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Schüler:innen reagieren auf Sachsens Gender-Verbot: „Keine wichtigeren Probleme?“

Schüler:innen reagieren auf Sachsens Gender-Verbot: "Keine wichtigeren Probleme?"
Foto: CC0 Public Domain - Unsplash/ Shubham Sharan

In Sachsen sind gendersensible Schreibweisen wie der Genderstern, Doppelpunkte oder Binnen-Is an Schulen untersagt. Kürzlich wurde das Gender-Verbot ausgeweitet. Utopia hat beim Landesschülerrat Sachsen nachgefragt, wie Schüler:innen dazu stehen.

Das Landeskultusministerium in Sachsen hat kürzlich sein Gender-Verbot an Schulen ausgeweitet. Dieses gilt nun auch für den Schriftverkehr mit Vertragspartnern. In der Kommunikation mit Dritten – etwa bei Projekten mit Vereinen, Stiftungen und Verbänden – soll vertraglich sichergestellt werden, dass keine geschlechtergerechten Sonderzeichen zum Einsatz kommen, darüber hat auch Utopia berichtet.

Sachsens Lehrerverband hat die Vorgehensweise des Kultusministeriums als „richtig und vernünftig“ gelobt, weil diese Klarheit schaffe – auch für Lehrkräfte. Schüler:innen sehen die neuen Entwicklungen aber kritisch. Lilly Härtig, Vorstandsvorsitzende vom Landesschülerrat Sachsen, nannte das Gender-Verbot gegenüber Utopiafalsch und unnötig“ und erklärte: „Wir fragen uns generell, ob das Sächsische Kultusministerium keine wichtigeren Probleme an Sachsens Schulen sieht.“

Die Schülerin verwies konkret auf Probleme wie Digitalisierung, Lehrkräftemangel und psychische Belastungen von Schüler:innen und ergänzte: „Wir würden uns wünschen, dass das Sächsische Kultusministerium hier ähnliches Engagement zeigt. Bezüglich des Genderns wünschen wir uns eine Aufhebung des Verbots.“

Wie sich das Gender-Verbot auf den Alltag von Schüler:innen auswirkt

Laut Härtig wirkt sich das Gender-Verbot auf verschiedene Bereiche des Schulalltags aus. Lehrkräfte könnten Schüler:innen, die gendern, in Arbeiten Punkte abziehen und das Gendern als „groben Verstoß gegen Sprachrichtigkeit beziehungsweise Form“ werten. Das heißt: Lehrer:innen dürfen deshalb schlechtere Noten verteilen. Härtig kritisiert: Einzelne Schüler:innen könnten sich zudem von Formen wie ‚Schülerinnen und Schüler‘ nicht angesprochen fühlen, nämlich Schüler:innen mit nichtbinärer Geschlechtsidentität.

Härtig fürchtet außerdem, dass Kooperationspartner:innen ihre Arbeit mit Schulen minimieren, insbesondere solche die sich programmatisch für queere Themen und Toleranz einsetzen. Denn diese würden häufig selbst gendern und gegebenenfalls davon nicht abweichen wollen. „Das ist ein Nachteil für das Bildungsangebot der Schulen, die auch von solchen externen Partner:innen leben“, findet Härtig.

Wie viele Schüler:innen vor dem Verbot gegendert haben, beispielsweise in Aufsätzen, dazu habe sie keine belastbaren Zahlen. „Es ist nicht die Mehrheit der Schüler:innen, die aktuell selbst gendert. Wir haben allerdings den Eindruck, dass es über Einzelfälle hinausgeht“, so Härtig. Sie glaubt, viele Schüler:innen würden trotz des Verbotes weiter gendern – aber eben dort, wo es nicht sanktioniert wird, zum Beispiel im privaten Gespräch.

„Wer geschlechtergerecht sprechen und schreiben will, soll das tun dürfen“

Das sächsische Kultusministerium hat bereits 2021 entschieden, dass gendersensible Schreibweisen wie der Genderstern, Doppelpunkte oder Binnen-Is nicht an Schulen und in Schulaufsichtsbehörden verwendet werden. Ziel sei eine für alle verständliche Sprache. Auch andere Bundesländer haben inzwischen Einschränkungen zum Gendern an Schulen eingeführt.

Dass Sprache mit Genderzeichen zu Verständnisschwierigkeiten führen kann, wird von Kritiker:innen oft als Argument gegen das Gendern angeführt. Zum Beispiel Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, und die die Sprache noch lernen, seien betroffen – aber auch Menschen, die allgemein Schwierigkeiten mit dem Hören oder dem Sprachverständnis haben.

Gegenderte Sprache schwierig zu verstehen?

Härtig räumt ein, dass es Schüler:innen gebe, für die gegenderte Sprache schwieriger zu verstehen sei. Allerdings sei hier kein pauschales Gender-Verbot die Antwort, sondern die Auseinandersetzung mit dem Einzelfall und die individuelle Rücksichtnahme. „Das Problem ist hier nicht das Gendern an sich, sondern das allgemeine Sprachverständnis“, findet die Vorstandsvorsitzende. „Insofern muss auf diese Personengruppen schon jetzt und komplett unabhängig vom Gendern Rücksicht genommen werden, damit sie im Unterricht und im Schulalltag nicht ausgeschlossen werden.“

Sie hält die Entscheidung des Kultusministeriums für falsch, das sei sie auch vor knapp zwei Jahren schon gewesen. „Auch das Gendern folgt bestimmten allgemeinen geübten Regeln“, erklärt Härtig. Diese könnte man leicht als erlaubt anerkennen. „Wer geschlechtergerecht sprechen und schreiben will, soll das tun dürfen.“

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