Eine Option, so Farrar, sei eine „neue Virusvariante, die den Impfschutz umgeht. Dies ist nicht wahrscheinlich, aber möglich“. Daher halte er es für schwierig, „dass einige Länder bereits das Monitoring und die Genomüberwachung zurückfahren“. „Stellen Sie sich vor, in zwei Jahren kommt eine neue Variante, gegen die die Impfstoffe nicht helfen. Und wir fangen wieder mühsam von vorne an, Vakzine zu entwickeln. Die Gesellschaft würde uns das nie verzeihen.“

Die andere Option sei eine zweite Epidemie. Schließlich verändern sich Viren konstant. Dies sei in Kombination mit der derzeitigen geopolitischen Lage brisant, wie Farrar sagt: „China ist vor allem wegen Covid in einer schwierigen Situation, mit Russland ist die Beziehung schwierig.“ Eine länderübergreifende Zusammenarbeit sei jedoch essentiell, um etwa Informationen über aktuelle Grippestämme oder Entwicklungen in der Tiergesundheit auszutauschen. Die Welt sei laut dem Experten „so verletzlich“ wie er es noch nie erlebt habe. „Wir sehen gerade nicht, was in Teilen der Welt zirkuliert oder zirkulieren könnte.“

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