Elektrofahrrad: wie grün ist das E-Bike wirklich?

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Das E-Bike ist voll im Trend, doch die Frage bleibt: Ist ein Pedelec oder Elektrofahrrad denn jetzt wirklich ökologisch – oder doch nicht? Utopia klärt auf.

Ohne lang und breit über das „kommt drauf an“ zu philosophieren, lassen sich einige Fakten nennen. Denn das E-Bike ist natürlich umweltfreundlicher als ein Auto, es verbraucht aber mehr Ressourcen als ein Fahrrad oder ein Paar Schuhe.

Den Ausschlag geben am Ende Bedarf und verantwortungsbewusste Nutzung. Ein Blick auf die Ökobilanz kann helfen: Wieviele (und welche) Ressourcen sind für die Herstellung nötig, wie hoch ist die Umweltbelastung im Gebrauch, wie hoch bei der Entsorgung? Und welche ideologischen Effekte kann das E-Bike eventuell positiv verbuchen, weil es Elektromobilität und die Akzeptanz von Radverkehr fördert?

E-Bike: Seltene Erden statt Matsch am Rad

Typisches E-Bike: Delite rohloff
Typisches E-Bike: Delite rohloff (Foto: Riese & Müller)

Ob E-Bike oder herkömmliches Fahrrad: Es besteht größtenteils aus Metall – Stahl und Aluminium – und Kunststoffen. Selbst wenn recycelte Komponenten eingesetzt werden, sollte ein langer Nutzungszyklus das Ziel sein, sowie eine lokale Produktion, in der möglichst hohe Umweltstandards eingehalten werden.

Eine Pulverbeschichtung etwa ist lösemittelfrei, auch bei der Kunststoffverarbeitung für Reifen etc. können zahlreiche problematische Stoffe zum Einsatz kommen. Beim E-Bike kommt dann noch der Bereich Elektronik dazu, zum einen rund 2,5 Kilogramm für den Akku, zum anderen Kabel, Display, Chips – für die Pedelec-Funktionen ist ein echter kleiner Computer nötig.

Spätestens seit dem Versuch der fairen Computermaus (nager-it.de) ist bekannt, dass es derzeit nicht möglich ist, diese ganzen Komponenten zuverlässig aus sozialverträglichen und umweltfreundlichen Quellen zu beschaffen. Das Fahrrad ohne Elektro ist immer grüner.

100 gesparte Autokilometer machen 1 E-Bike-Akku wett

Ein Elektrofahrrad kostet mehr als ein herkömmliches Fahrrad, nicht nur an der Kasse, sondern auch Ressourcen im Betrieb. Den Akku des E-Bike mit Ökostrom zu speisen ist für den umweltbewussten Elektrofahrer ein Muss, 0,5 bis zwei Kilowattstunden (rund zehn bis 40 Cent) werden dann je 100 Kilometer fällig, u.a. abhängig von Streckenbeschaffenheit und Fahrweise.

Ein Kleinwagen verbraucht rund 40 bis 80 Kilowattstunden auf 100 Kilometer, die reinen Energiekosten sind also zehn bis 20 Mal höher. Laut Umweltbundesamt (UBA) sind die Emissionen aus Akkuproduktion und -recycling zudem nach bereits 100 E-Bike-Kilometern eingespart, wenn dafür 100 Pkw-Kilometer eingespart werden. Für die Ökobilanz ist jedoch auch wichtig, wie lange der Akku des E-Bikes hält und ob die Rohstoffe recycelt werden oder sich die Seltenen Erden in Rauch auflösen.

Besser als fliegen: Urlaub mit dem Elektrofahrrad
Besser als fliegen: Urlaub mit dem Elektrofahrrad (Foto: Pressedienst Fahrrad )

E-Bikes gibt es noch nicht lange, somit auch keine Langfristerfahrung. Nutzungsdauern von Fahrradklassikern werden sie aber voraussichtlich nie erreichen. Denn auch die normalen Antriebsteile werden viel stärker beansprucht, worauf die Hersteller bislang keine Antwort gefunden haben: Mit rund 100 Watt Dauerleistung tritt ein sportlicher Fahrer in die Pedale, beim Elektrofahrrad sind es dagegen über 300 Watt. Kette und Zahnräder sind für solche Belastungen nicht gut geeignet, doch auch E-Radfahrer achten auf Gewicht, was nicht selten auf Kosten der Langlebigkeit geht.

