Lidl wirft Vittel raus: Jetzt reagiert Nestlé

Einweg-Plastik Lidl Nestlé
Foto: Utopia / Vipasana Roy

Ab Anfang November vertreibt Lidl kein Wasser der Vittel mehr. Jetzt äußert sich Nestlé zu den Spekulationen über die Beweggründe. Lies hier mehr dazu.

Lidl und Nestlé wollen das Mineralwasser Vittel in dem Discounter ab November 2021 nicht weiter verkaufen, berichtet das Manager Magazin. Da Lidl einer der größten Abnehmer von Nestlé Waters in Deutschland ist, kann das Ende des Vertrags ernste Folgen für Nestlé in Deutschland haben. Nachdem Medien und Umweltverbände in den letzten Tagen über die Gründe für das Vertrags-Aus gemutmaßt haben, stellt Nestlé klar: Sie reduzieren völlig freiwillig ihr Wassergeschäft.

Unternehmenssprecherin Isabel Hörnle äußert sich zur öffentlichen Kritik daran, dass wegen Nestlés Abpumpen seit Jahrzehnten der Grundwasserspiegel in Vittel sinkt: Die betroffene Grundwasserschicht der Bonne Source Quelle werde von mehreren Nutzern gleichzeitig verwendet. Der Erhalt sei demnach eine gemeinsame Herausforderung.

Seit einigen Jahren steht Nestlé wegen seiner Praktiken im Trinkwasservertrieb bei Umweltschützer:innen in der Kritik: Der Konzern schadet mit seinen Wasserprodukten der Umwelt, indem er Trinkwasser aus Grundwasserreservoirs entnimmt, so die Kritiker:innen, Einweg-Plastikflaschen herstellt und sogar teilweise illegal entsorgt.

Hinter der Entscheidung, den Vertrag zwischen Lidl und Nestlé nicht zu verlängern, stehen aber wohl keine ökologischen Absichten.

Vertrags-Aus zwischen Lidl und Nestlé – wegen Einwegplastik?

Steht das Geschäft mit in Plastik verpacktem Wasser vor dem Aus?
Steht das Geschäft mit in Plastik verpacktem Wasser vor dem Aus?
(Foto: CC0 / Pixabay / Hans)

Der Lebensmittelriese erklärt gegenüber Zeit Online, der Verkauf von Wasser in Plastikflaschen sei ein rückläufiges Geschäftsmodell. Das beeinträchtige seit Jahren Nestlés Umsatz. Ob auch der zunehmende Druck von Aktivist:innen zu der Entscheidung beigetragen hat, bleibt offen. Wie die Zeit berichtet, vermutet die Expertin für Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe allerdings, dass die öffentliche Kritik an den umweltschädlichen Vorgehen hier Wirkung gezeigt hat. 2019 vergab beispielsweise die Umwelthilfe den Negativpreis für die „unsinnigste Verpackung“ an das Mineralwasser Vittel.

Auch zur Nutzung von Grundwasser brodelt seit Längerem ein Konflikt mit den Anwohner:innen Vittels. Einem Bericht des ZDF-Magazins Frontal von 2018 zufolge hat die Bürgerinitiative Eau 88 aus Vittel mitaufgedeckt, dass Nestlé für das jahrzehntelange Absenken des Tiefengrundwassers dort verantwortlich ist. „Wir pumpen mehr Wasser ab, als sich natürlicherweise regenerieren kann, wodurch der Grundwasserspiegel seit dreißig Jahren jedes Jahr ständig sinkt“, sagte der Leiter der örtlichen Nestlé-Fabrik gegenüber dem ZDF selbst.

Sogar illegale Plastikmülldeponien auf Grundstücken von Nestlé im Raum Vittel wurden gefunden. Die Petition „Fordern Sie Nestlé auf, nicht weiter Vittels Grundwasser leerzupumpen“ konnte bereits über 250.000 Unterschriften sammeln.

Zur Kontroverse über den Grundwasserspiegel im Raum Vittel äußert das Unternehmen sich klar gegenüber der Zeit: Dies stehe in „keinem Zusammenhang“ mit dem Vertragsende. Lidl äußert sich dazu bisher nicht.

Schon davor: Umstrukturierungen bei Nestlé Waters

Das Abpumpen von großen Mengen Grundwasser kann die Wasserversorgung der lokalen Bevölkerung gefährden.
Das Abpumpen von großen Mengen Grundwasser kann die Wasserversorgung der lokalen Bevölkerung gefährden.
(Foto: CC0 / Pixabay / SatyaPrem)

Nestlé fördert bereits seit Juli 2020 nur noch halb so viel Tiefengrundwasser wie zuvor, berichtet die Zeit. In Zukunft will Nestlé also noch eine halbe Million Kubikmeter Wasser pro Jahr entnehmen und so ein „quantitatives Gleichgewicht bis spätestens 2027“ erreichen.

Weil der Konzern seit Langem massenhaft Wasser aus den schrumpfenden Trinkwasserreservoirs entnimmt, ist wohl sogar die Wasserversorgung der lokalen Bevölkerung Vittels gefährdet. Zeitweise war deswegen der Bau einer neuen Trinkwasserleitung nach Vittel im Gespräch. Ein Anwohner sagt gegenüber Frontal: „Das ist, als würde man Menschen am Atlantik vorschreiben, in einem Pool zu baden mit Wasser aus dem Mittelmeer“. Das Vorhaben wurde jedoch zurückgezogen, nachdem der Antikorruptionsverein Anticor Anzeige wegen illegaler Einflussnahme erstattet hatte.

Schon im Jahr 2019 hatte Nestlé angekündigt, seinen Wassersektor umzustrukturieren. Der Konzern will aus Quellen pumpen, wo es weniger umweltschädlich ist, hat sein Wassergeschäft in China verkauft und sich von seinen Wassermarken in den USA getrennt. Außerdem wurde der Hauptsitz von Nestlé Water France in Paris geschlossen und ein Plan erstellt, der den freiwilligen Abgang von rund 100 Mitarbeitenden in den Vogesen regelt.

Dem Handelsblatt zufolge ist die Wassersparte die ertragsschwächste des Konzerns. Ist das Vertragsende mit Lidl also ein Schritt in einer größeren Strategie von Nestlé, sich aus dem Wassergeschäft zurückzuziehen?

Lidl ist raus – folgen andere Supermärkte?

Derzeit sind noch keine Stellungnahmen zu der Angelegenheit bekannt. Möglicherweise erweist sich ja die Prognose des Handelsblatts, Mineralwasser in der Flasche sei ein „Auslaufmodell“, als wahr. Dann haben wir Hoffnung, dass auch andere Supermarktketten einen ähnlichen Schritt in Richtung Plastikfreiheit gehen – wenn auch nur aus rein ökonomischen Gründen. 

Utopia meint: Wasser im Ausland in Einweg-Plastikflaschen zu füllen und dann quer durch Europa zu transportieren, ist ökologisch eine Katastrophe: sowohl die Plastikflaschen als auch die Transportwege sowie der Eingriff in die Natur (sinkender Grundwasserspiegel). Das gilt besonders, wenn wie in Deutschland das Leitungswasser in einwandfreiem Zustand zum Trinken ist. Auch im restlichen Europa ist sauberes Trinkwasser weitestgehend verfügbar. BPA-freie Trinkflaschen sind ein sehr gute Alternative, um Leitungswasser auch unterwegs immer griffbereit zu haben:

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