Obike: Alle regen sich über gelbe Leih-Räder auf – und sind blind für das eigentliche Problem

Obike Leih-Räder, Bike-Sharing Problem
Foto: © CC0 Public Domain - Greasepaintxx

Von einer Invasion, Überschwemmung oder gar der „gelben Pest“ ist die Rede – ganz Deutschland ist genervt von den schwarz-gelben Leih-Rädern, die man derzeit in vielen Großstädten sieht. Dabei wäre diese Aufregung woanders besser aufgehoben.

Die Leih-Räder der Firma Obike aus Singapur breiteten sich quasi über Nacht in Deutschland aus: In München, Frankfurt, Berlin und Hannover wurden die Räder verteilt. Insgesamt 30.000 Obikes sollen es in Deutschland und den Niederlanden insgesamt sein.

Es gibt zwar zahlreiche weitere Verleihsysteme, allerdings fällt der asiatische Anbieter besonders negativ auf. Wegen der schlechten, weil extrem billigen Bauweise scheinen Obikes öfter zu stehen als zu fahren – und genau das ist im Moment ein ziemlicher Aufreger. Die Obikes stehen in Parks, blockieren Radwege, verstopfen Gehwege und versperren die Zugänge von Schulen und U-Bahn-Stationen.

Verstopft, blockiert, versperrt: Leihräder wie Obike sind nicht das Problem

Dabei sind die Leih-Räder nur ein kleines Problem. Während sich alle darüber beschweren, dass sie es sind, die unsere Städte blockieren und zustellen, sind sie blind für die eigentlichen Platzräuber.

Obike Leih-Räder, Bike-Sharing Problem
Die Räder des asiatischen Anbieters Obike machen sich in deutschen Städten breit. (Foto: Pixabay unter CC0 Public Domain)

Tatsächlich teilen wir uns die Stadt nicht mit 30.000 Obikes – sondern mit 64 Millionen Autos. Mit ihnen konkurrieren wir um Wohnraum, um Grünanlagen, um Spielplätze und Parks – um Raum zum Leben.

Nicht die Obikes, sondern die Massen an Autos sind es, die unsere Innenstädte zuparken, Fahrradwege und Straßenränder blockieren und öffentliche Flächen einnehmen, die immer knapper werden.

Obikes verpesten weder die Luft noch machen sie Lärm

Statt darüber zu diskutieren, wie man den „Leihfahrrad-Wildwuchs“ in den Griff bekommen könnte, sollten sich die Städte deshalb lieber mit dem Auto-Wildwuchs beschäftigen. Denn trotz der Debatte um umweltschädliche Verbrennungsmotoren werden in Deutschland immer mehr Autos angemeldet: 2018 gab es 1,1 Millionen Fahrzeuge mehr als im Vorjahr.

Über 700.000 Fahrzeuge kommen zum Beispiel in München auf 1,4 Millionen Einwohner. Jeder zweite hat hier ein Auto. Das nimmt nicht nur Platz weg, sondern verpestet auch die Luft: Laut Umweltbundesamt (UBA) wurden 2017 in der bayerischen Landeshauptstadt im Jahresmittel 78 Mikrogramm NO2 (Stickstoffdioxid) pro Kubikmeter Luft gemessen – der Grenzwert liegt bei 40 Mikrogramm. Danach kommt Stuttgart mit 73 Mikrogramm und Köln mit 62 Mikrogramm.

Der Verkehr trägt zur Luftverschmutzung bei
In Deutschland werden immer mehr Autos zugelassen. (Foto: © Thaut Images - Fotolia.com)

Ein weiteres Problem: Autos sind extrem laut – der Straßenverkehr ist dem UBA zufolge auch die dominierende Lärmquelle in Deutschland. Über die Hälfte der Deutschen sind tagsüber einem Pegel von 55 Dezibel (dB(A)) ausgesetzt.

2,5 Millionen Menschen müssen sogar 65 dB(A) ertragen. Das entspricht dem Krach einer gut gefüllten Kantine. Der Autolärm ist extrem störend, viel schlimmer ist aber, dass er Stress verursacht und unsere Gesundheit gefährdet: 4.000 Herzinfarkte pro Jahr führt das UBA auf den Verkehrslärm zurück.

Wir brauchen bessere Bedingungen zum Fahrradfahren

Die Lösung für das Auto-Problem ist einfach: Mehr Menschen müssen aufs Fahrrad umsteigen. Bike-Sharing wäre das perfekte Mittel dafür.

Dazu muss sich zum einen die Fahrradinfrastruktur verbessern: Es braucht überall breite, gut ausgebaute und ausgeschilderte Radwege, möglichst getrennt von der Straße. Zudem Radschnellwege und Fahrrad-Vorrangrouten, damit Pendler zügig vorankommen und Fahrradparkhäuser an allen Bahnhöfen.

Zum anderen sollten Fahrrad-Verleih-Systeme öffentlich gefördert und mitfinanziert werden. Nur so können Qualität und Verlässlichkeit des Angebots gesichert werden, sagt der deutsche Fahrrad-Club ADFC. Damit man es schafft, Autofahrer aufs Fahrrad zu bekommen, muss das Leihen einfach und günstig, die Räder funktionstüchtig und verfügbar sein.