Elektrofahrrad-Akkus: Entsorgung, Re- oder Downcycling?

E-Bike-Akkus zählen zu den Industriebatterien. Die gute Nachricht ist, dass die Importeure zu ihrem Recycling verpflichtet sind, sie dürfen nicht einfach verbrannt werden (= thermische Verwertung).

Die schlechte Nachricht ist jedoch, dass die Recycler in der Kategorie „Sonstige Batterien“ nur 50 Prozent recycelte Stoffe nachweisen müssen – und diese Quote derzeit auch kaum zu steigern ist. Denn Li-Ionen-Akkus enthalten viele verschiedene Stoffe in Kleinstmengen – wobei die Hersteller bemüht sind, diese Mengen u.a. aus Gewichtsgründen noch weiter zu reduzieren – und der Recyclingaufwand ist sehr hoch bei einer nur geringen Nachfrage.

Mit dem E-Bike ins Büro
Mit dem E-Bike ins Büro (Foto: © Melinda Nagy - Fotolia.com)

Obwohl in den vergangenen Jahren zunehmend mehr Li-Ionen-Akkus verkauft wurden, kamen sehr viel weniger bei den Sammelstellen zurück. Dies könnte daran liegen, dass sie noch genutzt werden, aber auch, dass viele Verbraucher schwache oder defekte Akkus zuhause lagern, statt sie dem Recycling zuzuführen, nach dem Motto „für die lange Radtour habe ich dann noch eine Reservebatterie“.

Eine andere Alternative zur Verwendung von schlappen – nicht defekten – Akkus sehen sogenannte Second-Life-Konzepte vor: Gesunkene Kapazität schränkt den Radius des Radlers stark ein, schwache Batterien können aber noch für andere Anwendungen, etwa in Hausspeichersystemen gute Dienste leisten. Auch diese Ansätze stecken aber noch in den Kinderschuhen.

Elektrorad ersetzt Auto – nur ein frommer Wunsch?

Ein oft gehörtes Argument für das Elektrofahrrad ist das Ziel, das (eigene) Auto zu ersetzen, weil sich der mit dem Rad erschließbare Radius vergrößert. Ein Blick in die Statistik zeigt jedoch: 2015 wurden in Deutschland über 3,7 Mio. Kraftfahrzeuge neu zugelassen, 6,4 Prozent mehr als im Vorjahr, der Bestand erhöhte sich damit um 1,5 Prozent. Auch die E-Bike-Verkäufe erreichten mit 535.000 Rädern zwar nicht den Rekordstand aus 2012, immerhin aber 11,5 Prozent mehr als in 2014. Die These, dass das Elektrorad zum Abschaffen des Autos führt, lässt sich damit trotzdem nicht so einfach belegen. Vielmehr entscheiden vor allem Schönwetterperioden für einen allgemein wachsenden Absatz und den Gebrauch von Fahrrädern.

Checkliste: E-Bike kaufen und umweltfreundlich nutzen

Hier eine kleine Checkliste für E-Bike-Interessierte:

  • Kauf ein technisch ausgereiftes E-Bike-Modell, das sich in der Praxis bewährt hat und ohne technischen Schnickschnack auskommt. Hilfe bietet zum Beispiel die E-Bike-Kaufberatung des VCD auf e-radkaufen.vcd.org.
  • Dämpfe die Erwartungen: Herstellerangaben von Reichweite und maximalen Ladezyklen solltest du eher halbieren, besonders bei Vorjahresmodellen (Akkus altern mit der Zeit)
  • Nutze den Akku nur zwischen zehn und 90 Prozent seiner Kapazität, wenn das Batteriemanagementsystem des E-Bikes dies nicht automatisch erledigt (geht auf Kosten der Reichweite).
  • Kalkuliere beim Kauf eines E-Bikes einen hohen Preis für einen Ersatzakku ein.
  • Pflege dein Elektrofahrrad. Halte Herstellerangaben zur Akkupflege möglichst genau ein.
  • Bringe ausgediente Akkus zum Recycling oder einer geeigneten Weiterverwendung (siehe auch Akku-Ratgeber des UBA).
  • Ein E-Bike lange zu nutzen verringert seinen ökologischen Abdruck. Sinnvoll ist daher, ein E-Bike gebraucht zu kaufen.

