Repair Cafés: Wegwerfen? Denkste!

Repair Cafés statt Wegwerfgesellschaft
Foto: © Martin Waalboer

Die Bewegung der Repair Cafés hat das Potenzial, unser Konsumverhalten zu verändern: Freiwillige rund um die Welt reparieren kaputte Bügeleisen, Lampenschirme und Wollpullover. So lernen Verbraucher, dass nicht jedes defekte Gerät gleich in die Tonne gehört. Jeder kann mitmachen und so eine Alternative zur Wegwerfgesellschaft schaffen.

Wenn sich an einem Samstagnachmittag im November in einem Münchner Vorort 70 Leute mit kaputten Elektrogeräten, Möbeln, Kleidern und Fahrrädern treffen, ist das mehr als nur eine ungewöhnliche Aktion. Jeder der Besucher und Mitarbeiter ist Teil einer globalen Bewegung: der „Repair Cafès“. Das sind Treffen, bei denen Freiwillige anderen Menschen helfen, ihre defekten Besitztümer zu reparieren und sie so vor der Mülltonne zu retten. Hilfe zur Selbsthilfe heißt das Konzept.

„Es steckt ein sozialer Gedanke dahinter“, sagt Silvia Engelhardt, die Initiatorin des ersten Repair Cafés im Münchner Vorort Haar. „Es ist eine Gelegenheit, Menschen zusammenzubringen. Hier können sie sich gegenseitig helfen und Hilfe finden. Das stärkt die Gemeinschaft.“ Tatsächlich findet ein reger Austausch zwischen den neugierigen Besuchern statt.

„Hat’s bei Ihnen mit der Reparatur geklappt?“, hört man oft an diesem Nachmittag. Das zeigt auch: Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass man Dinge überhaupt reparieren kann. Und es wird immer schwieriger – etwa bei Apple-Smartphones und -Tablets mit ihren fest verbauten Akkus. Zugleich kennen wir kaum noch Mitmenschen, die uns etwas „mal schnell reparieren“ könnten. Das erklärt den Andrang im Repair Café und zeigt, welches Potenzial dahrin steckt: Würden wir alle wieder lernen, wie man Dinge repariert, könnte das Sozialgefüge und Konsumkreisläufe nachhaltig verändern.

Stiftung hilft beim Aufbau von Repair Cafés

Das Konzept der Repair Cafés stammt aus den Niederlanden. Im Oktober 2009 fand in Amsterdam das erste Repair Café statt. Seit 2011 unterstützt die Stiftung „Stichting Repair Café“ lokale Initiativen bei der Einrichtung eines eigenen Reparaturcafés – auch mit Logos und Eintrag in das Ortsverzeichnis auf der zentralen Webseite. Das zentrale Verzeichnis und ein einheitliches Erscheinungsbild helfen Verbrauchern, Repair-Café-Veranstaltungen vor Ort zu finden und zu erkennen. Das macht die Idee erfolgreich: Das Konzept hat sich schon in 15 Ländern verbreitet, alleine in Deutschland findet man in 130 Städten Repair Cafés.

Auch die deutsche Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis unterstützt, berät und vernetzt Reparatur-Initiativen und arbeitet „mit Akteuren und Initiativen freier Assoziation und Namensgebung zusammen, die zu einer commons-basierten Kultur der Nachhaltigkeit und des gemeinschaftlichen Selbermachens beitragen wollen.“ In anderen Worten: Sich mit einer Reparatur nicht auszukennen ist eigentlich kein Grund mehr, angeschlagene oder kaputte Dinge einfach wegzuwerfen.

Kaufen für die Müllhalde?

Für die Veranstalter des Haarer Repair Cafés kommt der Erfolg nicht überraschend. „Viele Menschen hängen an ihren Dingen und sind froh, wenn Ihnen jemand helfen kann, sie zu reparieren“, so Silvia Engelhardt. „Es geht aber auch darum, dass es nur noch wenige Orte gibt, an denen man seine Sachen reparieren lassen kann – und um den Konsumgedanken.“

Konzerne produzieren ständig neue Waren, die schnell kaputt gehen und (zumindest ohne Fachwissen) schwer zu reparieren sind. Sie landen im Müll und werden durch neue Dinge ersetzt. Das beschert uns riesige Müllmengen – und vor allem der Elektroschrott ist für Umwelt und Gesundheit äußerst bedenklich. Zugleich erhöht die kurze Lebensdauer vieler Industriegegenstände den Produktionsausstoß und führt damit zu steigendem Rohstoffverbrauch und wachsender Umweltbelastung.

Repair Cafés bieten einen Lösungsansatz für diesen Teufelskreis: Reparieren statt wegwerfen. Mithilfe der ehrenamtlichen Reparatur-Profis befähigen die Veranstaltungen die Menschen dazu, wieder selbst zu reparieren. Und geben zudem einen Impuls für einen bewussten Umgang mit Konsumgütern.

Mit Repair Cafés der Wegwerfgesellschaft entgegenwirken

„Heutzutage wird oft so produziert, dass die Dinge nach einer bestimmten Zeit kaputt gehen“, sagt Elektriker Matthias Götz, der an diesem Samstagnachmittag in Haar einer von zwölf ehrenamtlichen Reparatur-Helfern ist. Dabei seien oft nur Kleinigkeiten defekt, die eigentlich leicht repariert oder ausgetauscht werden könnten.

Eine ältere Dame hat heute einen Tischstaubsauger mit defektem Akku mit zum Repair Café mitgebracht. „Der Staubsauger kostet um die 100 Euro. Ein neuer Akku kostet 10 Euro und ist in ein paar Minuten eingebaut.“ Doch wer das nicht weiß, wirft das Gerät weg. Auch Götz will dazu beitragen, dass wir Verbraucher uns wieder mehr mit unseren Besitztümern auseinandersetzen. „Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Dem möchte ich etwas entgegensetzen.“

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