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Oxfam zeigt unfaire Handelspraktiken von Supermarktketten auf

Foto: CC0 Public Domain / Pixabay - Alexas_Fotos

Unfaire Handelspraktiken von Supermarktketten haben fatale Folgen für alle Glieder einer Lieferkette. Oxfam hat über 100 unfaire Konditionen in einer „Knebelliste“ zusammengetragen.

Der Bundestag berät aktuell über ein Gesetz zur Umsetzung der EU-Richtlinie 2019/633 zu unfairen Handelspraktiken, das am 1. März 2021 in Kraft treten wird. Die Hilfsorganisation Oxfam hat das zum Anlass genommen mittels einer Umfrage aufzudecken, wie die momentane Situation bei Zulieferern aussieht.

Befragt wurden Zulieferer deutscher Supermärkte, Discounter, Biomärkte und Drogerien. Oxfam hat allen Beteiligten der Umfrage zugesichert, dass sie anonym bleiben. Denn viele der Unternehmen haben Angst den Abnehmer zu verlieren, wenn sie öffentlich über die Konditionen sprechen.

Die Ergebnisse der Umfrage

Oxfam hat aus den Antworten aus der Umfrage eine sogenannte „Knebelliste“ definiert, auf der mehr als 100 fragwürdige Konditionen gelistet sind. Die unfairen Handelspraktiken reichen von aufgezwungenen Renovierungs- und Expansionsboni bis hin zu Ausgleichsrabatt und Ertragsausgleich.

„Lieferanten müssen also zahlen, wenn der Supermarkt eine Filiale renoviert, sie bezahlen Abschläge, wenn Erträge hinter den Erwartungen des Handels zurückbleiben und wenn Waren nicht vor dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums verkauft sind, müssen sie die Kosten ebenfalls mit übernehmen“, so die Agrarexpertin von Oxfam Deutschland, Marita Wiggerthale.

Weitere Beispiele aus der Knebelliste:

  • Open-Book-Forderung

Der Supermarkt verlangt, dass der Lieferant einseitig seine Kalkulation offenlegt (und verweist dabei auf Vertrauen und Transparenz). Wenn der Lieferant das tut, benutzt er das gegen ihn, indem er behauptet, dass „da noch Luft“ sei, dass einzelne Komponenten der Kalkulation in diesem Falle nicht gelten würden oder dass der Lieferant noch etwas einsparen könnte.

  • Investitionszuschuss

Übernahme von Investitionen, die üblicherweise ein Unternehmen selbst tätigt, um zukunftsfähig zu bleiben, wird dem Zulieferer aufgezwungen.

  • Beteiligung an Spendenaktionen

Verpflichtende Beteiligung an Spendenaktionen, mit dem sich die Handelskette in der Öffentlichkeit als sozial gibt.

  • Hochzeitsbonus oder Synergiebonus

Nach einer Übernahme nötigt die Supermarktkette den Lieferanten, sich an den damit einhergehenden Kosten der Zusammenführung zweier Unternehmen zu beteiligen.

  • Rückwirkende Konditionenänderungen

Nach Vertragsabschluss ändert die Supermarktkette einseitig und rückwirkend die Einkaufskonditionen und fordert niedrigere Preise oder zusätzliche Zahlungen.

Die Folgen von unfairen Handelspraktiken

Supermarktketten drücken durch ihre Bedingungen den Preis und zwingen ihre Zulieferer Kosten zu übernehmen, die bei ihnen selbst anfallen. Die Marge für die Lieferanten wird immer kleiner. Die Preissenkung und den Kostendruck geben sie weiter an die Erzeugerfirmen und die wiederum weiter an die Arbeiter:innen.

Den wahren Preis zahlen letztendlich vor allem landwirtschaftliche Familienbetriebe, die dann zu wenig Geld für ihre Waren bekommen. Zudem werden Arbeiter:innen ausgebeutet und müssen unter gesundheitsschädlichen Bedingungen für Hungerlöhne arbeiten, zum Beispiel auf Bananen-, Trauben- und Teeplantagen. „Faire Lieferbeziehungen sind zentral, um echte Verbesserungen für die Plantagenarbeiter:innen und kleinbäuerlichen Erzeuger:innen zu bewirken“, heißt es im Factsheet von Oxfam.

Die internationale Arbeitsorganisation International Labor Organisation (ILO) hat 2017 bereits eine Umfrage mit 1.454 Lieferanten aus 87 Ländern veröffentlicht. Diese kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie Oxfam: Unfaire Handelspraktiken führen zu einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Fast 40 Prozent der Lieferant:innen nahmen Aufträge an, obwohl sie damit ihre Produktionskosten nicht decken können.

Vereinzelt auch bessere Konditionen

Insgesamt hat sich die Situation in den vergangenen zehn Jahren verschlechtert. Aber dennoch variieren die Erfahrungen der Zulieferer.

Einzelne berichten, dass sie sogar Preiserhöhungen durchsetzen konnten, wenn aus Sicht des Supermarktes ihre Verkaufsmenge nicht wesentlich zu den Umsätzen beitrug. Ebenso konnten Erzeuger:innen bessere Preise aushandeln, wenn es keinen Überschuss der Produkte auf dem Markt gibt oder sie das Produkt als hochwertig platzieren konnten. Um welche Supermarktketten es sich dabei handelt, ist jedoch unbekannt, denn in der Umfrage wurde von Oxfam nicht explizit nach dem Abnehmer gefragt, um keine Rückschlüsse auf die Lieferanten zu ermöglichen.

Unfaire Handelspraktiken führen zu Ausbeute
Unfaire Handelspraktiken führen zu Ausbeute zum Beispiel in der Weinernte (Foto: © C. Becker / Oxfam Deutschland)

Unfaire Handelspraktiken: Die Politik muss handeln

Lieferanten wünschen sich von den Supermarktketten faire Verhandlungen, bei denen beide Seiten auf Augenhöhe miteinander sprechen können, ohne Druck, ohne die einseitige Ausübung von Macht. Sie wünschen sich Handelskonditionen, mit denen beide Seiten einverstanden sind und durch die beide Seiten mit den Erträgen zurechtkommen.

Oxfam fordert, unfaire Handelspraktiken generell zu verbieten. Zusätzlich müsse es eine Liste geben, auf der unfaire Handelspraktiken abgebildet sind. Diese müsse auch regelmäßig aktualisiert werden, damit Supermarktketten nicht immer wieder Schlupflöcher für sich finden. Dafür braucht es eine Stelle, an die sich Zulieferer anonym wenden können, um Dumpingpreise und unfaire Praktiken zu melden. Und eine zusätzliche Stelle, die Preise beobachtet und Richtwerte entwickelt. Denn die „Verkaufspreise im Laden sollten die Deckung von Produktionskosten innerhalb der Lieferkette erlauben – dazu gehören auch existenzsichernde Preise und Löhne“, so Marita Wiggerthale von Oxfam.

Utopia meint: Die Recherche von Oxfam zeigt einmal mehr, warum niedrige Preise im Supermarkt kein Grund zur Freude sind. Die Praktiken der Handelsketten sind unfair – doch auch wir Konsument:innen tragen dafür Verantwortung. Wenn wir als Kund:innen nicht bereit sind, vernünftige Preise für Lebensmittel zu bezahlen, machen wir es den Supermärkten schwer, faire Preise and die Lieferanten zu zahlen. Wählen wir dagegen bewusst hochwertige, möglichst fair produzierte Produkte, zeigen wir, dass uns die Produktionsbedingungen etwas wert sind.

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