Dicke Kinder, weil Eltern Umweltgiften ausgesetzt waren? So funktioniert epigenetisches Übergewicht

Dickmacher Umweltgifte: Wie Eltern epigenetisches Übergewicht an Kinder vererben
Foto: Colourbox.de

Laut neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen fördern Umweltgifte Übergewicht, indem sie unseren Stoffwechsel beeinflussen. Wie genau das funktioniert und welche Gifte diese Wirkung haben, erfährst du hier.

Pestizide, Bisphenol A (BPA), Luftverschmutzung – die Liste an Umweltgiften, die uns tagtäglich begegnen, ist lang. Dass diese Stoffe gesundheitlich problematisch sind, ist längst bekannt. So kann BPA laut dem BfR beispielsweise unsere Leber und Nieren schädigen. Pestizide können krebserregend wirken und unseren Hormonhaushalt stören. Und verschmutzte Atemluft begünstigt Atemwegserkrankungen.

Nun gibt es Hinweise auf eine weitere negative Auswirkung der giftigen Stoffe: Mehrere Forschungsergebnisse legen die Vermutung nahe, dass Umweltgifte die Fähigkeit unseres Körpers stören, das Körpergewicht zu regulieren. Sie können also einen erhöhten Appetit und damit Übergewicht fördern. Da sie teilweise direkt unser Genmaterial verändern, können sich diese chemischen Folgen auch an nachfolgende Generationen vererben. Die Forscher:innen rufen dazu auf, diese Ergebnisse in der Medizin stärker zu beachten, um Übergewicht effektiver bekämpfen oder vermeiden zu können.

Umweltgifte und unser Stoffwechsel

Umweltgifte fördern Übergewicht und erschweren es uns wieder abzunehmen. Dies legen drei wissenschaftliche Reviews nahe, die von über 40 Forschenden erstellt wurden. Die Forschenden beziehen sich in ihren Schlussfolgerungen auf etwa 1400 durchgeführte Studien.

Umweltgifte können sich dabei auf unterschiedliche Weise auf unseren Stoffwechsel und unser Gewicht auswirken: Einige Gifte können direkt die Anzahl in Fettzellen in unserem Körper beeinflussen. Andere stören unser Sättigungsgefühl. Wir essen dann immer weiter, da wir nie wirklich satt sind. Manche Umweltgifte beeinflussen auch die Funktion der Schilddrüse oder unsere Darmflora. Die veränderte Darmflora nimmt dann mehr Kalorien aus der verdauten Nahrung auf, als gewöhnlich. Ähnliche Wirkungen haben zum Beispiel auch Süßstoffe.

Besonders für Kinder sind diese chemischen Veränderungen gefährlich: Sind wir bereits im Mutterleib und den frühen Jahren unserer Entwicklung den Umweltgiften ausgesetzt, sind die Folgen für unseren Stoffwechsel eventuell irreversibel. Wir neigen dann bereits zu Beginn unseres Lebens stärker zu Übergewicht und haben Probleme, Gewicht zu verlieren. 

Manche Gifte können Übergewicht auch über Generationen hinweg begünstigen. Sie verändern dann durch die Epigenetik unsere Gene, die wir an unsere biologischen Kinder vererben. Eine Studie aus dem Jahr 2021 deckte in etwa auf, dass Übergewicht bei Frauen stark davon abhängt, wie viel DDT ihre Großmütter ausgesetzt waren – obwohl die Enkelinnen nie selbst Kontakt zu dem Pestizid hatten.

Welche Umweltgifte fördern Übergewicht?

Auch in Möbeln können sich Umweltgifte verstecken.
Auch in Möbeln können sich Umweltgifte verstecken.
(Foto: CC0 / Pixabay / Skitterphoto)

Die Forschenden beziehen sich in den veröffentlichten Berichten auf etwa 50 Umweltgifte, die die beschriebenen Effekte haben sollen. Sie begegnen uns im Alltag fast überall, zum Beispiel in Verpackungen, in der Luft und im Staub, im Wasser, Haushaltsprodukten oder elektronischen Geräten. Dazu zählen:

  • BPA(ein Bestandteil von Kunststoff)
  • Phthalate (Weichmacher)
  • Pestizide
  • Flammschutzmittel
  • Dioxine, die sich zum Beispiel in den Abgasen von Benzinmotoren befinden
  • Schadstoffe in der Luft (zum Beispiel Abgase, Dämpfe oder Rauch)
  • PFAS (sogenannte „Forever chemicals„, die sich zum Beispiel in Verpackungen oder Möbeln befinden, biologisch nicht abbaubar sind und sich in unseren Körpern ansammeln)

In Anlehnung an das englische Wort „obesity“ bezeichnen die Forschenden diese Umweltgifte auch als Obesogene. Sie kritisieren, dass die Resultate bislang kaum in der dominanten medizinischen Forschung beachtet werden. Dort gelte noch immer die Annahme, Übergewicht entstehe lediglich durch zu viele Kalorien und zu wenig Sport. Somit machen Mediziner:innen oft die Menschen selbst für ihre Misserfolge bei der Gewichtsregulierung verantwortlich.

Die Untersuchungen der Umweltgifte können nun jedoch genauer erklären, warum es Menschen zunehmend schwerer fällt, gesund und ausgewogen zu essen. Schließlich hat sich die Anzahl an Personen, die unter Übergewicht leidet, seit 1975 verdreifacht. Aktuell sind weltweit fast zwei Milliarden Erwachsene davon betroffen. Laut den Forschenden sind Obesogene zu etwa 15 bis 20 Prozent dafür mitverantwortlich.

Fazit: Was sollen wir tun?

Um Übergewicht global besser kontrollieren zu können, müssen Staaten die Ausbreitung der Obesogene laut Meinung der Wissenschaftler:innen besser eindämmen. So können Regierungen beispielsweise die Zugabe von bestimmten Giften in Konsumgütern stärker beschränken und überwachen. In Deutschland und der EU ist dies bereits bei vielen Chemikalien der Fall. Eine Verordnung regelt beispielsweise, wie hoch die Menge an BPA maximal sein darf, die aus der Verpackung in ein Nahrungsmittel übergeht. Dieser Wert beträgt aktuell 50 Mikrogramm pro Kilogramm Lebensmittel.

Besonders Schwangere sollten versuchen die beschriebenen Umweltgifte zu meiden. Auch Eltern sollten Kinder vor allem in den ersten Lebensjahren von den Chemikalien fernhalten. Dafür ist jedoch zunächst einmal eine bessere Aufklärung in der Gesellschaft notwendig.

Aktuell zeigen sich die Forschenden besorgt: Die Problematik bekommt aktuell zu wenig Aufmerksamkeit und verschlimmert sich dadurch eher, als dass sie sich verbessert.

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