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(7) Kommentare

  1. Die Aussage „Ein Kleinwagen verbraucht rund 40 bis 80 Kilowattstunden auf 100 Kilometer“ stimmt bei Elektroautos nicht. Meines Wissens liegt der Verbrauch zwischen 15 und 25 kWh pro 100 km, je nach Fahrzeug und Fahrweise.

  2. Ich denke, es soll hier eher der Vergleich zum Verbrenner (nicht nur energetisch, sondern auch Schadstoff-bezogen) aufgezeigt werden. Vielleicht kann uns die Redaktion weiterhelfen?

  3. Danke Berno, danke Wännä für die Hinweise: es ist tatsächlich der PKW mit Verbrennungsmotor gemeint, der ja derzeit auf unseren Straßen die Regel ist. Dessen Energiebilanz ist abwärmebedingt immer noch sehr bescheiden…

  4. Ein Pedelec ist nur dann sinnvoll/nachhaltig wenn es ein Auto, Motorrad oder Roller ersetzt. Ansonsten macht es keinen Sinn sich so etwas, als gesunder Mensch, zu zulegen. Denn Elektromobilität ist weit enfernt von umweltfreundlich oder CO2-neutral.
    Für einen Elektromotor und die Elektronik werden viele seltene Erden benötigt und wenn man googelt sieht man schnell wie zerstörerisch der Abbau und die Produktion für die Natur ist. Auch während der produktion wird viel Wasser und fossile Energie verbraucht. Deshalb in keinster Weise CO2 neutral-erstmal. Wenn das Pedelec eine weile-weiß nicht genau wie lange- in Betrieb ist, vermute mal mehr als 5 Jahre, ist der verbrauch von Umwelt wieder drin. Allerdings bei einem Fahrrad vermutlich schon innerhalb von Monaten. Das finde ich hätte in dem Text, auch wenn kurz erwähnt, stärker unterstrichen werden sollen.

  5. Hier geht es nicht um Fahrrad oder eBike, sondern um Auto oder eBike. Bei dem Vergleich gewinnt das eBike bei Strecken bis 15 Km eigentlich immer bei Kosten und Umweltverträglichkeit.

    Bevor ich mein eBike bekam, bin ich aus purer Bequemlichkeit meine 10 Km zur Arbeit und wieder zurück mit dem Auto gefahren. Mit dem normalen Fahrrad war mir das (da bin ich ehrlich) wegen der diversen Steigungen zu anstrengend und ich hätte zudem immer in der Firma duschen müssen. Mit dem eBike ist die Strecke ein Klacks und macht – mit Verlaub gesagt – auch tierisch Bock.

  6. Wenn man bedenkt, dass ein neuer Ersatz-Akku um die 500 bis 700 EUR kostet und ein neues E-Bike schon für unter 1000 EUR zu kaufen gibt, stellt man sich die Frage, neues E-Bike oder Ersatz-Akku. Sind E-Bikes Wegwerfartikel? Wo bleibt die Nachhaltigkeit? Ersatz-Akkus sind offensichtlich die profitabelsten After Sales Gewinne bei E-Bikes.

  7. Ich möchte den Blickwinkel mal kurz verändern: Der Mensch nimmt kostbare Nahrung zu sich. Die Aufbereitung ist im höchsten Maße ressourcenverbrauchend (insbesondere Energie für Transport und Zubereitung, aber auch Trinkwasser, usw.). Wenn nun durch die Nutzung des E-Bikes der Mensch weniger Kalorien verbraucht als zu Fuß oder mit einem Fahrrad ohne Motor (ich will ja von A nach B und keinen Sport machen), dann kann sich die Bilanz deutlich zugunsten der Elektromobilität sich verschieben. Immerhin hat z. B. ein Elektromotor einen Wirkungsgrad bei etwa 90 % während der menschliche Muskel nur 20 % Wirkungsgrad hat.

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