Greenpeace-Studie Verkehrswende - Verkehr ohne Erdöl
Wir brauchen eine Verkehrswende. (Foto: CC0 Public Domain / Unsplash.com - Andrew Gook )

Andere Städte zeigen, dass es funktioniert

In Paris etwa werden Leihräder aufgrund des großen Angebots durchschnittlich mehr als zehn Mal am Tag genutzt. Laut der Studie Bikeplus Survey aus dem Jahr 2017 haben in Großbritannien fast ein Viertel der Leihradnutzer vorher gar kein Fahrrad benutzt, jeder fünfte Befragte wäre ohne Leihrad einfach mit dem Auto gefahren.

Statt sich also lautstark darüber zu beschweren, dass Bike-Sharing-Anbieter ungehindert in den Markt drängen, sollte man das eigentliche Problem anpacken: Fahrradfahren attraktiver machen, damit Autofahren unattraktiver wird – und sich die Lebensqualität in den Städten endlich wieder verbessert. Lies dazu auch 5 gute Gründe, Fahrrad statt Auto zu fahren.

In München war die Aufregung über die Obikes übrigens besonders groß. Der Vorsitzende des ADFC München, Martin Glas, hält es für gut möglich, dass das vor allem daran lag, weil die Münchner plötzlich keinen Platz mehr gehabt hätten, um ihre SUVs auf dem Gehweg zu parken.

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(8) Kommentare

  1. Es ist keine Lösung Autofahrer noch mehr in ihrer Freiheit zu beschränken. Dann spitzt sich die Lage eher mehr zu als dass die Situation für alle erträglicher wird.

    Besser wäre es zum Beispiel, wenn vernünftige Park&Cycle Parkplätze für Pendler geschaffen, würden die außerhalb den Städten liegen und dort Leihradstationen einzurichten. Ganz wichtig und hilfreich wäre bestimmt auch eine RADWEGPFLICHT einführen! Es kann nämlich echt nicht sein, dass Radfahrer, obwohl wunderbare Fahrradwege vorhanden sind, trotzdem auf der Straße fahren und so andere Verkehrsteilnehmer gefärden! Zudem wäre es sinnvoll die Mitnahme von Fahrrädern in öffentlichen Verkehrsmitteln zu erleichtern, so wie in Kopenhagen zum Beispiel.

  2. @ brilona
    Eine Radwegepflicht muss nicht eingeführt werden, da es bereits Pflicht ist, einen Radweg zu benutzen, sobald einer vorhanden ist.

    Radwege sind aber NUR die Wege, die mit Schildern (weißes Fahrrad auf blauem Grund) als solche markiert sind.
    Kein Schild – Kein Radweg!

    Ich weiß ja nicht wo Sie wohnen, aber hier in Berlin sind „wunderbare Fahrradwege“ absolute Mangelware.

    Es gibt statt dessen viele Streifen auf Fußwegen, die farbig abgesetzt sind und aussehen, als wenn man mit dem Rad dort gut fahren kann.

    Aber wie gesagt: Kein Schild – Kein Radweg!
    … und der Radfahrer MUSS sogar auf der Strasse fahren.

    Also bitte erst genau schauen, bevor man meckert! (gilt für Auto- UND Radfahrer und auch für Fußgänger)

  3. Sehr „treffender“ Kommentar,aber wie immer sind die meisten Leute „blind“ ,was ihr liebstes „Spielzeug“ angeht ,ihrem „heilig’s Blechle“!
    Anmerk.,:Jedoch bin ich auch der Meinung ,dass diese verwahrlosten Bikes ,ebenfalls „entfernt“ werden!“Wir schaffen das“?

  4. Wir brauchen nicht nur bessere Bedingungen für Fahrradfahrer, sondern generell weniger Fahrzeuge auf den Straßen und in kleineren Ortschaften eine lebennahe Infrastruktur.

    Der Gaul wird m. E. auch hier wieder von hinten aufgezäumt, den Autofahrern die Schuld zugeschoben. Nicht zu bestreiten ist, daß durchaus viele sinnlos in der Gegend herumfahren, obwohl sie für diese Fahrten ein Radl benutzen oder Fahrgemeinschaften nutzen könnten.

    ABER …

    => wieviele völlig überflüssige Konsumgüter werden unnötig über (nicht nur) Deutschlands Straßen transportiert, LKW an LKW (Klamotten, Plastikkram, Kosmetika, neue Autos usw.). Würden wir hirnvoller konsumieren, würde so mancher LKW weniger fahren müssen.
    Auch weil so gut wie keine Lagerhaltung mehr praktiziert (diese wurde definitiv auf die Straße verlegt), wird jedes Teil einzeln von A nach B transportiert.

    => von Arbeitgebern wird oftmals erwartet, daß man als Arbeitnehmer gefälligst voll flexibel zu sein hat. So kann man auch schwer Fahrgemeinschaften schaffen oder nutzen.

    => Es gibt in Deutschland etliche Strecken, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr sehr schlecht zurückzulegen sind. Zigmal umsteigen, nur ein paar wenige Minuten Umsteigezeit (und das bei der Unzuverlässigkeit der Bahn), hohe Fahrtkosten und teils völlig überfüllte Züge. Da kann man schnell mal für 400 km Entfernung fast einen Tag unterwegs sein und danach völlig geschafft sein.

  5. Nur weil Autos ein noch größeres Problem darstellen, wird die Pest der Leihäder dadurch nicht geringer.
    Mit der Argumentation könnte man ansonsten jedes Problem verdrängen und negieren.

  6. ./. auch wenn der o.a. Beitrag zu den gelben bikes eine Argumentation sein kann,,,,
    warum fragt sich eigentlich niemand WARUM diese bikes alle – wie man sehen kann -mutwillig zerstört! wurden und überall in der Landschaft auch in entlegendsten Gegenden „entsorgt“ werden……?…..

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